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Star Trek: Discovery – Besprechung zu “Lichtpunkte” (S2E3)

Von Gastautor Sebastian Blasek

Spoilerwarnung.
Diese Rezension enthält massive Spoiler zu „Lichtpunkte„, der dritten Folge der zweiten Staffel von Star Trek Discovery und sollte nur gelesen werden, wenn man auch diese und vorangegangene Episoden gesehen hat.

I. Einleitung.
Discovery für Schreiber von Rezensionen nur sehr schwer zu fassen. Während man bei jeder Folge der Originalserie, dem nächsten Jahrhundert oder Voyager problemlos Einzelfolgen nehmen konnte, um sie danach zu zerpflücken, ist das mit Discovery eine ganz andere Kiste. Hier gleichen Episoden eher einem wirren Haufen Bausteine, die erst am Staffelende zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Es ist ein wenig so, als sollte man ein Hotel bewerten, obwohl es gerade im Bau ist und man nur Einblick in das hat, was ein Laster vor einer halben Stunde auf der Baustelle abgeladen hat.
Also wirklich, da waren die Zeiten früher einfacher! Klar gab es mal Doppelfolgen und Deep Space Nine hat sich redlich Mühe gegeben, weit auszuholen, aber wenn so eine Folge vorbei war, wurde der Zuschauer nicht ohne ein Motiv, eine Moral und eine halbwegs abgeschlossene Entwicklung entlassen. Man hatte etwas, an dem man sich festhalten konnte und wenn es doof war, hatte man immerhin die Hoffnung, dass die nächste Folge nicht genauso doof sein könne.
Discovery hingegen gönnt uns diesen Luxus nicht. Es gibt nur bröckchenweise Hinweise frei und gleicht erzähltechnisch mehr einer Film-Trilogie in Herr-der-Ringe-Länge (Ultra Extended Version), die jemand auf ein Dutzend Dreiviertelstunden heruntergebrochen hat. Für sich allein genommen kann man diesen Ausschnitten viel zu wenig Aussagekraft abgewinnen.
Nach zwei Folgen, die diesem Konzept ein wenig widersprachen, deuteten erste Bilder bereits an, dass die Geschichte nun so richtig an Fahrt aufnehmen würde. Aber bedeutet das auch zwangsweise die Rückkehr zu schwer fassbaren Teilstücken, die sich einer Analyse entziehen?

II. Story.
Es ist was faul im Staate Qo’noS. Die unter der Kanzlerin L’Rell vereinten Häuser sind zwar nach außen hin geeint, doch hinter den Kulissen der Macht brodelt es gewaltig. Unter der Führung des Hauses Kor hat sich eine Opposition gebildet, die sich das vermeintlich schwächste Glied in der Verteidigung der Regentin herausgepickt hat: Den Menschen Ash Tyler, der zuvor als Albino Voq auch nicht unbedingt bessere Karten hatte. Während sich der Günstling im Körper des Feindes von allen Seiten herabgesetzt fühlt, stößt er bei seinen Recherchen auf ein dunkles Geheimnis, das die bestehenden Machtverhältnisse zu erschüttern droht.
Derweil erhält Burnham Besuch von ihrer Mutter. Amanda Grayson, wegen der Einweisung ihres Sohnes Spock in eine Psychiatrie rastlos vor Sorge, bittet sie in ihrer Verzweiflung um Hilfe. Auf der Sternenbasis 5 hat sie die medizinischen Unterlagen ihres Sohnes entwendet und benötigt nun jemanden, der ihr die verschlüsselten Daten zugänglich macht. Als es ihr gelingt müssen beide entdecken, dass Spocks Visionen im Kinderalter mehr als nur Einbildung waren. Doch längst gibt es größere Probleme um den Halbvulkanier, der beschlossen hat, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
Schließlich beginnt Tilly am Rande des Wahnsinns zu wandeln. Ihre imaginäre tote Jugendfreundin beginnt sie mehr und mehr zu terrorisieren bis hin zum Punkt, an dem sie während des Kommando-Trainings-Programms auf der Brücke und vor versammelter Mannschaft öffentlichkeitswirksam das Handtuch wirft. Erst als sie sich in ihrer Verzweiflung ihrer besten Freundin Michael Burnham anvertraut, geht ihr schließlich ein Licht auf, dass sie vielleicht weniger den Verstand verliert, als viel mehr an einer Pilzinfektion der ganz besonderen Sorte leidet…

III. Lobenswerte Aspekte.

Klingonenbegegnungen.
Da sind sie auch schon wieder: Die komischen Erzbösewichte aus der ersten Staffel, die wohl kaum ein Zuschauer wiedersehen wollte.
Tatsächlich kommen die Klingonen aber generalüberholt aus der Sendepause. Sie haben die E.T-Schädel verloren und auch wieder Haupthaar erhalten (wenn man mal von ein paar Ausnahmen absieht). Es scheint, als hätten sich die Produzenten abermals einen massiven Kritikpunkt der Fans wirklich zu Herzen genommen und wenigstens im Ansatz die Bereitschaft zur Änderung demonstriert.
In der veränderten, aber nicht immer gelungenen Darstellung (so mancher der Krieger wie L’Rells Oheim Ujili sehen auch mit Haarteil aus wie radioaktiv verstrahlte Orks) seitens der Maskenbildner liegt aber nur ein kleiner Teil dessen, was man an dieser Stelle positiv herauskehren muss.
Es ist eher der nahezu rührselige Ansatz der Autoren, die Klingonen so vorbildsgetreu wie möglich umzusetzen. Sicherlich mag so mancher an dieser Stelle zu Recht anmerken, dass sie nur wenig mit ihren Vorbildern aus der Originalserie gemein haben, doch dafür sind sie umso mehr an ihre Ahnen aus den Kinofilmen und TNG angelehnt. Machtspiele im Hohen Rat, wie wir sie hier sehen konnten, sind zuvor lediglich im nächsten Jahrhundert in entsprechender Weise thematisiert worden, wobei ich besonders spannend fand, dass Duras‚ Ränkespiele keineswegs eine Spezialität seines Hauses zu sein scheinen, sondern eine Begleiterscheinung von Macht, die selbst ehrenhafte Häuser wie das des Kor nicht verschont.
Darüber hinaus werden wir gleich zu Beginn der Folge Zeuge, wie dem umstrittenen klingonischen Schiffsdesign der ersten Staffel mit der Vorstellung der ‚neuenD7-Klasse der Rücken gekehrt wird. In den eher behäbigen Kampfszenen (da hätte man bei TNG ruhig noch etwas genauer hinschauen können) wirkt das Blut in manchen Einstellungen sogar so rosa wie im sechsten Kinofilm. Ja selbst die sporadischen Außenaufnahmen von der Planetenoberfläche Qo’noS‘ entpuppen sich als echte Hingucker.
So wird auch unter Zuhilfenahme zentraler klingonischer Mythen wie jene um Boreth, Kahless oder Lukara ein schlüssiges Klingonenbild gezeichnet, das Wiedergutmachungsarbeit für die Fehler der vergangenen Staffel leisten zu wollen scheint.

Hintertürchen.
Als unlängst bekannt gegeben wurde, dass es eine weitere Star-Trek-Serie geben wird, die sich um die Sektion 31 drehen wird, waren die Reaktionen eher negativ. Nun, wo sich der inoffizielle Föderationsgeheimdienst mit der Lizenz zur Skrupellosigkeit erstmals offiziell auch offen in Discovery präsentiert hat, kann ich mir schon ausmalen, was passieren wird. Viele Rezensenten, Kommentatoren und Fans werden in dieser Folge einen Spin-Off-Piloten sehen, der ähnlich wie damals „Ein Planet genannt Erde“ eigentlich für eine Serie gedacht ist, die ohnehin kaum eine Chance hätte.
Doch das tut der Folge Unrecht.
Nicht nur, dass die Sektion 31 nur ein kleiner Bestandteil eines größeren Handlungsbogens um die Klingonen ist – dieser Klingonen-Bogen ist nur einer von drei Erzählsträngen, die in dieser Folge gleichberechtigt nebeneinander herlaufen.
Darüber hinaus wurde erst im November 2018 bekannt, dass eine Serie um die Sektion 31 geplant sei. Die Folge wurde allerdings spätestens im Mai 2018 gedreht und liegt damit knapp ein halbes Jahr vor der Zeit, in der diese Planspiele spruchreif wurden.
Selbstverständlich kann ich mir beim Ansehen der Episode gut vorstellen, dass den Produzenten eine solche Idee kam, denn auch wenn ich sicherlich in ein Wespennest stoßen werde:
Ich kann das gut verstehen!
Bislang war Sektion 31 stets etwas äußerst schwammiges, das eher im Ausnahmefall thematisiert wurde. Wie die Organisation funktioniert, was sie in der Geschichte der Föderation bereits beeinflusst hat und wie sie überhaupt ihre Aktionen durchführt, war – wie bei jedem vernünftigen Geheimbund – von einem undurchdringlichen Mantel des Schweigens umhüllt. Jetzt erhalten wie einen spannenden Einblick, der irgendwo zwischen Spezialeinheit, Fälscherwerkstatt und Ränkeschmiede liegt und ich muss zugeben, dass es selbst mir als traditionalistischem Skeptiker gefällt.
Warum?
Weil es logisch ist.
Die beständige Naivität, mit der Weltraumabenteurer wie Archer, Kirk oder Picard ihre Raumschiffe durch die von politischen Trennlinien durchzogene Galaxie tapsen, kann bei einer so utopischen Gesellschaftsform wie der Föderation eben nur Bestand haben, wenn wenigstens ein Teil dieser ach so friedvollen Weltraumrepublik bereit ist, zum Selbstschutz das dreckige Spiel der anderen Mächte mitzuspielen. Natürlich haben die verschiedenen Captains in spannenden Abenteuern denkbar knapp gegen Klingonen, Romulaner oder Cardassianer den Tag gerettet, doch am Ende ist es etwas gewagt, das Geschick einer ganzen galaktischen Zivilisation allein in die Hände einiger weniger fähiger Captains zu legen. Was wenn ‚das einzige Schiff im Quadranten‚ mal nicht rechtzeitig eintreffen würde? Was wenn es sein Ziel nur teilweise erreicht? Und was ist, wenn es gar scheitert?
Um die Glaubwürdigkeit einer mehr als zweihundert Jahre funktionierenden Vereinten Föderation der Planeten aufrecht zu erhalten, bedarf es schlichtweg der Sektion 31 und es zählt zu den Verdiensten dieser Folge, diesen Aspekt einmal verdeutlicht zu haben.

Charaktermomente.
Eine ganze Reihe von Figuren kann ich an dieser Stelle deshalb so schnell abhandeln, weil sie kaum wirklich Platz in der mit drei konkurrierenden Erzählsträngen sehr vollgepfropften Folge erhalten haben, um sich frei entfalten zu können.
Zu diesen ‚Verlierern der Woche‘ muss man wohl neben Saru, Paul Stamets und dem vormals so schwungvollen Captain Christopher Pike auch die gesamte restliche Crew der USS Discovery zählen, die nach den Freiheiten der letzten beiden Episoden nun wieder das gleiche Joch erfahren, das sie schon unter Lorca erleiden mussten: Sie kommen kaum oder gar nicht zu Wort. Zudem sucht man noch immer vergeblich nach Jet Reno, Nhan, Doktor Pollard oder gar Spock.
Davon ab gibt es allerdings keinen Totalausfall.
Zweifellos könnte man sich im Fall von L’Rell trefflich darüber streiten, wie gut ihr Auftritt war (vgl. dazu Kritikwürdige Aspekte), aber man kommt einfach nicht umhin, Mary Chieffo für ihre schauspielerische Leistung unter der schweren Maske Tribut zu zollen. Nicht nur, dass sie eine harte Reichskanzlerin (besser) genauso porträtieren kann wie eine zerbrechliche Mutter (schlechter); sie nimmt sich darüber hinaus auch den Luxus heraus, an ihrem klingonischen Akzent festzuhalten. Dafür Hut ab!
Ich haben mich außerdem gefreut, den Klingonen-Hipster Ash Tyler (Shazad Latif) wiederzusehen und fand es auch logisch, dass er als Mensch mit massiven Schwierigkeiten im Klingonischen Reich zu kämpfen hat. Seine Holokommunikationsszene mit Burnham war angenehm zivilisiert, aber abgesehen davon wirkte er zuweilen verloren. Das passte einerseits perfekt in seine Rolle; andererseits wirkte sein Charakter dadurch aber auch permanent überfordert.
Nachdem Sylvia Tilly (Mary Wiseman) in der letzten Episode eher negativ in Erinnerung blieb, gelingt es ihr in „Lichtpunkte“ mit einer recht guten Performance zu glänzen. Sie wirkt dem Wahnsinn nahe, wenn sie von May geplagt wird, energisch als es um die Lösung des Pilz-Parasiten geht und am Boden zerstört, als sie sich Burnham anvertraut. Sie darf die ganze Palette schauspielerischer Leistungen abrufen und das gelingt ihr (von ganz wenigen Ausnahmen wie dem Marathonlauf abgesehen) verdammt gut.

Schließlich darf auch Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) in dieser Auflistung nicht fehlen, denn auch sie liefert eine gute Vorstellung ab. Man nimmt ihr die Liebe zu ihrer Ziehmutter genauso ab wie ihre Selbstzweifel zu dem, was auch immer sie Spock angetan haben mag. Auch sie zeigt eine Menge Emotionen und verzichtet doch auf den traurigen Hundeblick, zu dem sie in letzter Zeit recht häufig tendierte.
Die absoluten Gewinner dieser Folge sind jedoch drei andere Personen.
Die erste bleibt Philippa Georgiou (Michelle Yeoh), die mit einer stilvollen Eleganz, einer Prise Witz und einer dezenten Verruchtheit die Rolle des eiskalten Sektion-31-Vollstreckers ausübt. Dabei gelingt es ihr eine Souveränität auszustrahlen, die nicht mehr die einer Imperatorin, aber auch nicht die eines Sternenflottencaptains ist. Yeoh hat ihren Charakter noch einmal selbst erfunden, um ihrer neuen Position innerhalb der Serie gerecht zu werden. Genau das macht eine so gute Schauspielerin aus.
Besonders angetan war ich außerdem von der Darstellung des Klingonen Kol’Sha. Ich musste erst im Internet recherchieren um zu erfahren, warum ich ihn wohl so mochte: Kenneth Mitchell hat bereits Kol gespielt (der mich in ähnlicher Weise überzeugte) um nun als dessen Vater zurückzukehren. Klar ist es immer ein wenig dankbarer, einen Bösewicht zu verkörpern, aber Mitchell schafft es grandios, eine gewisse Erhabenheit (ähnlich der Kanzler Gorkons, Martoks oder Kamarags) in seine Rolle miteinzubringen, die seinen Figuren gut zu Gesicht steht.
Mein absoluter Star der Folge heißt aber Mia Kirshner, der es mit ihrer Version von Amanda Grayson endgültig gelang, Spocks in der Originalserie eher wie eine schwache Hausfrau angelegte Mutter mit plötzlichem Selbstbewusstsein, stilvollem Tatendrang und ungebrochener Unabhängigkeit zu erfüllen. Sie ist zu einer Mutter geworden, die für ihre Kinder kämpft, die eigene Fehler eingesteht und nicht bereit ist, klein beizugeben.
Meinem persönlicher Lieblingsmoment kommt dabei besondere Bedeutung zu. Während ich mich schon immer fragte, wie sie als Mutter tatenlos zusehen konnte, wie ihr Sohn durch einen Emotionsentzug in seiner Kindheit traumatisiert wurde, setzt sie sich vor ihrer Tochter offen mit diesem Missstand auseinander und räumt ein, dass sie in der Psyche ihres Sohnes Wunden hinterlassen haben könnte.
Auch wenn ich nach Winona Ryder (meinem Jugendschwarm) nicht glaubte, eine passender besetzte Amanda Grayson miterleben zu können, wurde ich tatsächlich eines besseren belehrt.

IV. Kritikwürdige Aspekte.

Lückenfüller.
Da ist man grade mutig dorthin gegangen, wo wirklich nie zuvor jemand gewesen ist, und dann ist plötzlich auch alles schon wieder aus. Mit der Re-Zentrierung des Fokus‘ auf Burnham, dem Ausflug nach Qo’noS, dem plötzlichen Pilzbefall Tillys und dem Auftauchen der ehemaligen Spiegeluniversums-Imperatorin ist nicht nur der flotte, optimistische Start-Ton verloren gegangen, sondern auch ein Rückfall in alte Zeiten vollzogen worden.
Lauter Aspekte, die schon in der ersten Staffel für Unmut, Unglauben und Unsinn gesorgt haben, sind auf einen Schlag in nur einer Folge zurückgekehrt. Statt wirklich etwas Neues in einem Weltraum zu finden, das wirklich groß genug wäre, um mal die ein oder andere Story abseits des bisher beschrittenen Weges zu erkunden, insistiert man in sturem Beharrungsvermögen darauf, den immer gleichen Trampelpfad auf- und abzustiefeln. Klar könnte man das Ganze im Tonus meines eingangs propagierten Optimismus‘ auch als Mut auslegen, die Fehler der Vergangenheit ausbügeln zu wollen, aber allein der Glaube daran fehlt mir. So bedarf es eigentlich nur noch Mudds und Lorcas, um statt einer neuen innovativen ‚Staffel 2‚ eine nahtlose ‚Staffel 1.2‚ zu fabrizieren.
Vielleicht ist es aber auch nur so frustrierend, weil man sich zwei schöne Folgen Zeit genommen hat, das Discovery-Gefüge völlig neu zu ordnen, nur, um nun nicht nur in alte Gewohnheiten zurückzuverfallen, sondern wie bereits zuvor mal wieder viel zu viele Fässer gleichzeitig aufzumachen.
Ganz ehrlich, die Handlung erschlägt beim ersten Mal Ansehen und der Umstand, dass wir drei zum Sinken überladenen Handlungssträngen folgen, die entweder fortgeführt oder neu aufgemacht werden, ohne zu Ende erzählt zu werden, spricht dieser Episode (wie so einigen der ersten Staffel auch) das Recht ab, als eigenständiges Kapitel betrachtet zu werden.
Diese negative Stimmung scheint sich auch in den recht düsteren Look der Folge eingeschlichen zu haben und auch wenn der Soundtrack noch immer sehr gut ist, beginnen Wackelkamera und Lensflares, über die sich bislang gut hinwegsehen ließ, mittlerweile wieder zu nerven.

Babyparty!
Die Folge ist voll von ausrechenbaren Dialogen, vorhersehbaren Auftritten und vor allem völlig absurden Entwicklungen. In den einzelnen Erzählebenen werden ein um’s andere Mal Kaninchen aus dem Hut gezogen, ohne dass der Zuschauer die Chance erhält aus dem Staunen herauszukommen, was für eine hanebüchene Idee die Schreiber sich jetzt wieder aus den Fingern gesaugt haben.
So ist zum Beispiel nur schwer nachzuvollziehen, dass Spock, nachdem man ihm schon eine nie erwähnte Adoptivschwester angehängt hat, parallel dazu auch noch seit frühester Kinderzeit von einem der roten Engel heimgesucht wurde. Das allein zerrt schon allein durch die Überfrachtung einer in zwei Serien (plus zwei Folgen aus TNG) und acht Kinofilmen aufgebauten Figur arg an der Glaubwürdigkeit.
Traurigerweise ist das noch das geringste Übel.
Der Facepalm-Höhepunkt einer jeden Person, mit der ich das Vergnügen hatte, diese Folge sehen zu dürfen, war der Umstand, dass Ash Tyler plötzlich Papa eines kleinen Mini-Klingonen wurde. Dabei störte zum einen, dass die Schwangerschaft selbst bei großem Wohlwollen kaum in die Chronologie der ersten Staffel passen mochte (deshalb natürlich ein Frühchen!). Zum anderen war auffällig, dass das kleine Wesen bestenfalls eine Requisite war, die irgendwann auftauchte, um irgendwann auch wieder zu verschwinden. Inhaltlicher Mehrwert: Null.
Oder möchte sich allen Ernstes jemand zum Verteidiger jener Szene aufschwingen, in der Ash sich eben von den Berührungen L’Rells vergewaltigt fühlt, nur um im Angesicht des Nachwuchses wieder zum Kuscheln überzugehen?
Ich wage zu behaupten, dass man einen Abschied Tylers von Qo’noS erzählerisch geschickter hinbekommen hätte, wenn man nicht die Baby-Karte gezückt hätte.
Streit? Ein Missverständnis? Eine Hofintrige? Alles wäre stilvoller gewesen als diese uninspirierte Seifenoperidee, die in bester Seifenopermanier ausgeweidet wurde.
Der einzige Zweck zur Einführung eines Babys den ich mir erklären kann, liegt in einer der fürchterlichsten Reden der Star-Trek-Geschichte – dem zweiten Facepalm-würdigen Moment dieser Episode. Als sich die Kanzlerin L’Rell zu „Mutter“ (Rammstein, ick hör Dir trapsen!) der klingonischen Nation ausruft, ist das nicht nur die unterste Rhetorik-Schublade, sondern auch unfreiwillig komisch im Deutschen.
Eine Kanzlerin, die eine Mutti für das Volk ist, statt eigene Kinder zu haben?
Hab ich tatsächlich schon einmal irgendwo gehört, ohne dass ich beim ersten Mal in Begeisterungsstürme ausgebrochen wäre. Wer hätte gedacht, dass es beim zweiten Mal ähnlich sein könnte??

Logiklöcher und Kanonbrüche.
Bevor ich zu schimpfen beginne, will ich an dieser Stelle noch einmal lobend auf meine eingangs getätigten Bemerkungen zu den Klingonen hinweisen (vgl. Lobenswerte Aspekte), aber auch einmal Sonderlob aussprechen.
Als Pike Burnham beauftragt, alles daran zu setzen, dass die Discovery Spock findet, bevor die Sternenflotten-Justiz das tut, hat mich dies daran erinnert, dass Spock sich in „Talos IV – tabu“ ebenfalls in ähnlich sturer Manier für das Wohl Pikes eingesetzt hat und dabei genauso etwaige Konsequenzen ignoriert hat. Ein unauffälliger, aber nichtsdestotrotz genialer Querbezug auf die Originalserie.
Ich habe mich außerdem in der gleichen Szene sehr gefreut, dass die Datenscheiben aus der Originalserie einen Auftritt erhielten. Es wirkt meist wie ein völlig veraltetes Stück Technik, doch der Folge ist es gut gelungen, dieses kleine Stück Technologie hinüberzuretten.
Außerdem funktioniert der Großteil der Subraum-Kommunikation zwar noch immer mit Holotechnologie, doch immerhin sah man Pike einen Bildschirm bevorzugen, was ihm prompt den Spott seines Kollegen einbrachte.
Da fangen aber auch schon die Probleme an: Heißt das jetzt, dass Pike und Kirk einfach nur gegen den allgemeinen Zeitgeist schwammen, als sie den Bildschirm nutzen? Und was war dann mit Picard, Sisko oder Janeway? Sind die völlig aus der Zeit gefallen?
Ähnlich problematisch empfand ich dich Verwendung der Holographie, als sie von Georgiou zur Tarnung auf Qo’noS genutzt wird. Schließlich haben sich noch in der Originalserie, bei TNG und bei DS9 zahlreiche Hauptfiguren bemüht, mittels plastischer Chirurgie das Aussehen einer fremden Spezies zu imitieren, um auf deren Welten zu agieren. Dieser Aufwand wäre doch völlig unnötig gewesen, wenn man sich der Holo-Technik bedient hätte. Von einem mobilen holographischen Emitter mag ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen zu reden. Aber Georgiou scheint ohnehin Zugang zu Technologie zu haben, die ihrer Zeit weit voraus ist: Die Waffensysteme, die Kol’Shas klingonischen Handlanger ausschalten, hätten jedenfalls den Tod vieler Redshirts verhindern können, wenn sie ein paar Jahre später einem James T. Kirk zur Verfügung gestanden hätten.
Schließlich mag ich mich der Vorstellung, dass niemand das isolationistische Boreth-Kloster der Klingonen besuchen oder verlassen darf nicht ohne weiteres anschließen, denn in „Der rechtmäßige Erbe“ sehen wir eine ganze Reihe Besucher in Meditation versunken. Der bekannteste unter ihnen ist immerhin ein glaubwürdiger Sternenflottenoffizier namens Worf. Zudem verließ mit Koroth auch einer der ‚Mönche‚ dieses Refugium, um an Bord eines nicht weniger glaubwürdigen Schiffes namens Enterprise gebeamt zu werden.
Auch zu einigen Logiklöchern habe ich bereits einiges in den vorangegangenen Unterpunkten angemerkt, aber einige Sachen möchte ich der Vollständigkeit halber dennoch an dieser Stelle erwähnen.
Tillys Halbmarathon mit den anderen Mitgliedern des Kommando-Trainings-Programmes wirkte ohnehin schon so, als würde der Rest der Mitlaufenden extra zwei Stufen gemächlicher joggen, um sie nicht zu weit zurückfallen oder im direkten Vergleich zu schlecht aussehen zu lassen. Dass sie dann auch noch eine so lange Pause einlegt, um mit ihrer May-Illusion zu plappern, nur um dann den Lauf wiederaufzunehmen, war ja noch irgendwie in Ordnung. Aber sie allen Ernstes wiederaufschließen zu lassen, die anderen einzuholen und einen neuen Rekord aufzustellen, war so arg übertrieben, dass mein Verdacht, Tillys Figur sei das Lieblingsspielzeug der Autoren, neuen Auftrieb erfuhr.
Dieser Eindruck setzt sich bei der ‚Geburt‚ von Tillys erstaunlich großem Pilzbaby fort (wo zum Teufel hat sich dieses Riesenteil so lange unentdeckt verstecken können?). Stamets‘ spontan improvisierte Operation hat mich vor allem deshalb so sehr verwundert, weil kaum abzusehen war, dass ein solcher Eingriff nicht auch gesundheitliche Schäden mit sich bringen könnte (zusätzlich zu der nächsten Supereigenschaft, die den Sporen angedichtet wird). Wäre es denn wirklich zu viel Aufwand gewesen, wenigstens Dr. Pollard in die Traube an Personen zu integrieren, die bei diesem Ereignis zugegen waren? Man hätte ihr noch nicht einmal Text geben müssen…

V. Fazit.
Lichtpunkt“ birgt kaum etwas, was man auf die Haben-Seite einer eigenständigen Episode stellen könnte. Zwar gibt es gute und sehr gute schauspielerische Leistungen zu bewundern und die Autoren gegen sie redlich Mühe, sowohl die Klingonen, als auch Sektion 31 ins rechte Licht zu rücken doch darüber hinaus vermag die Episode nicht zu überzeugen.
Das liegt nicht allein daran, dass sie ohne richtigen Abschluss vor allem die Entwicklung der Serie vorantreibt. Es gibt darüber hinaus auch viel zu viele Momente, in denen man als Zuschauer nur noch hilfloses Kopfschütteln für die nächste völlig absurde Entwicklung übrig hat. Statt den positiven Grundton der beiden Vorgänger aufrechtzuerhalten, verliert sich die Folge in Dunkelheit, zu vielen altbekannten Story-Elementen aus der ersten Staffel und etlichen Logiklöchern.

Bewertung.Kleiner Rückfall in alte Zeiten.

VI. Schluss.
Auch diese Folge hat einmal mehr unterstrichen: Wer Discovery verstehen will, muss sich bis zum Ende der Staffel gedulden. „Lichtpunkte“ ist insofern eine klassische Discovery-Episode, dass sie sicherlich nie in einer Bestenliste auftauchen wird, in der etwa „Griff in die Geschichte„, „Das zweite Leben“ oder „Im fahlen Mondlicht“ gepriesen werden. Das verbietet die Anlage der Folge, die für sich allein stehend gar nicht tragfähig ist.
Die Staffel-übergreifende Story kommt nur zentimeterweise voran und bedenkt man Momente, in denen etwa Burnham wiederholt damit hadert auszusprechen, was sie Spock angetan hat, kann man sich auch ausmalen, dass es wohl noch eine Weile dauern könnte, bis wir als Zuschauer Klarheit erhalten.
So wage ich zu prognostizieren, dass noch einige Folgen geben wird, die von den Fans wenig positiv aufgenommen werden, weil man mit ihnen wenig anfangen kann und sich so nur noch mehr auf etwaige Unzulänglichkeiten stürzt, die im übrigen Konstrukt zu finden sind.
So wird es am Ende in der Hand der Autoren liegen, eine bessere Auflösung als noch in der ersten Staffel zu liefern. Das Potential ist unbestreitbar vorhanden, aber ob Discovery wirklich Profit daraus schlagen kann, wird sich erst in elf Folgen zeigen.

Denkwürdige Zitate.

Es ist kein Zufall, dass die sieben roten Lichter am Himmel erschienen sind, kurz nachdem sie die Macht übernommen hatte. Sie sind ein Omen! Sieben Tropfen Blut, die darauf warten auf uns herabzuregnen.
Kol’Sha

Spock spricht in den höchsten Tönen von ihnen, Captain, wie meine Tocher. Deshalb glaube ich, dass ich bei Ihnen richtig bin.
Das macht es mir umso schwerer Ihnen zu sagen, dass ich die Datei nicht öffnen kann. Das wäre ein schwerer Regelverstoß und das würde meiner Mutter nicht gefallen.
Es hat einen Präzedenzfall in der Sternenflotte gegeben, auf den sich ein Captain berufen…“
War sie schon immer so rechthaberisch?
Auf Vulkan nennen wir das ‚beharrlich‘ und ja, das war sie. Diese Eigenschaft hat sie von mir.
Amanda Grayson, Christopher Pike und Michael Burnham

Ah, Chris! Du und meine Urgroßmutter seid die einzigen im Quadranten, die noch über Bildschirme mit mir kommunizieren.
Dann scheint sie eine kluge Frau zu sein. Du musst mich ihr vorstellen.“
Diego Vela und Pike

Das ist nicht wahr. Mein Sohn ist sanftmütig und gütig. Er würde das nie tun.
Das sehe ich auch so… Captain.
Dann sind wir schon zu dritt.
Grayson, Burnham und Pike

Ich mag den Bart!
Michael Burnham

Aber ich werde nicht aufgeben und ich werde ihn finden.“
Nein. Ich finde ihn.“
Burnham und Grayson

Saru hat überall nach Dir suchen lassen. Geht’s Dir gut?
Was ist denn? Hast Du geweint?
Ich hab‘ zuerst gefragt!
Burham und Sylvia Tilly

Nenn‘ mir ein Mädchen das noch nie geweint hat. Kannst Du nicht. Ich weiß das, ich bin Xeno-Anthropologin.
Burnham

Ich bin nach meiner Unterschrift ohne Wert für Dich. Also töte uns beide, Kol’Sha, denn wer auch immer von uns überlebt, den siehst Du eines Tages wieder.
L’Rell

Kinder sind Parasiten. Undankbar und lästig.
Philippa Georgiou

Auch ich habe etwas geopfert. Ich werde nie wieder ein Kind gebären. Fortan werdet Ihr meine Kinder sein und ich führe diese Familie zu neuer Größe! Sprecht nicht von mir als Eurer Kanzlerin – ich verdiene einen leidenschaftlicheren Titel. Von diesem Augenblick an nennt mich ein jeder von Euch… Mutter.“
L’Rell

Mit Freaks hat man mehr Spaß.
Georgiou

Season 1

Besprechung Episode 01 & 02
Besprechung Episode 03
Besprechung Episode 04
Besprechung Episode 05
Besprechung Episode 06
Besprechung Episode 07
Besprechung Episode 08
Besprechung Episode 09
Besprechung Episode 10
Besprechung Episode 11
Besprechung Episode 12
Besprechung Episode 13
Besprechung Episode 14
Besprechung Episode 15

Season 2

Besprechung Episode 16
Besprechung Episode 17

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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