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Wir sind nicht mehr die gleichen, sagt ein hier stationierter GI

Sie sind geblieben im Dschungel in der kleinen matschigen Lichtung gesäumt von Waldgras in der grünen Hölle. Der Militärstützpunkt liegt gut getarnt mitten im Urwald – eingeklemmt zwischen zwei Bergkuppen, die schon zum Hochland gehören. Hier beginnt die «Special Zone», Zufahrtstrassen sind mit der Zeit überwachsen. Der Weg dahin ist nicht einmal mehr möglich mit Geländemaschinen, die sich über jegliche Schlaglöcher hinweg setzen können. Kein Durchkommen mehr. Stellen wir uns vor, wir würden uns in der Military-Area befinden, so sind einige Bunkerkolonien vom Wurzelwerk unterwühlt, vermoost und wurden längst vom Wald zurückgeholt. Andere Bereiche kann man noch ausmachen, dazu gehört ein Kasernengebäude im 60er Jahre Stil und eine Flugzeuglandebahn, deren Fläche wie eine zerbrochene Schiefertafel mitten im Gras daliegt. Der letzte Huey wurde buchstäblich vor 30 Jahren in diesem feuchten Klima vom Rost zerfressen. Auch wenn man im Zeitalter von Google Earth das Gefühl hat, dass nichts auf der Welt unentdeckt bleibt, können längst nicht alle Sattelitenbilder und Geländeinformationen ausgewertet werden. So sind viele GI und Offiziere der Truppe auch 50 Jahre später noch da, nur die Abzeichen an den abgewetzten Uniformen wirken verblichen. Operieren tun sie jetzt von den Erdbunkern aus: lässig die Maschinenpistolen in die Hüfte gedrückt, sitzt ein Soldat auf einem verbeulten Jeep, der früher hinter dem Palisadenzaun wohl seine Runden gedreht hatte. Der Schlagbaum ist immer unten und der Feind meilenweit weg. Letzte Kontakte waren 1970. Seither sind längst die Vorräte ausgegangen, doch man hat sich zu helfen gewusst: Töten, die ursprünglichste Tätigkeit des Menschen überhaupt. Soldaten schleichen durch den Dschungel, Dunst liegt in der Luft und wenn die Sonnenstrahlen mal in Richtung Boden durchs Blattwerk dringen, so ist das wie ein Wasserstrahl in der Wüste: lichtaktive Pflanzenwelt erwachen.

Völlig abgeschnitten von der Welt entstand hier 1960 ein Camp unter der Aufsicht einer Sonderabteilung der CIA, die allerdings nicht lange bestanden hatte. Gerüchteweise sollen ihre Vorgehensweisen und Pläne bezüglich Krieg selbst den hartgesottenen und erfahrenen Veteranen aus dem 2. Weltkrieg/Koreakrieg zu weit gegangen sein. Die Soldaten vom Militärcamp TOTN waren nicht eine kämpfende Truppe, ihnen war damals ein Gebäude mitten im Dschungel zur Bewachung übergeben worden. Was darin ist: ein Rätsel. Die Leitung dieser Operation nannte das Militär-Projekt «Treasure of the nibelungen», was auch nicht mehr Hinweis über das Ziel und den Inhalt des zu bewachenden Bunkers gab. Geheim, so geheim war das Camp, dass auch niemand in Washington vom Verteidigungsministerium etwas davon wusste. Als der Vietnamkrieg 1975 beendet war, wurden Akten vernichtet und mit dabei waren vielleicht auch die Papiere zu dieser Aussenbasis, falls dazu überhaupt jemals etwas festgehalten wurde. Allfällige Verantwortliche der Sonderabteilung überliesen die Truppe ihrem Schicksal im Urwald. Wenn bekannt geworden wäre, dass Camp TOTN wirklich existiert hatte, wäre Feuer unter dem Dach gewesen und der eigene Hals wohl bald in einer ganz dicken Schlinge.

Stolz macht der verantwortliche Offizier von TOTN, dass in all den Jahren niemand desertiert ist: alles Patrioten hier, würde stolz berichten, wenn ein Vorgesetzter zum Rapport da wäre. Diese 0-Quote nur möglich, durch Führung mit eiserner Härte und widerspruchslosem Befolgen des Auftrages. Harte Hunde unter harter Hand. Patrioten, die hier am Boden Jahrelang Drecksarbeit erledigen. Drecksarbeit nicht in Form von Feindbeschuss, sondern Obhutstätigkeit für diesen speziellen, in vielen grüntönen gefleckten Bunker mitten im Dschungel. Der Block wurde bis zum heutigen Tag erfolgreich verteidigt. Doch seit das Betonmauerwerk rund um das Geheimnis bröckelig geworden war, hatte sich irgendwie einiges verändert. Wir sind nicht mehr die gleichen, sagt ein stationierter GI, dieser Ort hier hat uns verändert und das Warten – das viele Warten auf neue Befehle. Wie lange, weiss keiner mehr, der letzte geführte Kalender wurde 1980 von einem Affen gestohlen.

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Autor: Sabine Hunziker

Man behauptet, dass Katzen sieben Leben haben. Nacheinander. Manchmal glaube ich, dass ich auch sieben Mal lebe, dies aber nebeneinander und immer wenn ich einen chinesischen Glückskeks breche und esse, dann seht da auf dem Zettel: „machen Sie jetzt nicht den gleichen Fehler!“

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