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Star Trek: Discovery – Besprechung zu “Süsse Trauer” (S2E13)

Von Sebastian Blasek

Spoilerwarnung. Diese Rezension enthält massive Spoiler auf „Süße Trauer„, die dreizehnte Folge der zweiten StaffelStar Trek Discovery“ und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und weitere Episoden gesehen hat.

I. Einleitung.
Finale, oho!
Finale, ohohoho!
Da ist es doch glatt mit mir durchgegangen, als mir bewusst wurde, dass die Achterbahnfahrt namens ‚zweite Staffel Discovery‚ grade ihren vorletzten Looping durchquert. Kaum zu glauben, wie schnell dreizehn Wochen vorbei sind!
Vor allem, wenn man an das eher ernüchternde Ende denkt, dass uns diese Serie in seiner ersten Season beschert hat, muss man an dieser Stelle noch einmal festhalten, dass die Vorzeichen dieses Mal ungleich besser sind: Viele fragwürdige Entscheidungen wurden revidiert, mehreren Folgen gelang es zu glänzen und mit Christopher Pike hielt auch ein neues Star-Trek-Gefühl auf der vormals sterilen Discovery Einzug.
Doch im gleichen Atemzug muss auch eingeworfen werden, dass nach einem starken Startsprint die Luft langsam enger zu werden scheint. Die letzten paar Folgen boten nicht mehr den frischen Wind ihrer Vorgänger, mutierten schleichend in eine Burnham-Solo-Show oder boten inhaltlich kaum nennenswerte Handlungen.
Aber alles ist zurück auf null gestellt, denn mit den letzten beiden Folgen wird endlich Klarheit herrschen! Es kann (aufgrund der bisherigen Entwicklungen um den roten Engel, die künstliche Sektion-31-Intelligenz und de rätselhaften Signale) keineswegs so trostlos enden wie anno dazumal noch in „Nimm meine Hand“ – zumal wir dank der blitzartigen Informationsverbreitung im Internet längst wissen, dass der Weg des Staffelabschlusses über Pikes legendäre Enterprise führt…

II. Story.
Als die Selbstzerstörungssequenz der USS Discovery per Fernsteuerung von der Enterprise aus aktiviert wird, erleben Captain Christopher Pike, Michael Burnham und Spock ihr blaues Wunder. Die längst verblichene Sphäre hat nicht nur ihren Nachlass an Daten gesichert, sondern auch das ganze Schiff, auf deren Computern ihr Lebenswissen seit ihrem Ableben sicherheitsgespeichert wurde. Da nützt es auch nichts, ein paar Salven Photonentorpedos abzufeuern.
So wird Michael Burnham schlagartig bewusst, dass es ihr obliegt, einen anderen Weg einzuschlagen: Sie muss in einen Nachbau des Anzugs ihrer Mutter schlüpfen, die Discovery in eine Zeit schleppen, in der sie vor dem Zugriff Controls geschützt ist und somit den Tag und das ganze Leben in der Galaxis retten.
Der einzige Haken an der Geschichte ist allerdings, dass es eine Mission oder Wiederkehr ist, denn der Zeitkristall, den Pike auf Boreth erhielt, lässt zwar den Trip in die Zukunft zu, aber verliert danach seine Fähigkeiten.
Dennoch ist Burnham fest entschlossen, dieses Opfer zu bringen.
Schweren Herzens sagt sie Lebewohl zur Crew der Discovery.
Dann verabschiedet sie sich von ihren Adoptiveltern Amanda Grayson und Sarek.
Kurze Zeit später auch noch von Sylvia Tilly.
Und Ash Tyler.
Als sie auch noch einigen anderen liebgewonnenen Kameraden Abschiedsworte zukommen lassen will, offenbaren diese ihr, dass sie beabsichtigen, mit ihr auf dem Schiff zu verbleiben.
So verabschiedet sich Saru von seiner Schwester, Tilly von ihrer Mutter, Owosekun von ihrer Familie, Detmer von ihrer Freundin aus Akademietagen und Paul Stamets von seinem Bruder.
Dann aber versammeln sie sich endlich auf der Brücke ihres Schiffes, um ihrem Captain Christoper Pike gemeinsam ‚Auf Wiedersehen‚ zu sagen…

III. Lobenswerte Aspekte.

Kanonfutter.
Nun ist es endlich offiziell: Keine Holokommunikation mehr!
Zumindest auf der Enterprise, wo Pikes Nummer Eins ihrem Captain diese frohe Botschaft übermittelt (vergleiche Denkwürdige Zitate), ohne dass die Folge mit der ehernen Star-Trek-Tradition brechen würde, ihren Vor- oder Nachnamen zu verheimlichen.
Solcherlei segensreichen Sitten bleibt die Folge treu und eine ganze Reihe an denkwürdigen Star-Trek-Momenten reiht sich wie an einer Perlenkette aneinander.
So hören wir aus Sareks berufenen Munde, dass er ein offenes Ohr für seinen Sohn haben wird, wenn dieser die Zeit für gekommen hält (und wir wissen, dass es bis „Reise nach Babel“ dauern wird).
Wir sehen eine Crew, die sich weigert, eines ihrer Mitglieder allein ins Verderben zu rennen und sich daher deren Belangen trotz großer Ungewissheit bedenkenlos anschließt (so wie in „Auf der Suche nach Mr. Spock„, „Der Aufstand“ oder „Die 37er„).
Und wir fühlen wieder das Kribbeln im Bauch, wenn die Flure, der Turbolift und die Brücke der USS Enterprise längst verschüttet geglaubte Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit wecken, in denen man die einzelen Folgen der Originalserie noch nicht kannte.
Auch wenn insbesondere diese Neuinterpretation der Brücke einigen Unmut in den Weiten des Internets hervorrief und auch andere Serien wie „The Next Generation„, „Deep Space Nine“ oder „Enterprise“ ein ungleich traditionelleres Bild transportierten, fand ich persönlich die Aufregung darum etwas übertrieben, zumal jene Szenen am Ende doch eher den Charakter einer Fußnote hatten. Es war ein netter Kompromiss zwischen der stilprägenden Optik der Serie und dem vertrauten Design aus den Sechzigern – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Stattdessen schien es, als wolle Discovery mit diesen sehr symbolischen Szenen noch einmal die Friedenpfeife rauchen, den Ölzweig herumreichen oder als Geste des guten Willens ein ganzes Shuttlehangar voller Friedenstauben öffnen: In einem Anflug von gutem Willen, erleben wir wieder den gleichen Geist, der uns nicht nur haarige Klingonen, einen Star-Trek-Werte-transportierenden Captain Pike oder eine Absage an die Holokommunikation zurückbrachte, sondern auch die Hoffnung nährt, dass die gleiche Verbesserungsbereitschaft auch in der nächsten Staffel eine Fortführung findet.
Ansonsten ist es wiederum der größte Verdienst der Episode, die vermeintlich einem größeren Zusammenhang entrissenen Short Treks geschickt miteingebunden zu haben. Nachdem bereits „The Brightest Star“ in „Donnergrollen“ bewiesen hat, dass die Miniepisoden mehr als nur bloße „Appetithäppchen“ waren, wertet „Süße Trauer“ nun den ersten Beitrag „Runaway“ in gleicher Weise auf. Wenn nun auch „Calypso“ durch das Finale bewahrheitet bleibt, wäre allein der eher humoristisch geprägte Sonderbeitrag „The Escape Artist“ nicht entscheidend mit dem Handlungsverlauf verwoben. Die Etablierung verschiedener Handlungselemente in diese Kleinstfolgen um sie im Verlauf der Serie wieder hervorzukramen, war jedenfalls eine der gelungeneren Neuerungen der zweiten Staffel und verdient unbedingt eine Wiederaufnahme im Vorfeld der dritten Staffel.

Charaktermomente.
Während bei wichtigen internationalen Konferenzen alle für ein gemeinsames Gruppenfoto posieren um zu beweisen, dass sie auch wirklich vor Ort waren, nimmt sich Discovery den Luxus heraus, zum großen Staffelfinale seine Darsteller noch einmal in einer Art Prozessionsmarsch vor der Kamera vorbeiziehen zu lassen. Abgesehen von der Klingonin L’Rell darf nämlich noch einmal jeder Darsteller – von Sarek, bis Amanda Grayson, Admiral Cornwell, Nummer Eins, Philippa Georgiou, Jett Reno, Leland, Me Hani Ika Hali Ka Po und Gabrielle Burnham – nochmal vor die Linse treten. Selbst eine Entsprechung von Signalmeister Colt aus dem Pilotfilm wurde an Bord der Enterprise hinzugefügt. Dass am Ende die Anteile der einzelnen Schauspieler sehr unterschiedlich ausfielen, lag – nicht zuletzt in Anbetracht der Folgendauer – in der Natur der Sache.
Der Großteil des Geschehens drehte sich abermals um Michael Burnham.
Als Star der Serie kommt ihr ohnehin ein Großteil der Aufmerksamkeit zugute, doch dieses Mal schienen die übereifrigen Autoren noch ein paar Schippen mehr auflegen zu wollen, als es der Glaubwürdigkeit noch gerade so zumutbar gewesen wäre. In „Süße Trauer“ vereint sich nämlich mehr denn je Lob, Last und Leid auf der Figur, deren schmale Schultern das Geschick des ganzen Universums stemmen müssen. Immerhin steht Sonequa Martin-Greens fraglos vorhandene schauspielerische Leistung über den Unzulänglichkeiten der mit ihrer Rolle verbundenen Figurenzeichnung.
Nach ihrem Namen muss der Anson Mounts Erwähnung finden. Der Darsteller Pikes liefert mit seinem Abschied als Captain der Discovery einen Auftritt irgendwo zwischen Kitsch und Können ab. Gerade in Szenen aber, in denen er keinerlei Rolle mehr spielt, wird aber nur allzu schmerzlich deutlich, wie groß sein positiver Einfluss auf die Ausrichtung der gesamten Serie war.
Beste Chancen in seine äußerst großen Fußstapfen zu treten hat ausgerechnet der in letzter Zeit sträflich vernachlässigte Saru. Doug Jones gelingt es nach langer Durststrecke endlich mal wieder, seine Fähigkeiten anzudeuten.
Selbst um den eigentlich von den Fans so sehnsüchtig erwarteten Spock bleibt es erstaunlich ruhig. Ethan Peck mimt einmal mehr einen fantastischen Spock, ohne allerdings dessen Stärke als Wissenschaftsoffizier ausspielen zu können. Der wohl ikonischste Charakter der Star-Trek-Geschichte wirkt hier wie der kleine (unterlegene) Bruder seiner großen Schwester und kann nur selten sein Potential unter Beweis stellen.
Gleiches lässt sich auch über Anthony Rapp als Paul Stamets sagen, der immerhin endlich mal ein wenig mehr Textzeilen als in vorangegangenen Episoden erhielt. Schade, dass der Großteil seiner Dialoge in sinnfreiem Technobabble untergeht, denn ich hätte mir mehr Szenen wie die zwischen ihm und seinem Ex-Partner Hugh Culber [Wilson Cruz] gewünscht. So gerieten beide abermals gegenüber Jett Reno [Tig Notaro] ins Hintertreffen, die mit ihrer frotzeligen Art immerhin die Lacher und die Teilnahme an gewichtigeren Szenen für sich in Anspruch nehmen konnte.
Die Rückkehr Sylvia Tillys [Mary Wiseman] nach einer ganzen Folge, in der sie gar nicht zu sehen war, fiel verhalten aus. Als wüssten die Drehbuchschreiber plötzlich nichts mehr mit ihr anzufangen, fällt der Charakter in ebenso alte wie unnütze Verhaltensmuster zurück, indem sie zumeist durch unqualifizierte Kommentare auffällt. Immerhin stimmt die Chemie zwischen ihr und Me Hani Ika Hali Ka Po [Yadira Guevara-Prip]. Der zuvor nur im Short-Trek „Runaway“ etablierte Charakter bringt willkommene Abwechslung ins bierernste Ensemble und schafft es auf angenehme Art und Weise, die unerträgliche Gewichtigkeit des Lebens an Bord der Discovery beinahe im Vorbeigehen aufzulockern.
Das wurde insbesondere deutlich, als sie die Imperatorin Philippa Georgiou [Michelle Yeoh] in die Schranken wies. Wobei sich ohnehin die berechtigte Frage aufdrängt, warum die Figur überhaupt in der Besetzungsliste zu finden war; einen wirklichen Beitrag zu Handlung leistete sie jedenfalls nicht.
Für ihren Kollegen Ash Tyler [Shazad Latif] bleibt nur zu hoffen, dass er sich mit seinem Plan zur Rettung der Sektion 31 aus dem übermächtigen Schatten Burnhams lösen kann, denn auch wenn seine traute Zweisamkeit mit Burnham noch eine der dezenteren Szenen bildete (!), blitzte sein Potential vor allem auf, als er gegen Ende ohne seine Ex-Freundin mit Pike auf der Transporterplattform diskutierte.

Viele andere Auftritte hätte man auch aus Kosten-, Zeit- oder Relevanzgründen bequem weglassen können. Amanda Grayson [Mia Kirshner] dabei zuzusehen, wie sie ihrem Mann Sarek [James Frain] warme Wickel zum Meditieren reicht, mag als Eingangsszene noch funktioniert haben, aber ihr gemeinsamer Spontanbesuch auf der Discovery war dann doch arg bemüht. Hier hätte ein gemeinsames Gespräch mit (ihrem eigentlichen Sohn) Spock vielleicht mehr Sinn ergeben, zumal es verhindert hätte, dass der disziplinierte Vulkanier derart emotionale Regungen zeigt.
Admiral Katrina Cornwell [Jayne Brook] blieb ebenso wie Nummer Eins [Rebecca Romjin] oder Nhan [Rachael Ancheril] weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und diente bestenfalls als Stichwortgeberin.
Noch weniger Gelegenheit zu glänzen hatten nur Leland [Alan van Sprang] und Gabrielle Burnham [Sonja Sohn], deren Auftritte sich auf Visionen, beziehungsweise Logbuchaufnahmen beschränkten.
Die gute Nachricht bleibt allerdings, dass die Brückencrew der Discovery einmal mehr ins Rampenlicht gerückt wurden. Nicht nur, dass sie von Captain Pike in einer Rede adressiert wurden; sie durften darüber hinaus sogar längere Textpassagen aufsagen! Die privaten Einblicke ins Leben von Joann Owosekun [Oyin Oladejo] und Keyla Detmer [Emily Coutts] waren jedenfalls eine Premiere für diese Serie, in der Brückenoffizieren abseits vom Main Cast eher eine Statistenrolle zukam. Bleibt zu hoffen, dass ihnen das Schicksal Airiams – dem einzigen Crewmitglied der Discovery, dem bislang eine ähnliche Aufmerksamkeit zukam – erspart bleibt.

IV. Kritikwürdige Aspekte.

Leerlauf.

Ist dies alles […]? Ist da sonst gar nichts mehr?

Diese weisen Worte eines gealterten Spocks aus dem ersten Kinofilm kamen mir in den Sinn, als ich mir für die Zusammenfassung die Handlung ins Gedächtnis zurückrufen wollte. Denn bei genauerem Hinsehen muss man erkennen, dass „Süße Trauer“ nicht viel Substanz bietet. Mehr noch, die gesamte Handlung ließe sich problemlos unter zehn Minuten erzählen. Stattdessen wird der restliche Raum der achtundvierzigminütigen Folge von viel Gefühl, viel Schmalz und viel Drama aufgefüllt wie ein Schlagloch mit Kies.
Dabei ist natürlich nachvollziehbar, dass diese Folge inhaltlich wohl noch viel unglaubwürdiger ausgefallen wäre, wenn man auf einen gebührenden Abschied Burnhams oder Pikes verzichtet hätte. Aber dass wir als Zuschauer nicht weniger als dreizehn (!) dieser tränenreichen Momente miterleben dürfen, strapaziert am Ende zu sehr die Ausgewogenheit der Folge!
Zumal das Wenige, was abseits von Trennungsschmerz noch übrigbleibt erschreckend vorhersehbar ist. Es war klar, dass die Selbstzerstörung der Discovery schiefgehen musste. Genauso klar war, dass der Sphären dafür die Schuld in die Schuhe geschoben werden würde. Ebenso offensichtlich war der Plan, die Discovery in die Zukunft des Short Treks „Calypso“ zu schicken. Oder dass mindestens noch eines der erwarteten sieben Signale auftauchen würde. Oder dass Pike auf die Enterprise zurückkehrt. Oder dass Michael Burnham irgendwie doch der rote Engel ist. Ja selbst der Cliffhanger war auf seinen Zeitpunkt genau vorhersehbar.
Was man darüber hinaus bisher nicht gewusst hatte, wurde durch den Trailer und die im Internet verbreiteten Bilder gespoilert. So blieb kaum mehr als sich eine Geschichte anzusehen, die sich in ihren Grundzügen schon vor der Ausstrahlung angedeutet hatte und nur geringfügig Spiel für Überraschungen bot. Zudem kommt beim Zuschauen sowieso der Verdacht auf, dass sich die gesamten Gedankenspiele um Burnhams Mission ohne Wiederkehr am Ende als Holzweg erweisen dürften, der nur dazu dient, falsche Erwartungen zu schüren.
Und als wäre das alles noch nicht genug gewesen, klafften abermals gigantische Logiklöcher in der Handlung.

Logiklöcher und Kanonbrüche.
Man stelle sich nur für einen Moment einmal vor, dass es sich bei Star Trek um eine real existierende Welt handeln würde, die innerhalb von bestimmten Parametern funktioniert, die im Verlauf ihrer fünfzigjährigen Geschichte etabliert wurden. Man füge diesem Universum vielleicht noch einige glaubwürdige Erweiterungen zu, die im Lichte von Organisationen wie Sternenflotte, an Bord von Gefährten wie Raumschiffen oder in einer technologisch fortgeschrittenen Zivilisation durchaus nachvollziehbar wirken.
Unter diesem Gesichtspunkt ist einzig die Evakuierungssequenz eine erzählerische Idee von Relevanz.
Der Rest?
Totaler Bockmist!
Es zeigt nämlich das Grundproblem auf, an dem die Serie so sehr leidet: Den Autoren fehlt ein Grundverständnis für die Welt in der Star Trek existiert. Und selbst ihre eigene Kreation bereitet ihnen Schwierigkeiten.
Beispiel gefällig?
Nun, um die dringend benötigte Zeit zu erhalten, die die Discovery-Besatzung benötigt, um ihren Zeitkristall einsatzfähig zu machen, müsste das Schiff von Xahea aus nur auf Warp gehen. So wie die Enterprise einen bequemen Vorsprung vor der Flotte von Sektion-31-Schiffen hatte, könnte auch ein Warp beschränktes Schiff problemlos zwölf Stunden (bis der Kristall vollständig aufgeladen ist) im Warp zubringen.
Um sich aber dem Zugriff von Sektion 31 vollständig zu entziehen müsste die Discovery nur in eine leere Ecke des äußersten Delta-Quadranten springen. Die feindlichen Schiffe würden mit ihren herkömmlichen Antrieben mindestens siebzig Jahre dorthin brauchen – genug Zeit, um Zeitkristalle selbst zu züchten! Wem das aber noch nicht als ausreichender Abstand erscheint, dem sei gesagt, dass der Pilzantrieb sogar eine Flucht in ein völlig anderes Universum ermöglicht…
Wenn man das alles bedenkt wird nicht nur deutlich, was für einen bescheidener Plan die Autoren hier den Charakteren in den Mund gelegt haben, sondern auch welch wertvolle Arbeit Personen wie Michael Piller, Rick Berman oder Michael Okuda mit ihrer Beteiligung an vorherigen Star-Trek-Serien überhaupt leisteten. Sie haben sich immerhin die Mühe gemacht, derlei Unstimmigkeiten zu bedenken und zumindest durch fadenscheinige Erklärungen („Die Mineralien im Fels verhindern eine Sensorerfassung.“, „Das Warpfeld könnte sich negativ auf die strukturelle Integrität des Zeitkristalls auswirken.“ oder „Die Leistung des Warpantriebs eines Schiffes der Glenn-Klasse kann nicht mit der eines Schiffes der Constitution-Klasse Schritt halten.“) aufzulösen.
Diesen Versuch unternimmt Discovery nicht einmal im Ansatz.

So gibt es etwa eine Vielzahl von Möglichkeiten, ein Schiff abseits von Selbstzerstörungsmechanismus und Photonentorpedobeschuss zu zerstören. Man könnte den Warpkern gezielt überlasten, Antimaterieeindämmungen per Hand außer Kraft setzen oder gar eine Photonentorpedoexplosion im Inneren des Schiffes herbeiführen. Wie kann es sein, dass die Besatzung plötzlich eher in der Lage ist, einen hochentwickelten Zeitreiseanzug nachzubauen, als einen der tausend Wege einzuschlagen, ein Schiff zu zerstören?
Aber auch andere Fragen erschließen sich nicht so ganz.
Wieso sind die Discovery und die Enterprise die einzigen Föderationschiffe auf weiter Flur?
Es muss einem kriegserfahrenen Admiral wie Cornwell doch möglich sein, mehr Sternenflottenschiffe zu mobilisieren, um dem eigenen Flaggschiff im Kampf gegen durchgeknallte Supercomputer beizustehen!
Schließlich hat es auch Sarek zusammen mit seiner Frau geschafft, sich der Discovery zu nähern.
War das vulkanische Shuttle schneller als die Sektion-31-Schiffe?
Immerhin hat Sarek den mentalen Kontakt zu seiner Ziehtochter aufgebaut, bevor ihr Schiff nach Xahea gesprungen ist!
Und warum haben Burnham und Reno nicht eigene Todesvisionen wie Pike, wenn sie den Kristall berühren, sondern sehen nur ein paar Ausschnitte der bevorstehenden Raumschlacht?

Inzwischen hat sich längst eine Gruppe gutgläubiger Fans gefunden, die im Vorhaben der Discovery eine Neuausrichtung der Serie vermuten, die nun rein prinzipiell in einer Zeitlinie spielen könnte, in der sich nicht ständig Gefahr laufen würde, ein Tretminenfeld nach dem anderen anzusteuern. Im dreiunddreißigsten Jahrhundert wäre man frei von solchen Beschränkungen und könnte einen (fast) völlig neuen Start wagen.
Doch das würde schon jetzt schwierig werden.
Nicht nur, dass es ein unvorstellbares Eingeständnis seitens der Produzenten wäre, mit der Ansetzung der Serie in dieser Epoche einen Fehler begangen zu haben. Es scheitert darüber hinaus an einer Person in den Reihen jener Freiwilligenriege an Bord der Discovery, die sich mit Burnham durch die Zeit bewegen will:
Spock, von dem wir wissen, dass er eine bedeutende Rolle in seiner eigenen Zeitlinie einnehmen wird.

V. Fazit.
Der Auftakt des mit Spannung erwarteten Staffelfinales bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Zwar ist der nostalgische Abstecher auf die Enterprise eine schöne Geste, aber er vermag nicht die vielen Schwachstellen einer Folge zu übertünchen, deren Balanceakt zwischen Kitsch und Kreativität nicht glückt. Stattdessen tischt sie dem Zuschauer eine unstimmige Minihandlung auf, die endgültig unter Beweis stellt, dass die Autoren nicht verstanden haben, was die Star-Trek-Welt im Innersten zusammenhält.

Bewertung.
Ein unerwarteter Tiefpunkt.

VI. Schluss.
Nach dem, was die zweite Staffel bislang auf die Beine gestellt hat, bleibt es zu hoffen, dass „Süße Trauer“ eher ein Ausrutscher, als ein weiterer Verschnaufpunkt in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist.
Immerhin bleiben die Vorzeichen vielversprechend.
In der nächsten Folge erwarten uns zwei weitere Signale, eine packende Raumschlacht, ein nicht-detonierter Photonentorpedo in der Hülle der Enterprise, ein beherzter Sprung in die Zukunft und zudem wurden Schauspieler wie Produzenten nicht müde uns zu versichern, dass sich mit dieser Folge sämtliche Kanonprobleme in Wohlgefallen auflösen würden.
Eines aber wurmt mich gegen Ende der Staffel.
Nach dem absehbaren Fall von Control wollen die Verantwortlichen wirklich eine Sektion-31-Serie auf die Beine stellen?
Michelle Yeoh, Shazad Latif und Alan van Sprang gelang es tatsächlich streckenweise, mich in ihren Bann zu schlagen, aber einen ganz andere Option drängt sich Fans wie mir viel mehr auf.
Warum gibt es keine Serie um die frühen Abenteuer der USS Enterprise unter dem Kommando eines Captain Pike, der von Anson Mount so grandios verkörpert wurde?
Mit Spock, Nummer Eins, Colt oder Hugh Culber gäbe es eine Reihe von spannenden Charakteren, denen ich viel mehr zutrauen würde.
Und sofern die Verantwortlichen wirklich ein Ohr für die Fans haben, werden sie sich ihren Wünschen nicht verschließen können. Längst gibt es eine Online-Petition zu diesem Thema und ich kann nur jedem empfehlen, dieses äußerst vielversprechende Projekt zu unterstützten.
Aber wohl schon allein, weil wohl viele Fans wie ich dem Konkurrenzprodukt einer vollendeten Fünfjahresmission der Enterprise durch Christopher Pike den Vorzug gegenüber einer Discovery-Serie geben würde, dürfte CBS und die involvierten Produzenten von einer solchen Serie Abstand nehmen.
Schade eigentlich, denn wenn mich die bisherige zweite Staffel Discovery eines hat schätzen gelehrt, dann diesen Captain, den ich in der dritten Staffel schmerzlich vermissen werde.

Denkwürdige Zitate.

Sie gehört ganz Ihnen, Chris.
Und sie sieht so gut aus, wie eh und je.
Willkommen zuhause, Captain.
Admiral Katrina Cornwell, Captain Christopher Pike und Nummer Eins

Alle Hauptsysteme sind wieder online und es gibt keine holografische Kommunikation mehr. Nie mehr.“
Ist wahrscheinlich das Beste.“
Nummer Eins und Pike

Orange… Nein, oder?
Philippa Georgiou

Natürlich! Solange die Discovery im Hier und Jetzt existiert, wird das niemals enden.
Michael Burnham

Danke. Können Sie beim Laufen essen? Dann erzähle ich ihnen alles.
Pike

Einer der Vorteile wenn man Königin des politisch relevantesten Planeten der ganzen Galaxis wird, ist: Ich muss nicht auf zynische Spötter hören. Hab ich sogar zum Gesetz gemacht.
Me Hani Ika Hali Ka Po

Wissenschaft rockt.“
Po

Ich liebe Sie… Sie alle.“
Michael Burnham paraphrasiert Erich Mielke

Ich kann Sie immer noch nicht leiden.
Das geb ich gern zurück.“
Paul Stamets und Jett Reno

Ich bin übrigens Terranerin aus dem Spiegeluniversum!
Welches Spiegeluniversum.
Philippa Georgiou und Pike

Season 1

Besprechung Episode 01 & 02
Besprechung Episode 03
Besprechung Episode 04
Besprechung Episode 05
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Besprechung Episode 07
Besprechung Episode 08
Besprechung Episode 09
Besprechung Episode 10
Besprechung Episode 11
Besprechung Episode 12
Besprechung Episode 13
Besprechung Episode 14
Besprechung Episode 15

Season 2

Besprechung Episode 16
Besprechung Episode 17
Besprechung Episode 18
Besprechung Episode 19
Besprechung Episode 20
Besprechung Episode 21
Besprechung Episode 22
Besprechung Episode 23
Besprechung Episode 24
Besprechung Episode 25
Besprechung Episode 26
Besprechung Episode 27

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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Autor: Gastautor

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