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Sechs Fremde im Zug (Oder: Warum Männer manchmal stören)

Eigentlich wollte ich nur in Ruhe Zug fahren. Das ist das Höchste, was ein Pendler erreichen kann – in Ruhe Zug zu fahren. Platz haben, nicht gestört werden, zum Beispiel von den Ausdünstungen eines Big-Mac-verzehrenden Teenagers oder von einer besonders gut gelaunten Wandertruppe, die sich über die Abteile hinweg Witze erzählen oder von einer älteren Dame, die noch nicht begriffen hat, dass man die Tastaturtöne des Handys auch ausschalten kann. Einfach Ruhe. Ist das spiessig? Ja. Ist es zu viel verlangt? Nein. Aber leider schwer zu erreichen.

Dabei fing es gut an, perfekt sogar. Ich entdeckte Sechserabteil, belegt nur von zwei adretten weiblichen Wesen. Ich stieg zu, mich nickend durch den Beinsalat windend, den freien Platz in der Mitte ansteuernd. Die Frauen machten Platz, rückten ihre Taschen noch etwas näher an sich heran, legten sich gesittet und höflich ihre Jacken auf den Schoss und wandten sich dann wieder ihren Tätigkeiten zu. Frauen können so verdammt höflich und wohlerzogen sein, dass einem fast die Tränen kommen.

Ich wollte gerade meine Zeitung entfalten, als zwei weitere Frauen zustiegen, jung und attraktiv. Es gibt da etwas mit schönen Frauen, sie üben, zumindest im Zug, eine gewisse Anziehungskraft aufeinander aus, denn die Gesellschaft anderer schöner Frauen strahlt immer auch ein bisschen auf einen selbst ab. Man fühlt sich geschützter im Rudel, sicherer. Zumindest solange kein Mann im Spiel ist.

Sobald sich alle gesetzt hatten, musterten wir uns gegenseitig verstohlen. Das tun Frauen, wenn sie untereinander sind. Jede checkt die andere diskret aus, Blicke schiessen hin und her und kreuzen sich manchmal, bis eine gewisse Rangordnung hergestellt oder zumindest die Neugierde befriedigt ist. Dabei gilt: Boss ist, wer am wenigsten guckt. Denn die weniger Schönen glotzen meistens die Schönen an, während die Schönen sich des Angestarrt-Werdens so gewohnt sind, dass sie es nonchalant ignorieren. Oder wenigstens so tun.

Mir gegenüber sass eine Blondine Typ Scarlett Johansson, gross, mit abblätterndem buntem Lack auf den abgekauten Nägeln, sehr schön, aber uneitel. Neben ihr eine Frau mit dickem schwarzen Haar und einem schönen Gesicht, vermutlich pakistanischer Herkunft, mit langen, gepflegten Nägeln. Der Typ Frau, die nie ihren Lippgloss von den Lippen lecken, bei denen nie auch nur ein einzelnes Haar in die falsche Richtung absteht und wenn eine Strähne mal neckisch ins Gesicht fällt, streichen sie sie mit dem Fingerrücken des Zeigefingers zurück und schauen schön aus dabei. Ich weiss nicht, wie sie das machen und warum mir das nie gelingt. Vielleicht müsste ich mal meine Seele auf den Mwrkt werfen. Rechts von mir sass eine Studentin, schwanger, ungefähr sechster Monat, die ungehemmt am Telefon einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung ausmachte. Dabei konnte man ganz schön viel über sie erfahren, am Schluss auch, dass sie die Wohnung gar nicht nehmen kann. Weil sie im falschen Kanton liegt. Die Frau zu meiner Linken trug eine konservative Frisur, die sie mit etwas weniger konservativer Kleidung aber nicht aufwiegen konnte. Das  alles beobachtete ich und bemühte mich gleichzeitig so zu tun, als interessierte ich mich nur für die Landschaft draussen, was nicht ganz einfach war. Menschen merken für gewöhnlich, wenn sie beobachtet werden und mehr als einmal musste ich meinen Blick im letzten Moment abwenden, was mir wahrscheinlich den Charme einer hochdosierten Ecstasy-Probanden verlieh.

Und dann kam der Mann. Ich sah ihn schon von weitem. Wie er heranlief mit diesem gehetzten Blick, wenn der Zug bereits voll ist und man fürchtet, sich neben einen Fettsack setzen zu müssen oder einen pubertierenden Teenager, der in voller Lautstärke Eurodance hört. Aber dieser Mann hatte Glück, entsprechend leuchtete sein Gesicht auf, als er unser Abteil und die ganze Ansammlung von wohlgestaltetem Östrogen erblickte, das nur darauf wartete, von einer männlichen Note aufgemischt zu werden. Dachte er zumindest.

Er selber war kein besonderer Mann, nicht besonders gross, nicht besonders interessant, nicht besonders attraktiv, aber auch nicht besonders unattraktiv. Aber ein Mann. Ich mag Männer. Ich mag ihren Schweiss, ihre Grobheit, ihren Willen, Probleme zu lösen und ich mag sogar ihre Kommunikationsverweigerung.  Aber manchmal stören sie. Männer bringen Turbulenzen in dieses fein abgestimmte Orchester von diskreten Blicken, Dominanz- und Unterwerfungsgesten, Rebellionen und Versöhnungen. Und sie stören besonders, wenn sie so verdammt aufgeregt sind, weil da ein paar schöne Frauen sitzen. Dann ist es, als würde einer mit der Tuba im Orchester rumtrompeten ohne überhaupt zu bemerken, dass da ein Orchester spielt.

Der Typ begann sich also durchzukämpfen zum hintersten Platz. Wir Mädels hatten uns bis zu dem Zeitpunkt alle so ruhig und effizient verhalten und allenfalls kleinräumig bewegt. Und dann dieses Trampeltier. Die Anwesenheit eines Mannes verändert die Atmosphäre unmittelbar, egal, was für ein Mann das ist. Weil er in einer solchen Situation Männlichkeit repräsentiert und jede Frau setzt sich dazu in ein Verhältnis, ob sie will oder nicht. Unser Mann hielt sich nicht an unser Stille-Gebot. Schon die Lautstärke seines Atems allein absorbierte alle Aufmerksamkeit, dann zog er auch noch die Nase hoch und checkte natürlich seinerseits das Harem aus. Später begann er einen Apfel zu verspeisen, packte dann plötzlich seine Sachen zusammen und verkündete, er müsse einen neuen Platz suchen, weil es ihm schlecht werde, wenn er rückwärts fahre. Meine verdammt wohlerzogene Sitznachbarin bot ihren Sitz an, so dass er sich nun neben mir breitmachte und mir in die Ohren schmatzte.

Am Schluss beneidete ich ihn um seine Ignoranz. Wie schön muss es sein, nicht mitzubekommen, was für ein Trampel man eigentlich ist. Und dann dachte ich, dass ich sicherlich auch selber jeden Tag in irgendwelche Zusammenhänge trample, von denen ich keine Ahnung habe, dass ich mich immer wieder gut gelaunt und schmatzend in irgendwelche Fettnäpfchen setze, deren Existenz mir nicht einmal bewusst ist. Was dagegen tun? Von den besten lernen, ignorieren und geniessen erscheint mir da nicht die schlechteste Strategie. An irgendetwas müssen wir uns ja reiben, damit mir nicht aussterben.

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Autor: Michèle Binswanger

Michèle Binswanger ist auf dem Land aufgewachsen und liebte Pferde. Dann studierte sie Philosophie und wäre fast Philosophin geworden. Aber weil ihre Kommilitonen immer so aussahen, als wären sie Jahre unabgestaubt im Schrank gestanden, erschien ihr das zu unglamourös. Also wurde sie Journalistin. Das ist zwar auch nicht viel glamouröser, aber der Job machte Spass. Die Phrasen, die sie in ihrem Job am häufigsten hört, sind: „Das ist aber mutig“. Und: „Ich bin zwar nicht immer gleicher Meinung, aber schreiben kannst du.“ Das würde sie auch unterschreiben.

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