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HINTERTREPPEN DES GEISTES

„Ich merke immer, ob jemand die Wahrheit sagt – oder lügt“, sagt sie. Und dabei schaut sie mir in die Augen. Sie hat gute Augen, dunkel wie ein sternenloser Nachthimmel. Kaum kann man Iris von Pupille unterscheiden.

Wir stehen auf einem Bahnsteig. Wir warten hier schon lange. Ich bin mit einem Bus zum Bahnhof gefahren, der vom Flughafen her gekommen ist. Wo ich gelandet bin. Stunden ist es her. Vor dem Flug bin ich auch schon mit einem Zug unterwegs gewesen, der mich zu einem anderen Flughafen gebracht hat. Von einem weiteren Flughafen aus.

Ich habe nur noch mein Handgepäck. Mein Koffer würde mir nachgeschickt, an meinen Zielort, haben sie mir am vorletzten Flughafen berichtet. Pech für mich. Denn ich habe keinen Zielort mehr. Oder ich habe ihn vergessen. Ich reise schon seit einer halben Ewigkeit. Permanent. Mit ganz knappen Anschlusszeiten. Ich schlafe in Verkehrsmitteln, rasiere mich auf Zugstoiletten, dusche an Flughäfen, esse an Bahnhöfen. Jawohl.

Yes Ma’am, ich tue dies schon derart lange Zeit, dass ich vergessen habe, wo ich einst hergekommen bin. Da sind nur noch einige Erinnerungsfetzen, die zusehends bleicher werden…

Ich weiss noch, dass früher manchmal eine Frau auf mich gewartet hat. Weil ich ihr nicht gesagt habe, wo ich hingehe und wann ich wieder zurückkomme. Deshalb hat sie angenommen, dass ich zu einer normalen Zeit, was sie halt unter einer normalen Zeit verstand, heimkehren würde. Doch ich habe nie eine normale Zeit gekannt. Ich bin oft erst zurückgekommen, wenn die Vögel einen neuen Tag eingepfiffen haben. Die Frau hatte allerdings zwölf Stunden zuvor mit meiner Rückkehr gerechnet. Sie hatte offenbar gekocht. Und nicht gegessen. Sie hatte offenbar geschlafen, meine Heimkehr weckte sie auf. Sie freute sich in solchen Fällen nicht darüber, dass ich die gemeinsame Wohnstätte betrat.

Zwölf Stunden vorher hätte sie sich darüber gefreut. Dies konnte ich an der Lingerie ablesen, die sie auf einem der wuchtigen Metallstühle im Schlafzimmer bereitgelegt hatte.

Es war ein Body, von Luxxa, ein Kleidungsstück, das Öffnungen an Körperstellen aufweist, die immer bedeckt sein müssen, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt. Körperstellen betont, die sogar im Schwimmbad oder am Strand zumeist verborgen bleiben müssen, obwohl dort ja freizügigere Regeln gelten.

Es ist also kein Kleidungsstück, das von jenen Blättern abstammt, mit denen Adam und Eva einst ihre Scham vor dem Herrn bedeckt hatten, nach dem berühmten Sündenfall. Ganz im Gegenteil.

Es stammt aus einer Kleider-Familie, die wiederum mit den Bilderrahmen verwandt zu sein scheint, denn es umrahmt Schaureize, stellt sie heraus, betont sie damit ungemein, was mir eigentlich sehr gut gefällt. Und dieser Body von Luxxa – er heisst Cannes, wie die berühmte Filmstadt, eine Stadt, die es in Wirklichkeit bekanntlich gar nicht gibt, er besteht aus extrem wenig Stoff, kostet jedoch eine schöne Stange Geld – hat mir immer besonders gut gefallen; seltsam, wie einem gewisse Produktenamen im Gedächtnis haften bleiben…

Wäre ich zwölf Stunden vorher heimgekommen, hätte ich also das Paradies erlebt. Ich kam zwölf Stunden später an. Und erlebte die Hölle.

Diese Geschichte ist nicht nur einmal geschehen, sie hat sich mehrmals zugetragen, sonst hätte ich sie nicht memoriert, denn die meisten anderen Dinge habe ich – seit ich permanent unterwegs mit, mit ganz knappen Anschlusszeiten -, wie bereits angetönt, vergessen. So kann ich mich nicht mehr an den Namen der wartenden Frau erinnern, nicht mehr an die Strasse, an der unsere gemeinsame Behausung lag, nicht mehr an die Stadt, deren Teilstück diese Strasse war….

„Wenn mich jemand anlügt, sehe ich das sofort“, sagt nun die Frau auf dem Bahnsteig zu mir. „Ich erkenne es nicht nur an den Augen der Leute, ich sehe es auch am Gesichtsausdruck, ich erkenne es anhand der Körpersprache. Sogar wenn jemand einen Verband tragen würde, der das ganze Gesicht bedeckt, und nur den lügenden Mund freilässt, ich könnte die Lüge immer entlarven!“ Sie schaut mich nun herausfordernd an, nachdem sie diese Worte gesprochen hat.

Die beiden Wörtlein „ich“ und „mich“ betonte sie im Lied ihrer Rede übrigens jeweils besonders stark.

Seit ich permanent unterwegs bin, von Flug, zu Bus, zu Zug, zu Bus, zu Flug, kommt mir alles, was die Leute so sagen, nämlich wie Gesang vor, wie Operngesang, populäre Lieder oder Vogelgezwitscher; wenn ich zuhöre, achte ich mehr auf die Melodie – als auf den Inhalt, den die Worte mir verkaufen möchten. Mit dem Antworten lasse ich mir Zeit. Vor allem in Wartesituationen, wie jetzt gerade, auf diesem Bahnsteig, in der Raucherzone, wo ich mit dieser Frau ins Gespräch gekommen bin, deren Iris so dunkel sind, dass man sie kaum von den Pupillen unterscheiden kann.

Name, Strasse, Stadt – alles vergessen.

Es sind nur Gefühle, Szenen, Momente, die ich aus meiner Vergangenheit mitbringe. Ich kann mich daran erinnern, dass ich auf einem weichen Sofa gesessen habe, das mir gehörte, damals habe ich nämlich grosse, sperrige Dinge besessen. Das kommt mir heute, wo ich bloss noch ein Handgepäck mein Eigen nenne, grotesk vor. Ich kann mich also erinnern, dass ich auf diesem weichen Sofa gesessen und geraucht habe, während eine Dame vor mir herumtänzelte, nichts als einen Cannes Body von Luxxa am wohlgeformten Leib, es handelte sich übrigens nicht um jene Art von Tanz, bei der das Innerste zum Ausdruck gebracht, sondern um jene andere, bei der das Äussere zur Schau gestellt wird.

War es die gleiche Dame, die einst so oft auf mich gewartet hat? Die mich, wenn ihr Warten beendet war, jedes Mal so furchtbar angebrüllt und zum Teufel gewünscht hat?

Ich weiss es nicht, es könnte auch eine andere gewesen sein…

Aber sind die anderen Leute in ihrem Inneren überhaupt immer die gleichen Personen? So wie ich es bin? Oder sind sie bloss Hüllen, deren Inneres permanent ausgewechselt wird? – Durch eine unbekannte Macht, die ausserhalb von mir wirkt, die auf mich reagiert, weil es in Wirklichkeit nur das Grosse da draussen und mich hier drinnen – in meinem winzigen Stecknadel-Kopf – gibt; weil die anderen Individuen vielleicht nur Täuschungsmanöver darstellen, die ein wahnsinniger Demiurg für mich inszeniert…

Und während ich auf meinem Sofa sass, rauchte, dem Tanz interessiert zuschaute, pflegte ich, so erinnere ich mich, zu denken: „Ich sitze auf dem schönsten Sofa im Zimmer, im schönsten Zimmer der Wohnung, in der schönsten Wohnung im Haus, im schönsten Haus der Strasse, in der schönsten Strasse der Stadt, in der schönsten Stadt im Land, im schönsten Land auf dem Kontinent, auf dem schönsten Kontinent der Welt, auf der schönsten Welt des Sonnensystems, im schönsten Sonnensystem des Universums…“

Heute ekelt mich vor dieser Gedankenkette, die doch einst so befriedigend gewesen war. Ja, einst haben mich diese Gedanken zutiefst entzückt, dann sind sie normal geworden, dann haben sie mich gelangweilt, dann geärgert, so sehr, dass ich jene Gelegenheit sofort ergriffen habe, die einer mir damals am Telefon angeboten hatte.

Eines Tages vibrierte also mein Handy. Ich nahm den Anruf entgegen. Eine freundliche Männerstimme liess mich wissen, dass ich ausgewählt worden sei, aufgrund der Tatsache, in einem Computer gespeichert, dass ich offenbar gerne reise. Ich reise wirklich gerne, antwortete ich. Die Stimme bot mir sodann eine neue Beschäftigung an, in deren Rahmen ich viel reisen könne. Da dachte ich nicht lange nach. Ich sagte zu. „Prima“, sagte die Stimme, ich müsse mir nun einfach ein Gepäck und ein Handgepäck besorgen. Und mich heute Abend am Bahnhof einfinden. Dann würde die Reise losgehen. Ich müsse mich, während ich unterwegs sei, um keinerlei Details kümmern. Alles sei arrangiert, ich würde die Tickets, die Zeitpläne, mein Taschengeld, meine Zigaretten unterwegs immer rechtzeitig erhalten. Wohin führt denn diese Reise? Fragte ich. Die Stimme am Telefon lachte kurz. Nicht besonders gutmütig. Und meinte dann nur: „Wir wissen, dass Sie weg wollen, einfach nur weg. Und Sie wissen ja, dass der Weg das Ziel ist.“

Ich sagte nur: „Gut“!

Seither bin ich unterwegs. Es ist nicht besonders unangenehm. Ich habe eigentlich nur eine Aufgabenstellung, die allerdings zwei Modi aufweist, ich muss entweder die knappen Anschlüsse erwischen, die man für mich arrangiert hat, oder ich muss lange warten, weil ich einen dieser Anschlüsse verpasst habe. Was ich während der Reise, während den Wartezeiten so treibe, ist einfach egal. Ich muss schon seit Jahren unterwegs sein. Am Anfang habe ich den Lauf der Monate noch beachtet. Inzwischen denke ich nur noch in Wochentagen und Uhrzeiten. Die Jahre kümmern mich nicht mehr. Ich lebe in einer Blase, immer unterwegs. Nichts klebt. Kaum ist etwas passiert, bin ich schon wieder weg.

Der Status des Reisenden umhüllt mich, wie ein Bernsteintropfen eine Fliege umhüllen mag.

„Es ist unmöglich, mich anzulügen,“ betont die Frau in der Raucherzone auf dem Bahnsteig nochmals, ich starre permanent in diese dunklen Augen, während ich in meinen Gedanken und Erinnerung wühle. Jetzt blitzt in meinem Kopf plötzlich ein mentales Bild auf: Ich sehe die Dame, die mir da gerade gegenübersteht, in einem Cannes Body von Luxxa, eine Zigarette rauchend.

Deshalb sage ich jetzt endlich etwas: „Ich merke es nie, wenn jemand mich anlügt. Ich glaube – mit Verlaub – auch nicht, dass Sie es wirklich merken. Sie legen sich das einfach so zurecht, dass es für Sie stimmt. Die Menschen haben ihr Äusseres. Ihr wohldekoriertes Schaufenster, ihren geschmückten Rahmen, ihre bemalte Fassade. Dann haben sie ihr Inneres, das – so erlebe ich es – gleichsam ein riesiges Haus darstellt, mit einer unendlichen Zahl von Räumen und Gängen, Treppen und Hintertreppen. Wir können jemandem noch so tief in die Augen schauen, wir werden dabei niemals sehen, was auf den Hintertreppen des Geistes der anderen Person gerade passiert. Denn auf den Hintertreppen des Geistes werden die Lügen gesponnen. Und oft weiss die Person, die lügt, gar nicht, dass sie lügt. Im Moment kommt ihr die gegebene Aussage als die reinste Wahrheit vor. Erst die Konstellation macht die Aussage zur Lüge. Wenn das Innen mit dem Aussen kollidiert, kann die schönste persönliche Wahrheit zur Lüge werden, dort draussen, in der Welt der Dinge, die mit der Welt der Gedanken nur manchmal und ganz zufällig übereinstimmt. Ansonsten sind sich diese beiden Welten nämlich derart fremd, dass es ärger nicht sein könnte…“

Die Dame verzieht den Mund, Irritation blitzt in ihren dunklen Augen auf. Bevor sie antworten kann, fährt unser Zug ein. Es ist ein alter Zug, elegant wie der Orientexpress.

Später essen wir im Speisewagen. Am gleichen Tisch. Obwohl ich sie mit meinem Redeschwall irritiert habe, scheint sich die Dame für mich zu interessieren. Sie hat eine lange Zugfahrt vor sich, sie muss nach Bizarritz, ich eine noch längere, ich muss nach Bad Choronzon de la Madonna Madre Dios, wo ich ein weiteres  Flugzeug erwischen soll.

So essen wir, so trinken wir Wein, so reden und rauchen wir. Ich erzähle ihr von meiner Reisetätigkeit. Sie fragt mich, ob ich denn nie die Gesellschaft einer Frau vermisse, unterwegs, vor allem die Nähe, in den Nächten.

Ich antworte und lüge dabei: „Nie. Mit diesen Dingen habe ich abgeschlossen. Ein Reisender muss sich von derartigen Wünschen lösen. Ich rede gerne hin und wieder mit einer Dame, ansonsten habe ich keine Wünsche mehr.“ Dann wenden wir uns lustigen und fröhlichen Themen zu. Bevor wir uns in unsere Einzelschlafabteile begeben.

Ich liege nun im Bett und lese in meinem Buch „Divine Horsemen – The Living Gods of Haiti“ von Maya Deren, ich liebe dieses Buch, zudem bin ich in das Bild der Autorin verliebt, sie ist lange schon tot, welches auf dem Buchrücken prangt.

Da klopft es plötzlich an der Tür. Ich schliesse auf. Draussen steht die Dame mit den dunklen Augen, in einem langen grünen Frottee-Bademantel. Sie drängt sich in mein Abteil. Schliesst die Türe hinter sich und sagt: „Ich weiss, dass Du gelogen hast.“ Sie löst den Gürtel des grünen Bademantels, zieht ihn langsam aus. Darunter trägt sie – eben nicht den Cannes Body von Luxxa. Sondern die Avery Playsuit von Agent Provocateur, die ich ebenfalls sehr reizvoll finde. – Seltsam, wie einem gewisse Produktenamen im Gedächtnis haften bleiben…

„Alles ist gelogen“, sage ich noch, bevor die Spiele beginnen.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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