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Stinkende Schwaden der Missgunst

Radau, Chaos, Wahnsinn, auf Strassen, Plätzen, in Gassen, 24 Stunden am Tag: Menschen am Rand der Verzweiflung, die ihre Klagegebete lauthals einem zornigen Himmel entgegen brüllen.

Gruppen junger Männer, fast noch Buben, die Streit suchen – oder eine Gelegenheit, Frauen unsittlich anzufassen, wobei sie gleichsam zu einem monströsen Oktopus mutieren, wenn acht Arme denn ausreichen.

Entnervte Automobilpersonen, die einander gegenseitig den Weg abschneiden, hupen, scharf abbremsen, unvermittelt losrasen, Passantinnen, Passanten vor sich her jagen.

Unzählige Demonstrationen; mittelgrosse Haufen ideologischer Fanatikerinnen, Fanatiker, die sich gegenseitig mit ihren Parolen zu übertönen versuchen, Schneisen der Zerstörung hinterlassend.

Horden von Obdachlosen, Bettlerinnen und Bettlern, Kriegsversehrten, denen es an allem mangelt.

Menschliche Abfälle und Unfälle – jenes gesichtlosen, kalten Systems, das den Gang der Dinge kanalisiert.

Martialisch auftretende Einheiten der Militärpolizei, auf der Suche nach Menschen, die sie schikanieren, erpressen können.

Verloren im Labyrinth

Verwirrte Seniorinnen und Senioren, verloren im Labyrinth des zeitgenössischen Lebens, Kinder, mit einer Kälte in den Augen, die eher zu erfahrenen Kampfpiloten passen würde, Strassenhändlerinnen und -händler, die ihre Produkte mit enervierender Hartnäckigkeit feilbieten…

Sowie Hunde, Affen, Schlangen.

Heutzutage muss man sich zu jeder Tageszeit überall durchdrängen, mit Händen und Ellbogen, durch Menschen- und Tierhorden, die immer überall sind. Und der Lärm. Und der Gestank. Und der Hass. Stinkende Schwaden der Missgunst, mit Händen zu greifen.

Als Nabhita ein Teenager war, hat es das alles noch nicht gegeben. Da genoss jede und jeder in dieser alten Stadt, die einst etwas war, aber jetzt nichts mehr ist, noch einen gewissen Spielraum in den öffentlichen Zonen; klein zwar, jedoch signifikant. Heute gibt es Spielräume lediglich noch hinter Mauern, hinter geschlossenen Fenstern, hinter doppelt verriegelten Türen.

Und dort feiert das grenzenlose Private Urstände, dort ist alles erlaubt. Diese Räume werden notfalls mit Feuerwaffen verteidigt, was gar nicht mal so selten vorkommt, unter dem Moto: Stell’ keine Fragen, schiess einfach!

Nur 15, 16 Jahre lang hatte diese traurige Entwicklung gedauert.

Nabhita kann sich nicht an die jetzigen Zustände gewöhnen, niemand kann sich daran gewöhnen, Unrecht ist und wird halt niemals Recht, niemand hat das jemals gewollt. Aber die Zustände sind gekommen, um zu bleiben.

Bis endlich ein mächtiger Steinbrocken aus dem unendlichen All seinen Gnadenstoss ausführen, dem Elend ein Ende bereiten wird. Bye bye my little blue planet…

Wie eine Glocke

Nabhita trägt einen langen, formlosen, grauen Mantel, zugeknöpft von unten bis oben, gerade noch die Sohlen ihrer kniehohen Stiefel sind unterhalb des Mantelrandes zu sehen. Sie sieht aus wie eine Glocke, auf dem Kopf trägt sie eine schimmelgrüne Mütze, die geformt ist wie ein mächtiger Helm, ihre haselnussbraunen Locken verbergend, niemand soll sehen, dass sie eine heisse Braut ist, eine wohlgeformte Dame.

Diese Tatsache kann sie nur ausgewählten Leuten offenbaren, hinter Mauern, hinter geschlossenen Fenstern, verriegelten Türen, denn in den öffentlichen Zonen gibt es zu viele Piranhas, kapitale Haie sogar, die sich sogleich um jede Dame scharen, die auch nur einen Hauch Schönheit preisgibt – und natürlich um jede Person, die auch nur im Geringsten nach Wohlstand aussieht.

Da kann eine Passantin nur allzu leicht zum Opfer werden.

Deshalb verstecken sich alle Leute – sei es Frühling, Sommer, Herbst, Winter – hinter grauen Trutzburgen aus Textil. Seit das alles so ist, wird unsere Nabhita von einer unbändigen Lust getrieben, sich auserwählten Herren zu präsentieren, in sorgsam verschlossenen Privaträumen, in ausgewählt frivolen, extrem stoffarmen Kleidungsstücken, unter denen sich dann sogar noch minimalere Reizwäsche-Stückchen verstecken.

Sexkapaden

Wenn unsere Lady nicht gerade arbeitet, sie ist als Organisatorin von Organisationseinheiten tätig, die wiederum untergeordnete Einheiten organisieren, ihre Anweisungen erhält sie allerdings von übergeordneten Einheiten, dann eilt sie von einer aufregenden Sexkapade zur anderen, zu Orgien, die stundenlang dauern, immer mit einem Striptease ihrerseits beginnend, der dann in einen Reigen erotischer Verrenkungen übergeht, mit einer dreckig-expliziten Porno-Show endet – und dann geht es erst richtig los.

Nabitha liebt es, ausgesuchten Herren im Schutz des Privaten ihren Körper zu zeigen.

Seit sie ihren Mann und ihre drei Kinder um die Ecke gebracht hat, mit einem heftigen Haushaltsunfall, geschickt inszeniert, kennt ihre Abenteuerlust ohnehin keine Grenzen mehr.

Drei Herren hat sie im Moment an der Hand. Heute ist Athman dran, der es so gut versteht ihre submissive Seite anzustacheln, der einen seiner privaten Räume ausschliesslich für derartige Treffen ausgestattet hat, mit interessanten Möbelstücken, die ihren Zeigekünsten entgegenkommen, auf raffinierteste Art und Weise. Athman fotografiert Nabhita gerne, wenn sie ihm all’ ihr Gutes, Schönes, Wahres so reizvoll offenbart, mit einer riesigen uralten Kamera, analog.

Die Bilder entwickelt er in einem komplizierten altmodischen Verfahren. Ab und zu schenkt er ihr eins davon. Sie sind wunderschön.

So eilt sie durch die öffentlichen Zonen, jenem Raum entgegen, den sie so sehr mag. Wenn diese Schweine hier draussen wissen würden, was sie unter ihren glockenartigen, grau-grünen Aufzug trägt…, dieser Gedanke dreht sich an solchen Tagen immer wieder in Nabhtias Kopf – und erregt sie nicht wenig. Vielmehr steigert er noch den Wert ihrer Abenteuer, stattfindend in jenen privaten, geschützten Räumen, die allein Hingabe ermöglichen. «Ja, wenn Ihr wüsstet…“, denkt es im Kopf unserer Dame mit dem milden Herzen.

Strap me in Playsuit

Denn unter ihrem formlosen langen grauen Mantel trägt sie ein Lace & Lamé Garter Chemise von Seven `till Midnight, dazu Striped Fishnet Stockings von Music Legs und Grace Boots von Ellie. Ihre letzte Bastion ist eine Strap Me In Playsuit, ebenfalls von Seven, die ihre Kurven so richtig schön zur Geltung bringt. Heute will sie Athman in den Wahnsinn treiben.

Endlich ist sie vor dem grossmächtigen Gebäude angelangt, das seine Privaträume enthält, ein strenges, ja abweisendes Bauwerk; umso besser.

Die Wachen vor dem Tor begrüssen sie freundlich, sie kennen Nabhita als regelmässige Besucherin. Aufzug 7 bringt die Lady in die Höhe. Aufgeregt steht sie vor Athams Tür, er öffnet, er lächelt, sie schlüpft in seinen privaten Raum hinein, der graue Mantel fällt, ebenso die Mütze.

Irrsinn aussperren

Stundenland werden sie nun in ihrer verborgenen Welt ihre Freuden geniessen, von frivol prickelnd bis extrem explizit. Sie werden versinken, hinter den Schutzwällen des Privaten. Feuerwaffen behüten sie.

Während draussen weiterhin ungebremst Radau, Chaos, Wahnsinn toben, auf Strassen, Plätzen, in Gassen. So lange Mauern, geschlossene Fenster, verriegelte Türen den Irrsinn auszusperren vermögen, so lange ist immerhin noch ein bisschen unschuldiges Vergnügen möglich.

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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