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Star Trek: Discovery – Besprechung zu “Gedächtniskraft“ (S2E8)

Von Sebastian Blasek

Spoilerwarnung.
Diese Rezension enthält massive Spoiler zu „Gedächtniskraft„, der achten Folge der zweiten Staffel „Star Trek Discovery“ und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und weitere Folgen der Serie bereits gesehen hat.

I. Einleitung.
Five Year Mission ist eine sympathische amerikanische Band die sich fest vorgenommen hat, zu jeder Folge der Originalserie einen Song zu fabrizieren. Zu „Talos IV – tabu, Teil I“ singen sie beispielsweise

I once was the captain oft the Enterprise, in case you remember me Christopher Pike.“

Meine bescheidene Übersetzung zu dieser Textzeile:

Ich war einmal der Captain der Enterprise, Christopher Pike, falls sie sich erinnern können.

Auch wenn der Star-Trek-Pilot „Der Käfig„, in dem Pike zu sehen war, mittlerweile mehr als fünfzig Jahre her ist, hat Captain Christopher Pike spätestens seit den Auftritten Bruce Greenwoods in den Kinofilmen J.J. Abrams‚ fulminant den Weg zurück ins kollektive Gedächtnis der Fans gefunden. Discovery geht nun gar einen Schritt weiter und holt die historische Figur zurück an den Ort, wo alles begann – nach Talos IV.
Aber warum?
Ist das reiner Fanservice?
Ein geschickter Rückbezug auf den größeren Kanon?
Und was ist nun mit der General Order 7, die den Besuch des Systems unter Androhung der Todesstrafe verbietet?
Diese Rezension sucht Antworten auf diese und viele andere Fragen zur aktuellen Folge Discovery.

II. Story.
Michael Burnham hat es geschafft:
Sie hat ihren Bruder nach Talos IV gebracht, wo telepathisch versierte Bewohner den Verstand Spocks wieder zurechtbiegen. Doch mit der Rückkehr seiner Zurechnungsfähigkeit geht auch ein frostiger Empfang ihres nachtragenden Ziehbruders einher, dem der rote Engel nicht weniger als den Totaluntergang des biologischen Lebens in der gesamten Galaxis (!) in Aussicht gestellt hat.
Derweil brennt auf der Discovery die Luft:
Nicht nur, dass Sektion 31 das Schiff von der Suche nach Burnham und Spock ausschließt; die Crew muss darüber hinaus einen hinterhältigen Maulwurf ausfindig machen, der Daten stiehlt und den Einsatz des Pilzantriebs sabotiert. Als sich die Zeichen verdichten, dass Ash Tyler hinter den unlauteren Machenschaften an Bord steht, wird der Verbindungsoffizier von der Brücke verwiesen, noch bevor sich das Schiff zur Rettung der vermissten Adoptivgeschwister nach Talos IV aufmachen kann.
Und:
Hugh Culber macht Schluss mit Paul Stamets!?

III. Lobenswerte Aspekte.

Eine Frage des Stils.
Heidewitzka, macht das einen Spaß!
Man kann Discovery ja einiges vorwerfen, aber langweilig wird es in der illustren Gesellschaft von Pike, Spock oder Burnham nicht.
Stringent verfolgt auch die achte Folge mit Engelsgeduld ihren roten Faden und versäumt es nicht, den Zuschauer in den Wogen ihrer aufeinander aufbauenden Episoden mitzureißen. Es macht im Moment schlichtweg Spaß, der Serie zu folgen.
Hinzu kommt, dass sie abermals handwerklich auf hohem Niveau daherkommt. Die einzelnen Szenen wirken elegant orchestriert und so bildgewaltig umgesetzt, als wären sie aus einem Comic-Buch entnommen worden sein. Gepaart mit schönen Frischluftaufnahmen der kanadischen Wildnis, kunstvollen Übergängen, ansehnlichen CGIs, aufwändigen Kamerafahrten, einem sehr gelungenen Soundtrack und weitreichenden Rückblicken markiert sie ein weiteres Mal den gesteigerten Standard, den die Serie seit dieser Staffel bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat.
Doch der wahre Höhepunkt ist ein anderer:
Nachdem sich bereits am Ende der letzten Folge angedeutet hatte, dass die Reise ausgerechnet auf das unwirtliche Talos IV gehen würde, wussten voll allem alteingesessenen Fans (Neueinsteiger dürften es trotz der gut gemeinten Videoschnipselshow schwer haben, diese Episode zu verstehen), dass es zu einem historischen Schnittpunkt zwischen der modernen Erzählweise der aktuellen Star-Trek-Serie Discovery und dem nicht ausgestrahlten Originalserien-Pilotfilm „Der Käfig“ kommen würde, der immerhin prominent im TOS-Zweiteiler „Talos IV – tabu“ weiterverwertet wurde.
Das mag im ersten Moment vor Fanservice gen Himmel stinken, bleibt aber am Ende der Folge erstaunlich unspektakulär, denn die Momente, die dem Planeten und seinen Bewohnern innerhalb der Handlung blieben, waren nicht nur überschaubar, sondern vor allem der Funktionalität untergeordnet: Die Fähigkeiten der Talosianer trugen nicht – wie etwa im Pilotfilm – die Handlung, sondern dienten eher als eines von mehreren erzählerischen Mitteln, um eine der (vielen) Baustellen der Serie schließen zu können. Statt sich ausgiebig an den Erinnerungen des wehrlosen Vulkaniers sattzusehen, helfen sie ihm, seinen Verstand wieder in die richtigen Bahnen zurückzulenken. Dass Burnham im Austausch doch noch die talosianische Gier nach Erinnerungspornografie stillen muss, dient abermals weniger dem Bad in wohltuender Fan-Nostalgie, als viel mehr dazu ein lange vor sich hergeschobenes Geheimnis endlich zu lüften. „Gedächtniskraft“ ist eben nicht sympathischer Fanklamauk wie „Immer die Last mit den Tribbles„, sondern eine gute Episode Discovery, die mal etwas mehr Star-Trek-Substanz als sonst bietet.
Deswegen bleibt die Folge wohl absichtlich weit hinter den immensen erzählerischen Möglichkeiten der Talosianer zurück (vgl. Kritikwürdige Aspekte) um ein Ausrufezeichen der etwas anderen Art zu setzen:
Nachdem sich Teile der Fanszene schon darin geweidet hatten, der Serie den Status der Zugehörigkeit zum offiziellen Kanon abzuerkennen, tritt sie nun für jedermann deutlich sichtbar den Beweis an, dass sie nicht nur einen fester Bestandteil des offiziellen Kanons repräsentiert, sondern – mehr noch – in der Lage ist, ihn maßgeblich zu beeinflussen. Es markiert sein Revier und unterstreicht, dass die noch junge Serie bereits jetzt schon eine feste Größe ist, die man nicht mehr kleinreden, wegdiskutieren, oder ignorieren kann.

Zumal der Kanon im Allgemeinen und „Der Käfig“ im Speziellen mit liebevollen Querbezügen bedacht werden. Wir hören davon, dass die in „Computer M5“ etablierte Duotronik die Schiffs-Computersysteme der Discovery bestimmt, die Abschiedsworte der illusionären Geschwister Spock und Burnham gegenüber Leland erinnert an Datas Verabschiedungsformel in „Der unmögliche Captain Okona“ und selbst Burnhams Schmähwort „half-breed“ (im Deutschen völlig unzureichend als „Halbmensch“ übertragen) für ihren kleinen Bruder wurden (zumindest im englischen Original) in gleicher Form bereits in „Der alte Traum“ und „Falsche Paradiese“ verwendet.
Der Käfig“ und „Talos IV – tabu“ werden mit der Aufnahme der singenden, klingenden Pflanzen, der Sternenbasis 11 und den pulsierenden Adern auf den Schädeln der Talosianer gewürdigt, wobei mein persönlicher Lieblingsmoment jener ist, in dem Pike getreu dem Motto „Manchmal erzählt ein Mann einem Barkeeper Dinge, die er einem Arzt nie erzählen würde.“ in einem klärenden Gespräch mit Tyler Alkohol (Martini?) ausschenkt.
Abgesehen von ihrem vielleicht streitbaren Umgang mit dem Kanon bleibt der Folge zugutezuhalten, dass sie allerhand überfällige Antworten liefert. Wir können nunmehr in der Gewissheit Ruhe finden, dass Spock wieder normal, der rote Engel ein Mensch und Burnham eine gehässige Adoptivschwester ist.
Im gleichen Moment entlässt uns die Serie aber auch nicht ohne stapelweise neue Fragen aufzuwerfen, die den Spannungsbogen aufrechterhalten. Das Schiff ist auf der Flucht, die Crew hat einen Spion in ihren Reihen, die ehemalige Imperatorin gewinnt Stück für Stück die Kontrolle über die Sektion 31, Culbers Identitätskrise erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt und Ash Tylers unglückliche Position zwischen allen Stühlen führt ihn in den sicheren Stubenarrest.
Und wo wir schon bei der Sektion 31 sind [Achtung, es folgt eine Theorie!]:
Wir wissen nun, dass die Aktionen dieser elitären Sparte des Sternenflottengeheimdienstes von einer künstlichen Intelligenz namens Control gelenkt werden und dass in fünfhundert Jahren alles Leben in der gesamten Galaxis (!!) von einem technologisch hochentwickelten Gegner ausgelöscht wird.
Da steht wohl nicht ganz zu Unrecht die Frage im Raum, ob nicht diese künstliche Intelligenz dafür verantwortlich ist und als Gegner des roten Engels nun versucht, über die kybernetische Lebensform Airiam eine anderweitige Beeinflussung dieser Zukunft zu verhindern…

Charaktermomente.
Wer ‚Talos IV‚ sagt, muss auch ‚Christoper Pike‚ sagen.
Abermals läuft Anson Mount zur Höchstform auf und weckt berechtigte Bedenken über die Richtung von „Star Trek Discovery„, wenn die bereits bestätigte dritte Staffel ohne seine Beteiligung über die Bühne gehen soll.
Hier darf er aber erst einmal die Folge mit einem persönlichem Logbucheintrag einleiten, einer Frau zärtlich über das Gesicht streicheln und die Besatzung in eine Meuterei führen, die Burnhams Revolte in der ersten Staffel nacheifert. Dabei spult Mount auf professionelle Weise ein Programm ab, dass zwischen unterschiedlichen Emotionsgraden wie nachdenklich, energisch, sinnlich, entschlossen, betrübt, optimistisch oder besorgt eine riesige Bandbreite glaubhaft vermittelt.
Daneben darf Ethan Peck erstmals zeigen, was er als Spock draufhat. Er eifert dabei – gut vorbereitet – dem Vorbild Mounts nach, indem er das fraglos schwere Erbe Leonard Nimoys und die Vorlage Zachary Quintos nicht eins-zu-eins zu kopieren versucht, sondern eine eigene Kontinuitätslinie irgendwo zwischen Nimoys ersten, sehr emotionalen Szenen in „Der Käfig“ und dessen frühen Originalserienauftritten schafft. Er orientiert sich weniger am dem Zuschauer hinlänglich bekannten Bild Spocks, sondern nimmt sich ausgerechnet jene turbulente Zeit zum Vorbild, als die Rolle noch nach ihrer Identität suchte und mehrfach aus dem Rahmen brach, den spätere Folgen und Filme etablierten.
Auf diese Weise verpasst er diesem frühen Spock ein ganz eigenes Gepräge und verleiht der frühen Darstellung nachträglich eine Legitimation, die sich am besten im Spannungsfeld zwischen Emotionalität und Logik (wie es Discovery in dieser Staffel näher untersucht) zu zeigen vermag. So gesehen wurde der Ausschnitt eines lachenden Spock wohl nicht ohne Grund in die Diashow zu Beginn der Folge aufgenommen, denn sie spiegelt wieder, dass Pecks Form der Darstellung Spocks keineswegs ohne Vorbild im offiziellen Kanon ist.

Michael Burnham bleibt hingegen trotz des Besuches ihres beliebteren Bruders der Mittelpunkt der Serie und der Nabel des Universums. Tyler vertraut ihr bedingungslos, Pike sucht verbissen nach ihr und Spocks Charakter wurde erst durch ihre Taten zu dem geformt, was er heute ist. Das wirkt wie immer reichlich dick aufgetragen und es gereicht der Situation nicht immer zum besten, dass Burnham als emotionalem Gegenpart zu Spock die Aufgabe zukommt, seinen logischen Ausführungen gefühlsbetonte Reaktionen entgegenzusetzen, die bestenfalls egozentrisch, weinerlich und überdramatisisierend wirken.
Dafür kann freilich Sonequa Martin-Green nichts und in den Parametern, die diese Rolle erlauben, verrichtet sie einen guten Job.
Positiv überrascht war ich von Anthony Rapp, wohl aber vor allem, weil sein Charakter Paul Stamets in der Tat verändert wirkt. Statt des grummeligen Eigenbrötlers sehen wir hier plötzlich einen emotionalen, freundlichen und grundpositiven Menschen, der trotz aller Widrigkeiten versucht, seinem leidenden Partner nach allen Kräften zu unterstützen. Diese neue Seite steht der Figur bestens zu Gesicht, was man von seinem Partner allerdings nicht unbedingt behaupten kann.
Denn Hugh Culber ist nicht nur fremd mit sich selbst, auch ich als Zuschauer entfremde mich mehr und mehr von ihm. Zwar kann ich sein Martyrium und die damit einhergehenden Probleme durchaus nachvollziehen, aber mir fehlt der Anknüpfungspunkt zu dem liebgewonnenen, sanften Charakter aus der ersten Staffel inzwischen so sehr, dass ich mich mehr und mehr frage, ob dessen Wiederbelebung wirklich eine gute Idee war. Klar spielt Wilson Cruz den von Zweifeln zerrissenen Arzt so gut, wie Benjamin Stöwe ihn in der deutschen Synchronisation einspricht, aber der Funke vermag – bei mir persönlich – nicht überzuspringen.
Ash Tyler (Shazad Latif), Saru (Doug Jones), Philippa Georgiou (Michelle Yeoh), Sylvia Tilly (Mary Wiseman), Airiam (Hannah Cheesman) und Leland (Alan van Sprang) absolvierten allesamt stabile Auftritte mit vereinzelten Höhepunkten, ohne dabei allerdings in einer Form hervorzustechen, wie die fünf oben genannten Darsteller es taten. Allerdings wurden für jeden einzelnen von ihnen Fundamente gelegt, um in kommenden Folgen wieder mehr ins Zentrum des Geschehens zu rutschen.
Das Nhan (Rachael Ancheril) wieder zurück in den Schoß einer Besatzung fand, die als Ganzes abermals einen sehr positiven Gesamteindruck hinterließ, war insbesondere im Hinblick auf die Schlussszene (mit einer Crew die geschlossen hinter ihrem meuternden Captain steht) ein Höhepunkt ihrer Entwicklung bis hier her.
Bleibt nur noch, unser Auge nach Talos IV zurückzuwenden.
Gut, ich habe es verpasst, allzu große Ähnlichkeiten zwischen den Vina-Darstellerinnen Melissa George und Susan Oliver zu finden, die über das Statement „Sie sind beide blond.“ hinausgehen würden. Zudem weist Georges Neu-Interpretation so manchen Unterschied zum Original auf, der besonders traditionsbewussten Star-Trek-Fans gegen den Strich gehen könnte.
Am Ende gelingt meiner Meinung nach dennoch die Transformation einer Frau, deren Daseinszweck in der Vorlage mit dem Prädikat ‚Eva‚ noch recht wohlwollend umschrieben wurde, zu einem Charakter, der eine Beziehung zu Pike hat, die über ein kurzes Techtelmechtel hinausgeht und rechtfertigt, dass er in „Talos IV – tabu“ wieder in ihren Schoß zurückkehrt.
Exemplarisch zeigt sich an ihr die Bemühung der Serie Discovery, altbekannte Charaktere zu nutzen um durch sie eine Verbindung zum Kanon aufzubauen und dabei die ein oder andere Wertvorstellung, die seit den Sechziger Jahren zum Glück überholt ist (bestes Beispiel: das Frauenbild) ein Stückweit zurechtzurücken. Das tut nicht nur einer modernen Serie gut, sondern auch einer fünfzig Jahre alten, die heute auch deshalb schwer zugänglich wirkt, weil man sich nur bedingt in die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit zurückversetzen mag – vor, allem wenn sie auf eine so fortschrittliche Zukunft projiziert werden.

IV. Kritikwürdige Aspekte.

Abramstrek im Discovery-Mantel.
Es wirkt in einer Folge, die sich massiv auf den Pilotfilm Star Treks stützt natürlich etwas schizophren sich zu beschweren, dass man sich zu sehr auf einen der vielen Star-Trek-Vorgänger beruft, aber für eine Serie, die in einer Zeit zehn Jahre vor der Originalserie angesetzt ist, scheint es zumindest im Hinblick auf den Stil der eigenen Show fragwürdig sich der gleichen Bildsprache zu bedienen, die zuvor der unter Fans eher unpopulären Star-Trek-Reboot etabliert hat.
Eine immense Anzahl unnötiger Lensflares, eine omnipräsente Wackelkamera und immer wieder aus den Kinofilmen entlehnte Sounds wecken schon auf einer eher unterbewussten Ebene einen unablässige Bezug zur Neuinterpretation J.J. Abrams‚.
Doch während dies in den vorangegangen Folgen gleichermaßen geschah ohne zwangsweise als Kritikpunkt zu enden, geht diese Episode noch ein paar Schritte weiter.
Neben deutlichen darstellerischen Parallelen bei Spock und Pike zeigt sich der Kelvin-Schatten etwa in jenem lichtscheues Wesen, das aus dem trockenen Wald-(!) -Boden von Vulkan bricht wie ein Hengrauggi aus dem Eis von Delta Vega.
Auch der Gedankenrückblick auf eine Zukunft, in der sämtliches Leben in der Galaxis (!!!) von einer fremden Intelligenz ausgelöscht wird, erinnerte in seiner Wirkung massiv an die rote Materie des ersten Abrams-Kinofilms.
Aber man kann diesen Aspekt auch in einem positiven Licht sehen. Der gleichzeitige Einbezug von Elementen aus der Originalserie und dem Reboot könnte gleichermaßen auch als Brückenschlag verstanden werden, der insbesondere in dieser denkwürdigen Folge Alt-Fans, Abramstrek-Jünger und Discovery-Anhänger in ein Boot holt und die Unterschiede zu verwischen versucht.

Kanonbrüche und Logiklöcher.
Wie bereits besprochen ist es ein schmaler Grat zwischen Fanservice und origineller Handlung.
Die Zurückhaltung der Autoren ist in diesem Zusammenhang so sinnvoll wie notwendig, aber auf der anderen Seite lebt gerade Star Trek als abgeschlossenes Universum davon, dass es durch den größeren Kanon innerlich geschlossen erscheint.
Genau ist mit der Darstellung der Talosianer aber nicht gelungen. Dabei hab ich weniger an der optischen Überarbeitung der Supertelepathen auszusetzen, als an der inhaltlichen Darstellung.
In „Der Käfig“ erscheinen sie nämlich noch als eine verzweifelte, dem Untergang geweihte Spezies, die sich eine Art Weltraumzoo aus vernunftbegabten Spezies hält, um sich ungefragt an deren Erinnerungen zu ergötzen. Das Spannende und Bedrohliche an diesem Volk ist im Pilotfilm eben der Widerspruch zur Ethik ihrer menschlichen Gefangenen, die ihre individuelle Selbstbestimmung und Unabhängigkeit über ihr eigenes Leben stellen.
Davon ist nur wenig übrig.
Nicht nur, dass die Talosianer plötzlich um Erlaubnis zur Gedankenextraktion fragen; es ist nicht mehr erkennbar, warum über dem gesamten System die (erstaunlich vielen Personen bekannte) General Order 7 verhängt wurde, die ein Betreten unter Androhung der Todesstrafe (!) untersagt. Sieht man diese freundlichen Damen und Herren, die Spock im Austausch gegen ein paar Erinnerungen gleich zweimal vor dem sicheren Tod bewahren, muss man darin eher einen Widerspruch zum großen Kanon erkennen, als den eingangs beschriebenen Schulterschluss.
Zumal die ‚große Enthüllung‚ um den geheimnisvollen Zwischenfall, der Spock und Burnham entzweit hat, völlig unbefriedigend war. Jeder, der selbst Geschwister hat, hat in seinem Leben wohl schwerwiegendere Streitigkeiten mit seiner Sippschaft ausgefochten, ohne damit derart schwere Traumata auszulösen. Klar kann man sich darauf berufen, dass Spock Halbvulkanier ist, aber er bleibt auch zur anderen Hälfte Mensch und dieser lächerlich profane Vorfall verfehlte völlig die Wirkung, einen so tiefsitzenden Konflikt glaubhaften zu begründen. Der so lange herausgezögerte Moment ließ so andere Enthüllungen der Serie (wie Ash Tylers Identität als Voq, Lorcas Herkunft aus dem Spiegeluniversum oder Sareks Bevorzugung Spocks vor Burnham) im Vergleich jedenfalls wie ein clever inszeniertes Gehirnfeuerwerk erscheinen.
Nicht minder verwunderlich erscheint zudem, dass Spock nach dem Teilen seiner Erinnerungen mit Burnham plötzlich wie aus heiterem Himmel geheilt ist. Keine Erklärung erläutert diese rasante Entwicklung, die man mit einer Gedankenverschmelzung genauso gut hätte erzählen können, ohne den Umweg über Talos IV einzuschlagen. Nach einem so gewaltigen Anlauf von immerhin acht Folgen erschien die Blitz-Genesung des Vulkaniers arg überhastet.

Hinzu kommt, dass ausgerechnet Pike, der Dank Anson Mounts Darstellung innerhalb der ersten Folgen eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, dass in ihm als Captain viel steckt als der ausschnittartige Einblick, den der Zuschauer in „Der Käfig“ erhalten hat, hier auf die Ereignisse dieser Episode reduziert wird. Er fällt in die Arme Vinas als wären drei Tage und nicht drei Jahre Zeit vergangen, muss (zur Information des Otto-Normal-Zuschauers) eines seiner Crewmitglieder darauf hinweisen, dass er um den Status des gesperrten Planetensystems weiß und scheint am Ende doch jene Fähigkeiten der Talosianer vergessen zu haben, die er einst selbst am eigenen Leib spüren musste.
Kurzum, die Story klafft abermals vor Ungereimtheiten, halbgaren Erklärungen, ausgelassenen Gelegenheiten, Fehlinterpretationen, Falschdarstellungen und vor allem riesigen Logiklöchern.
Dabei sind die angesprochenen Kritikpunkte mal wieder nur die Spitze des Eisbergs.
Gedächtniskraft“ hinterlässt eine Vielzahl an Fragenzeichen, von denen ich einige final dem Leser zur Rechtfertigung überlasse, statt mich selbst darüber zu ärgern:
Warum hat riesige Discovery-Shuttle hat einen eigenen Transporter, obwohl die „Galileo“ Jahre später keinen hatte?
Wenn die Sternenbasis 11 nur zwei Lichtjahre vom Talos-System entfernt ist, warum hat die Enterprise in „Talos IV – tabu“ dann so lange dorthin gebraucht?
Ist Andoria seit neuestem plötzlich kein Mond mehr, der um einen Gasgiganten kreist, sondern ein Planet mit Ringen?
Warum gibt es im vulkanischen ‚Glühofen‚ – einer der unwirtlichsten Regionen des gesamten Wüstenplaneten – plötzlich einen Wald?
Warum finden Sektion-31-Holo-Konferenzschaltungen mitten auf dem Flur ihres Schiffes statt?
Verliert Burnhams Shuttle etwa Plasma als es sich Talos IV nähert?
Aus welchem Grund wird bei Vinas entstellter Erscheinung zerzaustes Haar mit abstoßendem Äußeren verbunden?

V. Fazit.
Bei näherem Hinsehen entpuppt sich „Gedächtniskraft“ ist nicht als die typische Cross-Over-Folge, die man nach dem Cliffhanger der letzten Woche hätte erwarten können. Stattdessen präsentiert sich die Episode als weiteres spannendes Kapitel in der geschlossenen Serien-Erzählweise, die die Vorlagen aus dem Kanon eher nutzt um die eigene Handlung voranzutreiben, als sich mit Fanservice aufzuhalten. Unter soliden darstellerischen und handwerklichen Leistungen mag die Folge zwar einige Baustellen schließen, doch sie versäumt es im gleichen Atemzug auch nicht, gleichzeitig ebenso viele neue Fragen aufzuwerfen.
So sind es am Ende wieder einmal zu viele unnötige Ungereimtheiten, ausgelassene Gelegenheiten und vermeidbare Logiklöcher die diese Folge hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben lässt.

Bewertung.
Gewohnt gute Folge mit gewohnt gleichen Mängeln.


VI. Schluss.

You’re not my hero, what are You doing in my world?

Meine abermals bescheidene Übersetzung dieser Zeilen des Five-Year-Mission-Gassenhauers zu „Der Käfig“ (mit Reimversuch!):

Du bist nicht mein Held, was treibst Du in meiner Welt?

Nein, Pike mag nicht wie Burnham im Mittelpunkt der gesamten Serie stehen. Und doch schafft der charismatische Captain es immer wieder, durch seinen historischen Einfluss den Rest der Discovery-Besatzung in ein Star-Trek-Fahrwasser zu lotsen, in das sie aus eigener Kraft wohl nicht gelangt wären.
So ist es nur schlüssig, dass der Weg der Discovery unter dem Kommando Christopher Pikes über kurz oder lang auch über Talos führen muss; egal wie tabu der Planet auch immer sein mag.
Je länger der Mann auf dem Stuhl sitzt, desto mehr lässt sich erahnen, dass er eine tiefe Spur in der Serie hinterlassen wird. Wer weiß, vielleicht trifft der Kommentar Damons bei der Rezension zur letzten Episode ja zu, dass am Ende hinter dem roten Engel gar dieser Christopher Pike steht, dem auf bei seinem ausgedehnten Krankenurlaub auf Talos IV durch die Einwirkung der Talosianer als einziger bekannter Figur immerhin die Möglichkeit offenstünde, im 28. Jahrhundert noch am Leben zu sein. Es wäre sicherlich ein versöhnlicheres Ende, als abermals Michael Burnham mit noch mehr Aufmerksamkeit zu überfrachten.

Denkwürdige Zitate.

War das eine Illusion? Das ist ein Test gewesen! Jetzt sind wir wie Alice im Wunderland hinter dem Spiegel.“
Michael Burnham

Immer rein in mein Büro…“
Sylvia Tilly

Ich kenne das so: Wer den Phaser hat, stellt die Fragen…“
Burnham

Der Vulkanier empfindet Zeit als fließendes und nicht als lineares Konstrukt. Die konventionelle Logik hat ihn nicht weitergebracht.
Talosianerin

Jetzt verstehst Du.
Spocks erste Worte

Was ist denn bitte normal daran? Das hat es noch nie gegeben, dass Du für uns Essen gemacht hast!
Hugh Culber

Wieso bist Du so wütend auf mich?
Weißt Du was, das ist eine gute Frage.“
Paul Stamets und Culber

Mr. Tyler, das ist mein Schiff. Und noch wichtiger: Meine Crew. Ich gebe die Suche nicht auf. Ich lasse keinen im Stich; erst recht nicht, wenn Anschuldigungen bestehen, deren Berechtigung ich anzweifle.
Christopher Pike

Wenn Sie Burnham mehr vertrauen als Sektion 31 – wieso arbeiten Sie dann für die?
Die agieren zwar in Grauzonen, doch ich schätze ihr Engagement für die Sicherheit aller Mitglieder der Föderation. Bei allem was war und was ich jetzt bin, kann ich dort von Nutzen sein.
Pike und Ash Tyler

Spock! Du hast den roten Engel gesehen.“
Zuerst als Kind. Und dann vor ein paar Monaten.
Wer ist er? Was ist er?
Wenn ich das wüsste, wären wir nicht hier.
Das war eher eine rhetorische Frage.“
Als hätte ich mich das nicht auch schon selbst gefragt.“
Können wir unserem Gespräch eine andere Wendung geben?
Hast Du eine substanzielle Frage parat?
Ja; gibt Dir der Bart irgendwas?
Burnham und Spock

Eine mögliche Zukunft. Und die hängt unter Umständen von unseren Handlungen ab. Von Deinen und meinen.
Von Deinen und meinenSpock, es gibt so vieles das ich…“
Nein! Ich bin hier nicht um Dir Absolution zu erteilen, Michael Burnham. Es geht hier nicht um Deine Gefühle.
Und ich bin so blöd und nehme das persönlich.“
Spock und Burnham

In der Vergangenheit werden Sie die Antworten nicht finden, Doktor. Stattdessen müssten Sie mich fragen, wieso ich mich an die Zukunft erinnere…“
Spock

Ich weiß nicht mal, wer ich bin…“
Was soll ich denn da sagen…“
Culber und Tyler

Und Sie haben diesen Kampf zugelassen?
„Ich war der Meinung die Konfrontation diene als notwendige und unausweichliche Katharsis. Für beide übrigens.
Aber schwerlich als Beispiel korrekter Konfliktbewältigung…“
Das Handbuch der Sternenflotte stellt leider keine verbindliche Richtlinie zum Thema Interaktionen zwischen Menschen mit eingepflanzten Klingonen und von den Toten wieder auferstandenen Schiffsärzten zur Verfügung.
Pike und Saru

Captain, der rote Engel hat mir das Ende unserer aktuellen Zeitlinie offenbart. Wenn wir unserem Schicksal entkommen wollen, müssen wir der Vorsehung des Engels folgen.
Spock

Sicherheit ist ein relatives Konstrukt und hat keine einheitliche Bedeutung.
Spock

Wenn man’s genau betrachtet, bin ich Dir dankbar. Deine Worte haben mir gezeigt, wie negativ meine menschliche Seite war.
Nein, Deine menschliche Seite war wunderschön.“
Spock und Burnham

Im Versuch den Emotionen zu entkommen – und Dir – bin ich vollkommen in die Logik eingetaucht. Aber das Fundament meiner Logik – meiner Konstante – ist immer die Zeit gewesen. Jetzt lässt Die Zeit mich im Stich. Die Logik lässt mich im Stich. Die Emotionen lassen mich im Stich. Ich habe nichts worauf ich mich verlassen kann, doch genau das muss ich tun. Dieser Moment könnte für viele Zivilisationen und Millionen von Leben entscheidend sein, und ich bin nicht vorbereitet.
Spock

Sehe ich in ihrem Gesicht etwa ein Lächeln?
Ich glaube schon. Ja.
Pike und Spock

Jedenfalls sollten wir einen neuen Kurs setzen. Denn in ein paar Minuten…“
„… wird die Discovery das meistgesuchte Schiff der Galaxis sein.“
Pike und Saru

„Ich kann von keinem von Ihnen verlangen sich an etwas zu beteiligen, das einen klaren Akt des Ungehorsams…“
Welchen Kurs, Sir?“
Bewegen wir uns und zwar schnell!
Pike, Kayla Detmer und Tilly

Season 1

Besprechung Episode 01 & 02
Besprechung Episode 03
Besprechung Episode 04
Besprechung Episode 05
Besprechung Episode 06
Besprechung Episode 07
Besprechung Episode 08
Besprechung Episode 09
Besprechung Episode 10
Besprechung Episode 11
Besprechung Episode 12
Besprechung Episode 13
Besprechung Episode 14
Besprechung Episode 15

Season 2

Besprechung Episode 16
Besprechung Episode 17
Besprechung Episode 18
Besprechung Episode 19
Besprechung Episode 20
Besprechung Episode 21
Besprechung Episode 22

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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