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Der Jimmy Hendrix der Nähmaschine

(Trudy Jost hat ein Lederatelier in Solothurn. Sie schneidert dort seit einer Ewigkeit Hosen, Jacken und Gilets aus feinstem Leder. Willy Deville war einer ihrer besten Kunden. Und darüber hinaus einer ihrer besten Freunde. Ich wollte Trudy schon lange mal besuchen. Und da sie grad drei Mäntel von Willy Deville im Verkauf hatte, dachte ich, das wär jetzt ein guter Zeitpunkt. So fuhr ich also nach Solothurn. Der Heimat von Peter Bichsel und Trudy Jost. Die beiden haben nichts zusammen, ausser, dass Peter Bichsel dann und wann in der Beiz gegenüber dem Atelier von Trudy sein Glas Wein trinkt.  Wir sassen also so da in ihrem kleinen Laden und irgendwann wurde es richtig spannend. Ich drückte auf „record“.)

 

Trudy: … das war im Bierhübeli, er stand auf der Bühne, ich davor, irgendwann rief ich ihm zu, dass seine Hose aussähen wie ein Kartoffelsack. Nach dem Konzert kam er zu mir und sagte, ich soll ihm doch eine geben, die besser sitzt, ich so, klar, mach ich. Er zum Tourmanager: Wann sind wir wieder in der Schweiz? Der Tourmanager: Dann und dann, ich: welche Farbe? Er: Braun … Hast Du die Dokumentation „Beautiful Loser“ gesehen?

Ich: Nein.

Nein?

Nein, manchmal will ich von Leuten, die ich gut finde, gar nichts genaueres wissen. Ich hab dann meistens so eine Art Bindung, und die will ich mir erhalten. Wenn ich zuviel über einen weiss, find ich ihn dann vielleicht ein Arschloch, und das fänd ich dann schade. Ich hatte ihn mal getroffen, in Luzern, im Schweizerhof, nach dem Konzert, er sass da in der Lobby und ich dachte: Gehst du jetzt hin oder nicht? Und dann dachte ich: Nicht. Lass es. Ich bin kein Groupie. Wie gings dann weiter? Wann war das?

1997. Das nächste Mal als er da war, rief er mich an, ich soll ihm die Hosen doch am Konzert vorbeibringen. Ich da hin, die Security wollte mich natürlich nicht nach hinten lassen, ich schickte ihn zu Willy, er soll ihn fragen. Dann hats geklappt. Ich in die Garderobe, er stieg rein: Sitzt. Ich hatte ja kein Mass nehmen können, aber ich habe ein gutes Auge. Er war begeistert, sagte: Kannst Du auch so Mäntel machen, wie zu Mozarts Zeiten? Ihm gefiel die Mode dieser Zeit, mit den Rüschenhemden und so. Klar konnte ich das, er bestellte grad drei, einer in Schwarz, einer in Grau einer in Grün. Irgendwann waren sie fertig und ich rief ihn an und er sagte ich solle sie ihm schicken. Das waren drei Mäntel, drei Gilets, zwei Hosen, ich sagte ihm, das käme ziemlich teuer mit dem Zoll und so. Da hat er mich einfach nach New Orleans eingeladen, ich solls ihm grad selber vorbeibringen. Danach war ich etliche Male in New Orleans.

 

(Wir hören eine Live-Aufnahme, welche gar nie veröffentlicht wurde. Trudy hat ein paar solcher Aufnahmen im Gestell. Und sie war schnell und zielsicher, wenn sie eine rausnahm. So, als könnte Willy jederzeit zur Tür reinkommen und danach fragen. Sie wär parat. Ich probiere einen weiteren Mantel. Petrolblaues Wildleder mit schwarzem Kragen. Chesterfield. Als wär er für mich gemacht. Ich behalt ihn einfach mal an.)

 

Ja, da kam ich also an in New Orleans, er durfte ja nicht Autofahren, weil er ja drauf war, er wollte es mir aber nicht sagen, vermutlich hatte er sich geschämt, aber ich wusste es ja. Ich sagte ihm, ich sei aus der Schweiz, aus Solothurn, wir haben auch Junkies bei uns, da entspannte er sich und meinte: You are my Buddy then. Das Beste war, dass ich damals einen guten Freund hatte, der wohnte in Denver, baute dort Flugsimulatoren, aber war eigentlich auch Musiker, also ist immer noch einer, ich rief ihn an und sagte, ich komme nach New Orleans. Er meinte, ich solle doch zuerst zu ihm kommen, er müsse im August einen seiner Flugsimulatoren nach Orlando bringen, da bring ich dich doch grad nach New Orleans. Wir also mit einem Riesentruck und dem Flugsimulator hinten drauf von Denver quer durch Colorado, New Mexico, Texas, vier Tage unterwegs, das war auch noch recht spannend. Hausi, so heisst er, war Willys bester Freund hier in der Schweiz. Immer wenn Willy hier auf Tour war, sagte er dem Management, dass sie mindestens zwei, drei Tage frei einplanen sollen, damit er nach Solothurn kommen kann. Er ist hier ja nie aufgetreten, Zürich, Basel, Bern, aber nicht in Solothurn. Hausi holte ihn und brachte ihn immer … das war eine schöne Zeit, das war so lustig mit denen, die haben sich von Anfang an gemocht.

Hatten Deine Arbeiten für Willy ausgestrahlt? Ich mein businessmässig…

„Oh ja, und wie. Ich hätte den Laden nie so lange halten können ohne Willy. Kommt mir grad eine Geschichte in den Sinn: Er war mal Vorgruppe von Sting und eine Nacht zuvor, er hatte ein Konzert in Wien, und auf der Fahrt macht er Witze wie „Oh, i will tell Sting, hey Motherfucker, sorry, no voice“, alle glaubten, er würde das wirklich tun …

Hat er?

Nein, sicher nicht.

Aber Recht gehabt hätte er.

Ja, dachte ich mir auch (lacht) … wieauchimmer … er also auf die Bühne, es war schönes Wetter, ein Open-Air, drehte sich um und machte das „Victory-Zeichen“, was nichts anderes hiess, dass ich ihm ein Valium bringen soll. Dann kommt Sting daher, im Jogginanzug mit einer rosaroten Brille, setzt sich neben mich und ich dachte, mein Gott, hoffentlich sieht Willy das nicht. Dann ging Willy von der Bühne und Sting rauf und sagte „Oh, fuck, he has such a great voice“ und hatte Willy mit Komplimenten eingedeckt, über seine Stimme, seine Kleider … das war eine lustige Situation. Später hat Willy mich ihm vorgestellt. „You know, she’s my personal Tour Manager, she’s my best friend, and she is the Jimmy Hendrix of the sewing machine.“ Daraufhin bestellte Sting auch eine Hose und zwei Jacken.

Cooles Gefühl, oder?

Er war ein richtiger Kumpel, er stand immer für die Armen und Benachteiligten, mit den Reichen wollte er nichts zu tun haben. Er hat auch nie ein Konzert angefangen, bevor nicht alle, die im Rollstuhl da waren, vor die Bühne gefahren wurde. Er legte Wert darauf, dass sie die besten Plätze hatten, wenn er spielte. Einmal, nach einem Konzert, stand da ein Mann und streckte ihm seine Hand entgegen. Willy ging hin, schüttelte seine Hand, der Typ packte ihn, zog ihn zu sich und biss ihm in den Arm und sagte „Ahh, i could eat your arm! I love you so much!“ Willy hatte drei Tage lang Schmerzen vom Biss. Seither wollte er nichts mehr wissen von Leuten, die ihm zu nahe kamen. Ja, das war eine Geschichte. Solche hab ich noch viele. Willst Du noch Fotos von Ihm für Deinen Artikel?

Ich will ein Foto von Dir, ich mach keinen Artikel über Willy, ich mach einen über Dich.

Ach …

Klar bist Du verwoben mit der Geschichte von Deville. Aber Deine Seite der Geschichte interessiert mich.

Er war ein Chamäleon, in jeder Art und Weise, äusserlich und innerlich …

Und dann bekam er seine Krankheit und bumm tot. Das ging ja auch für Dich schnell, oder?

Drei Monate.

Hast Du ihn begleitet?

Ich war oft in New York in dieser Zeit. Aber es war ein Problem wegen seiner dritten Frau, die war eifersüchtig auf alles. Nicht nur auf Frauen, auf alles, die war ein totaler Kontrollfreak, die hat ihm auch den Pass versteckt, damit er nicht auf Reisen gehen konnte. Er rief mich dutzende Male an, jeweils nach Mitternacht, wenn sie schlief, das war die einzige Zeit, wo er mit mir telefonieren konnte, ohne dass sie es mitbekam und ausflippte.

 

(Fernando von Arb von Krokus kam gerade ins Atelier, um sich eine Jacke für den SMA zu kaufen. Er meinte, er wolle wenigstens gut aussehen, wenn er schon diesen Preis entgegennehmen darf.)

 

Du machst auch die Kleider für Krokus?

Fernando kenne ich schon fast 30 Jahre, er bekommt bei mir immer einen guten Preis. Weißt Du, so gross sind die auch nicht mehr im Business …

Die meisten sind nicht so gross im Business, oder? Entweder hast Du die ganz grossen wie U2 oder so …

… dem hab ich auch mal eine Hose gemacht … aber ich hätte Dir noch eine Superstory aus Saragossa zu erzählen, aber das dauert etwas länger …

Woher kommst Du eigentlich?

Ich bin in Graz geboren, kam mit zwanzig in die Schweiz, lernte einen total interessanten Ex-Fremdenlegionär kennen …

… sieht so aus, als hättest Du immer irgendwie die Freaks angezogen …

… jaaaa, das ist ja das Problem, so nichtssagende Schönlinge haben mich nie interessiert. Zieh jetzt mal den diesen Mantel an .. perfekt … aber Du hast jetzt diesen Gürtel an, hast du den dann auch an, wenn Du auf die Bühne gehst?

… das weiss ich doch jetzt noch nicht, das ist ja auch noch weit weg, ich hab mir jetzt einfach mal einen Amp in die Garage gestellt. Und mir gedacht, es wär noch cool, da in einem Mantel von Willy Deville zu stehen und zu klimpern. Aber was anderes: Polo Hofer hat ja ein paar Songs von ihm gecovert, oder?

Das weiss ich jetzt gar nicht.

Doch, Across the Borderline, zum Beispiel.

Dä fräch Siech. 

Die haben doch auch ein Duett aufgenommen

Ja, das war hier in Solothurn. Als Willy drei Monate bei mir war. Da kam der von Rohr grad vorbei, als er gesehen hatte, dass ich mit Willy durch die Stadt lief, aber mit ihm kam Willy nicht klar. Er gab ja allen, die er hier kennenlernte einen Übernahmen. Von Rohr war der „Shithead“.

Shithead?

Ja, er mochte ihn nicht. Wir hatten da was aufgenommen für ein Projekt in Deutschland, Willy war gerade auf Entzug, also trank er Alkohol. Während den Aufnahmen wollte er ein paar Bier und von Rohr ging und brachte Clausthaler. Willy natürlich gesungen, getrunken, getrunken und wartete immer auf seinen Rausch, aber der kam nicht, war ja alkoholfreies Bier.

Wieso hat er ihm Clausthaler gebracht?

Weil er nicht wollte, dass es so rauskam. Wenn Willy betrunken war, konnte er recht mühsam werden.

Und dann?

Dann hat er das irgenwann geschnallt, dass der von Rohr ihm alkoholfreies Bier gebracht hat und er wurde stinkig. Von da an nannte Willy ihn nur noch Shithead.

Aber eigentlich hatte ers doch nur gut gemeint …

Ja, klar. In Paris haben wir auch so eine Story erlebt. Nach dem Konzert musste Willy runterkommen, er sagte, komm, wir gehen zu den Clochards, die haben sicher eine Flasche Wein. Auch hier wieder, es zog ihn zu den Armen, zu den Aussenseitern.

Hat vielleicht auch einen anderen Grund, man muss denen nichts beweisen, man muss nicht so tun, als wäre man ein Rockstar. Wenn man mit diesen Leuten zusammen ist, fühlt man sich nicht schlechter als sie. Irgendwie riecht das auch nach extrem wenig Selbstvertrauen.

Das ist so. Du musst wissen, dass Willy mit 14 Jahren von zuhause abhaute. Seine Mutter war ja zweimal verheiratet, er hatte noch zwei Brüder und eine Schwester. Die beiden älteren Brüder waren von ihrem Ex-Mann, das war in den 50ern, und die beiden waren ziemlich schwierige Jungs und so brachte die Mutter die beiden in ein Heim. Und immer wenn Willy rebellisch wurde, drohte sie ihm, dass sie ihn auch ins Heim stecken würde. Davor hatte er solche Angst, dass er von zuhause weg ging. Dann ging er nach New York, nach Harlem, ein Quartier mit nur Schwarzen zu der Zeit. Und die hatten Mitleid mit dem Bub, der die ganze Zeit nur Musik hörte und auf der Strasse lebte, und sie haben ihm eine Gitarre geschenkt und ihm ein paar Griffe beigebracht. Drum ist er überhaupt Musiker geworden. Aber er hatte wirklich kein einfaches Leben.

Drum ist vielleicht seine Musik so voll Soul.

Ja. Und drum ist er auch nie ein Weltstar geworden, weil er nie gemacht hat, was die Plattenfirma von ihm wollte. Das hätte auch nicht funktioniert. Er wollte sein eigenes Ding machen und hat es auch gemacht.

Vermisst Du diese Zeit manchmal?

Sehr sogar, klar. Wenn wir auf Tour waren, hatte ich den Laden zu für ein paar Monate. Ok, meine Ehe ging bachab deswegen, damals brach eine Welt zusammen, aber heute im Nachhinein war alles genau richtig, wie es war. Und wenn er hier war, mischte er das Dorf auf. Ich hab sein Geld verwaltet, weil er ja sonst geradewegs Drogen gekauft hätte, und er war ja auf Entzug. Und wenn das Geld knapp wurde, nahm er die Gitarre und stand auf die Strasse da vorne und spielte ein, zwei Stunden, dann war wieder genug da für ein paar Tage.

 

(Wir wühlten uns durch Willy Devilles Discografie, Bootlegs, seine Anrufe, die Trudy noch immer auf dem Anrufbeantworter gespeichert hat. Ich hatte immer noch den Mantel an. Ich wollte ihn nie mehr ausziehen. Also hab ich ihn gekauft. Und weiss heute nicht mehr genau, was mich mehr beeindruckt: Einen Mantel von Willy Deville zu tragen oder einen Mantel von Trudy Jost, dem Jimmy Hendrix der Nähmaschinen. Ich glaub, es ist die Kombination, das kann man nicht trennen. Auf dem Nachhauseweg legte ich eine Bootleg-CD eines älteren Kaufleuten Konzerts ein. Willy sang „Let it be me“. Und ich hatte das Gefühl, mein Ledermantel vibriere leicht.)

 

 

 

 

Leder-Atelier Trudy Jost

Kreuzgasse 9

4500 Solothurn

Tel.: 032 623 50 88 

www.leder-atelier.ch

 

 

 

 

 

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Autor: Rainer Kuhn

Rainer Kuhn (*1961) hat das ganze Ding hier gegründet, aufgepäppelt, fünf Mal neu erfunden, vorher Werber, noch vorher Betriebsökonomie studiert, noch vorher Tennislehrer gewesen. Dazwischen immer mal wieder ein Kind gemacht. Wollte eigentlich mal Pferdekutscher im Fex-Tal werden, später dann Pfarrer. Im Herzen ein Landbub, im Kopf dauernd unterwegs. Schreibt drum. Hat ein paar Gitarren und ein paar Amps in der Garage stehen. Macht Musik, wenn er Zeit hat. Hat er aber selten. Blues und Folk wärs. Steht nicht gern früh auf. Füllt trotzdem die Kult-Verteilboxen jeden Monat mehrmals eigenhändig auf. Fährt Harley im Sommer. Leider mit Helm. Mag Mainstream-Medien nicht. Mangels Alternativen halt Pirat geworden. Aber das ist manchmal auch streng.

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