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«Letztlich wollen wir alle fliegen» – KULT-Autorin Ute Cohen trifft Gisela Getty

Leichtfüßig bewegt sich Gisela Getty durch das Apartment in Berlin-Mitte. Mit einer einladenden Geste bietet sie einen Platz im Esszimmer an oder auf dem großen Boxspringbett im Nebenraum. Sie streicht sich durch das schulterlange weiße Haar, ein wenig kokett und mädchenhaft wirkt sie mit ihren einundsiebzig Jahren. Kurz darauf liegen wir nebeneinander auf dem Bett und plaudern über eine Zeit, die sie geradezu idealtypisch zu verkörpern scheint: die Achtundsechziger. Schon nach ein paar Minuten keimen jedoch Zweifel auf. Wer ist diese Frau, die als Hippie-It-Girl galt, Mick Jagger, Leonard Cohen und Bob Dylan zu ihren Freunden zählte, zudem dreimal verheiratet war und Teil dieser berühmten Milliardärsfamilie wurde, die durch Unglücke und Drogen von sich reden machte. Mit Etiketten und Klischees ist es selten getan, schon gar nicht bei Gisela Getty, die sich jeglichem Schubladendenken widersetzt. Als «hässliches Entlein, halb Junge, halb Mädchen» bezeichnete man sie in ihrer Kindheit, später dann als «Drama Queen». Gemobbt, sogar verprügelt worden seien sie und ihre Zwillingsschwester Jutta Winkelmann, auch weil sie dem damaligen Schönheitsideal nicht entsprachen. Sie erzählt von diesen Erlebnissen ohne Selbstmitleid.

Der Rahmen ist gesteckt: Getty hält nichts vom Opfer-Narrativ, ihr Credo lautet Selbstverantwortung. Das wirkt provokativ in einer Zeit, die gern nach Mitleid heischt und Verantwortung für selbst Erlebtes abweist und verdrängt. «Man könnte diese Geschichten als Opfergeschichten erzählen» meint Getty, sie aber habe immer versucht, ihr Mitwirken zu erkennen auch in dem, was ihr Unangenehmes widerfahre. Das klingt nun gar nicht nach «Drama Queen», sondern bezeugt Klarsicht. Gisela Getty seufzt: «Wenn man der expressive Typus ist, wird man leicht als dramatisch empfunden. Wir Frauen müssen ja immer lieb sein.» Dramatische Züge hatte ihr Leben allerdings. Die Entführung ihres Ehemannes Paul Getty durch die italienische Mafia füllte in den Siebzigerjahren die Seiten der Boulevardpresse. Dass auch sie selbst und ihre Schwester entführt worden waren, ist hingegen kaum bekannt. Ein brutales Männerspiel von Mafiosi sei das gewesen und eine einseitige «Liebesgeschichte». Die beiden Schwestern konnten sich nach einem kinoreifen Showdown befreien. Gisela und Jutta schrien dennoch nicht Zeter und Mordio, sondern versuchten unbewusste Mitverantwortung zu ergründen. Das wirkt unter Umständen nicht auf Anhieb nachvollziehbar und doch stimmig mit Giselas Motto, auch eigene Schatten erfassen zu wollen. «Wir Frauen werden erst kräftig, wenn wir die die Gewalt in uns akzeptieren», sagt sie bestimmt und weiß, dass sie damit gegen den unausgesprochenen Kodex verstößt, Gewalt einzig und allein im Patriarchat anzusiedeln.

Getty hält wenig von scharfen Antagonismen, Chancen erkennt sie vielmehr in der Auflösung von Gegensätzen. 1968 sieht sie als «ein Zeitfenster, wo es nicht um Adam und Eva ging, wo Eva nicht aus der Rippe Adams geschnitzt war». Diesen Gedanken spinnt sie fort, wenn sie nach den blinden Flecken in der eigenen Weiblichkeit sucht. Sie wisse nicht, was das bedeute: «Ich als Frau». Nie habe sie sich völlig mit dem Frausein identifiziert, weibliche Sexualität sei ihr ein Rätsel. Ein erstaunliches Bekenntnis für eine Frau, die sexuelle Befreiung hautnah kennengelernt hat. Intensive Körperlichkeit habe sie aber dennoch erlebt, erst vor Kurzem mit fast siebzig Jahren. Es sei ihr aber immer mehr um Erotik gegangen als um Sex, sagt sie und man glaubt es ihr aufs Wort, wenn sie von den Muscheln am Strand, den Gerüchen am Ganges schwärmt: «Letztlich wollen wir alle fliegen und den Körper loswerden», sagt sie nachdenklich und lehnt sich in die Kissen zurück. 

Intensiv sei auch der Schmerz bei der Geburt ihrer Tochter gewesen, eine «ekstatische Außerkörpererfahrung». Den Schmerz zu glorifizieren liegt ihr fern, und doch erkennt sie, dass Schmerz Erkenntnisse ermöglicht, die die Sicht auf die Welt verändern, ohne in ein Opferdasein zu münden.

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Autor: Ute Cohen

„Langeweile ist eine Sünde, für die es keine Absolution gibt.“ (Oscar Wilde)

Aus gutem Grunde verlässt Ute Cohen nach dem Abitur das kleine fränkische Dorf, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Das Studium der Linguistik und Geschichte und eine Dissertation folgten. Schließlich
war es an der Zeit, den Elfenbeinturm zu verlassen. Amerikanische Unternehmensberatungen lockten. Business statt Beckett!
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