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Heute haben wir es besser

Heute haben wir es besser. Nicht wie früher, wo man kaum mal 5 Minuten Ruhe hatte. Man trug kleine Computer auf sich, mit denen konnte man mit jedem kommunizieren, in Wort, in Bild und Schrift, egal wo man gerade war oder der andere. Wenn jemand irgendetwas mit irgendjemandem kommunizieren wollte, dann wusste man das, weil dann machte der kleine Computer in der Tasche ein Geräusch, bei manchem klingelte es, bei anderen summte es nur und bei wieder anderen erklang ein Lied. Das konnte jeder selber wählen, mit was für einem akkustischen Zeichen er gestört werden wollte. Man wurde oft gestört. Genau genommen wurde man andauernd gestört. Von irgendjemandem, wegen irgendetwas, selten etwas, was einem selber wirklich betroffen hätte.

Seit der Strom weg ist, haben wir wieder viel mehr Zeit. Die Welt ist wieder gross geworden. Man muss sie nicht mehr dreimal umrunden, um etwas zu entdecken. Klar, es brauchte seine Zeit, die Umstellung und das alles, das war am Anfang alles andere als schön, man musste alles neu erfinden, man hatte sich ja nichts mehr aufgeschrieben, und Bücher hatte man auch keine mehr gekauft, es war ja alles im Internet, und damit grad auch noch in diesem kleinen Computer, den man bei sich trug. Wir mussten also nichts mehr wissen und wurden darüber hinaus andauernd gestört bei irgendetwas, meist von Leuten, die auch nichts mehr wissen mussten und selber auch immer bei irgendetwas gestört wurden.

So kriegte keiner je sein Tagwerk auf die Reihe, man musste am anderen Tag weitermachen, irgendwie, zwischen andauerndem gestört werden und nicht wissen müssen. Und am anderen Tag ging das so weiter und man musste am Übernächsten undsoweiter. So schummelte man sich durch den Tag, versteckte sich in Projekten, entschied kaum mehr etwas, und wenn, dann nur selten, es war auch schwierig Entscheidungen zu treffen, zu Zeiten, in denen man alles hätte wissen können und darum auch hätte wissen müssen, man aber nichts mehr wissen musste, weil man ja alles hätte im Internet nachschauen können.

Vielleicht gibt es das alles wieder einmal, vielleicht nicht in dieser Generation, vielleicht erst vier Generationen später, wenn keiner mehr da ist, der hätte erzählen können, wie das alles kommen konnte, damals, als wir noch Strom hatten, und wieso. Vielleicht werden sich dann ein paar wieder von Neuem Aufmachen, den Weg aus dem Paradies zu suchen, die Leichtigkeit und Begeisterung vor Augen, nicht wissend, sie werden es auch nicht wissen können. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wie auch immer. Man muss nicht alles wissen. Heute ist heute. Und heute haben wir es besser. Nicht wie früher, wo man kaum mal 5 Minuten Ruhe hatte.

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Rainer Kuhn

Autor: Rainer Kuhn

Rainer Kuhn (*1961) hat das ganze Ding hier gegründet, aufgepäppelt, fünf Mal neu erfunden, vorher Werber, noch vorher Betriebsökonomie studiert, noch vorher Tennislehrer gewesen. Dazwischen immer mal wieder ein Kind gemacht. Wollte eigentlich mal Pferdekutscher im Fex-Tal werden, später dann Pfarrer. Im Herzen ein Landbub, im Kopf dauernd unterwegs. Schreibt drum. Hat ein paar Gitarren und ein paar Amps in der Garage stehen. Macht Musik, wenn er Zeit hat. Hat er aber selten. Blues und Folk wärs. Steht nicht gern früh auf. Füllt trotzdem die Kult-Verteilboxen jeden Monat mehrmals eigenhändig auf. Fährt Harley im Sommer. Leider mit Helm. Mag Mainstream-Medien nicht. Mangels Alternativen halt Pirat geworden. Aber das ist manchmal auch streng.

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