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Wo die bösen Rabenvögel ihre Kreise ziehen

Der alte Wandersmann – mit spitzem Hut, gusseisernen Manschetten,  lustig gekrümmten Schuhen und abgemagertem Geldbeutel ausgestattet – richtet den Blick zum Himmel empor, wo die bösen Rabenvögel ihre Kreise ziehen.

Nun senkt er seine Augen, starrt hinunter, in jene gähnenden, womöglich bodenlosen Abgründe, die schon hundertfach, tausendfach zurück gestarrt haben.

Ihn stört es nicht mehr.

Was ihn irritiert, ist die Tatsache, dass die Hügel heutzutage keine Augen mehr haben.

Was ihm Sorgen bereitet, ist der Umstand, dass es keine Jungfrauen mehr gibt, in dieser kalten, modernen, technologieverseuchten Welt, die sich darum reissen, nackt und fachgerecht gefesselt, auf einem Felsvorsprung geopfert zu werden, jenen ominösen Göttinnen, älter als die Zeit, deren Macht menschliches Vorstellungsvermögen sprengt, ja in Fetzen reisst. Verdammt.

Hundertmal, tausendmal hat er das Opfermesser geführt, diese skalpellscharfe Damaszenerklinge, von einem Zauberer aus dem fernen Orient verflucht, nach allen Regeln der schwarzen Kunst. Bei jedem dieser feierlichen Anlässe war er der Held der Stunde gewesen, der ganze Weiler – Steinacker hiess der Ort – hat ihm atemlos zugesehen, am Ende kräftig applaudiert. Abends prosteten sie ihm in der Wirtschaft dann euphorisch zu, ihrem Zauberer, der die ominösen Göttinnen wieder für eine Weile beschwichtigt hatte, mittels der Klinge, vermöge des zutage geförderten Bluts.

Und die Echos der Todesschreie hallten immer so herrlich von den Felswänden zurück.

Danach hat er sich gerne in seine Höhle zurückgezogen, es war eine komfortable Höhle, mit Bibliothek, Bad, Bärenfell vor der Feuerstelle. Da haben sie gewartet, jene Jungfrauen, die durch die Opferprüfung gefallen waren, wegen des grossen Andrangs hatte man diese einführen müssen, es war sein Privileg, sie zu entjungfern, dies tat er mit Gusto und Schwung, jeder der Jungfrauen gewährte er drei Durchläufe, die recht unterschiedlicher Natur waren.

Ein magischer Absud, den ihm seine Freundin Astroia zu kredenzen pflegte, verlieh ihm die Aufrichtigkeit, die er an solchen Abenden benötigte. Ja, Astroia, unserer liebe Frau mit dem Leopardenlendenschurz, dem knappsten, der auf dieser Welt je entworfen und geschnitten worden ist. Sie war nicht eifersüchtig auf die jungen Dinger, solange sie selber auch zu ihrem Recht kam.

Dies geschah immerhin oft und heftig, Gewitter waren es, des Eros und der Grausamkeit, Blut tropfte von Lippen, Haut wurde wie Papier zerrissen, Haare bündelweise ausgerissen. Es war jeweils ein Fest.

Doch dann kam es – zunächst erschien die Rechenmaschine, dann die Zahnradband, es folgten der Rasenmäher und jener sprechende Kasten, der auch Bilder zeigt.

Vorbei war die Zeit der Äxte und Ochsenpflüge, vorbei war die Zeit der Fackeln und Femegerichte, vorbei war eben auch die Zeit der Jungfrauenopfer. Dies betrübte unseren Freund über alle Massen.

Er floh also aus Steinacker, er hatte dort keine Aufgabe mehr.

Im Dunkel einer Schicksalsnacht ist er aufgebrochen. Eine kleine Laterne beleuchtete seinen Weg, unter seinem Mantel trug er das Opfermesser, es sollte ihm unterwegs gute Dienste leisten, in der Hand einen Gehstock, dessen Form an einen Buchstaben gemahnte, aus einem Alphabet, das kein Mensch kennt – obwohl es eigentlich wichtig wäre.

Auf seinen Wanderungen begegnete er vielen Menschen, Männern und Frauen, mit denen er lange, abgrundtiefe Gespräche führte. Er konnte sie alle dazu überreden, denn silbern war sein Zungenschlag, sich von ihm ermorden zu lassen, diese Abenteuer trösteten ihn nicht unbeträchtlich. An den Damen vollführte er Lustmorde, die Herren schlachtete er besonders blutig ab.

So waren alle ein bisschen zufrieden.

Doch an Tagen wie heute, wie er über die Falzenhöhe schreitet, und schwindelerregend hoch liegt diese berühmte Bergpassage, verfinstert sich das Gemüt des alten Wandersmanns. Er schaut nach oben, nach unten, beobachtet die bösen Rabenvögel, die am Himmel kreisen, er kann aus ihrem Flug die Zukunft ablesen, und die verheisst nichts Gutes. Weder für ihn selbst – noch für alle anderen.

Gedankenverloren öffnet er seine Ledertasche, sie trägt die Spuren all’ seiner Wanderungen, so wie sein Gesicht, und speckig ist sie. Aus ihren Untiefen zieht er ihn hervor, den Leopardenlendenschurz seiner süssen Astroia, den knappsten, der auf dieser Welt je entworfen und geschnitten worden ist, er führt ihn zum Mund, saugt ein bisschen daran, Tränen füllen seine Augen, seine Lippen zittern.

Still weint der alte Wandersmann. In der Bergeinsamkeit.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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