in

Das Land der verflossenen Gelegenheiten

Er war nimmermehr der Jüngste, deshalb erlaubte er es sich, den lieben langen Tag in einem Dämmerzustand zu verbringen – und in den Nächten träumte er von einer Vergangenheit; genauso, wie er sie gerne erlebt hätte.

Wunscherfüllung, hatte sein Freund Fano, ein Psychotherapeut mit Abschluss, immer gesagt, wenn es um die Inhalte von Träumen ging.

Der Nimmermehrjüngste liess seine Gedanken umherschweifen, wie den Zigarettenrauch, den er permanent absonderte, solange er wach war. Er liess die Bilder, die Anekdoten, die Assoziationen in sich aufsteigen, wie sie halt kommen wollten. Dies gestand er sich zu, nach all den Jahrzehnten, die er durchschritten, durchlitten hatte.

Einige Dinge wusste er inzwischen mit Bestimmtheit: Träume sind  keine Wunscherfüller, Fano irrte sich; grosse Ziele führen oft zu kläglichen Ergebnissen; die Leute, die am lautesten von Freiheit reden, leben in Wirklichkeit in den engsten geistigen Gefängnissen. Er wusste noch viel mehr.

Aber im Moment kam es ihm nicht in den Sinn…

Er sinnierte gerne, während langer Nachmittage: Lebenserinnerungen, director’s cut. Er erinnerte sich mit Freude daran, wie es einst war, Räume zu betreten, Kneipen, Mehrzweckhallen, Galerien, Orte halt, an denen Menschen zusammenkamen, und nach einigen Minuten bereits zu wissen, welche von den anwesenden Damen mit ihm nachhause käme, wenn er sie nur recht freundlich darum bitten würde.

Oft hat er es getan, oft hatte es gefunzt. Er fragte sich, ob er dies immer noch könnte…

Und dann kam ihm der Ungar in den Sinn, der vor Jahrzehnten im Appartement unter ihm gehaust hatte, ein Mann mit einem mächtigen Schnauz. Der hatte ihn abends gerne besucht, die Hausbar leer gesoffen.

Der Ungar hat immer wieder die gleiche Geschichte erzählt: „Weisst du, ich war im Restaurant, nobles Restaurant. Da fragt mich so ein Typ, woher ich komme. Ich sage: ‚Ich bin Ungar.’ Da sagt der Typ: ‚Musst du halt länger kochen.’ Ich habe ihm ansatzlos eine Linke in die Fresse gehauen, da hat der Zahnarzt gewiss Freude dran gehabt. Haben sie mich rausgeschmissen. Aus dem noblen Schuppen. Wie ich draussen auf der Strasse stand, im strömenden Regen, musste ich plötzlich lachen. Mir ist fast der Bauch geplatzt. ‚Länger kochen’. Gar nicht schlecht!”

In Ungarn habe er studiert: Philosophie, Juristerei, Medizin und – war es noch Leiderauchtheologie? – Oder Soziologie?

Später, wenn der Schnaps seine Seele genug aufgewärmt hatte, erzählte er von den Frauen, von seinen Weibergeschichten, vom Busen der Irina, vom Hintern der Valhalla, von den Beinen der Elise. In seinen Erzählungen war Ungar ein echter Casanova, ein mephistophelischer Verführer. Einer, der die Weiber bloss anschauen muss, schon wollen sie mit ihm allein sein, sich die Klamotten vom Leib reissen lassen.

Nimmermehr der Jüngste, unser Protagonist, misstraute Männern, die permanent derartige Geschichten erzählten. Er dachte, dass solche Prahlereien im Männerkreis ein Ersatz für die Sache an sich seien. Meist erlogen. Sogar mit leicht homoerotischen Untertönen. Er selbst hat mit seinen erotischen Geschichten nie vor anderen Männern angegeben. Seiner Gespielin Sodasi, einer von einigen, erzählte er sie manchmal detailreich, weil sie ihn darum bat, während sie ihre heimlichen erotischen Nachmittage in einem schäbigen Motel feierten. Es erregte sie.

Aber sonst?

Plötzlich musste er an Lola denken, DIE Lola. Und jenes alte rostige Magnet erwachte im Irgendwo, zerrte an seinem Herzen, Richtung Nordosten, wo das Land der verflossenen Gelegenheiten lag. Ein Nebel legte sich auf sein Gemüt, süsssaurer Regenschauer über dem alten Herzen. Lola. Er konnte sich an ihr Lächeln erinnern, ihren Geruch.

Nie hat ihn DIE Lola mehr losgelassen…

Jetzt kam ihm – ganz ungebeten – sein Vetter in den Sinn, der Maschinist, verheiratet, zwei Kinder. Der hat nie über Frauengeschichten geredet. Ein solider Familienmann, vermeintlich. Eines Abends haben sie zusammengesessen, der Nimmermehrjüngste und sein Vetter – sowie viel zu viel Brombeerschnaps, vom selbst gebrannten.

Da ist es plötzlich aus dem Cousin, der beruflich viel zu Reisen pflegte, herausgebrochen. Er habe in den letzten Jahren, im Ausland, mit weit über dreitausend Damen Sex gehabt.

Sowie er unterwegs sei, mache er jede an, die ihm begegne und allein unterwegs sei. Es sei ihm fast egal, wie sie aussehen würden. Er frage sie ganz frech, direkt, ordinär, ob sie es mit ihm treiben wollen, ob sie es von hinten nehmen würden – oder ihm mindestens einen blasen möchten –, am liebsten unverzüglich. Er habe dabei Ohrfeigen kassiert, harte Abfuhren, Beschimpfungen.

Alsdann fügte der Vetter hinzu: „Wenn Du wirklich fast jede anmachst, der du begegnest, knallhart, ohne Umschweife, musst du zwar viel aushalten. Aber es bleiben trotzdem täglich eine oder zwei kleben, manchmal sogar drei oder vier. Und die machen alles mit. Das sind die geilsten Weiber, oft sind es sogar die gutaussehenden, wobei mir das ja nicht so wichtig ist. “

Er lebe eben für nichts anderes. Er liebe seine Familie natürlich. Doch die andere Sache sei das Zentrum seiner Existenz, seit seiner Jugend. Er behalte dies jedoch alles schön im Ausland.

So das Geständnis der Vetters, welches unseren Nimmermehrjüngsten, komplett sprachlos zurückliess.

Der Vetter nötigte ihm am nächsten Tage, ernüchtert, alle nur denkbaren Schweigegelübde ab. Er hatte sich daran gehalten, fast. Einmal hat er die Geschichte Sodasi erzählt, im Motel. Während sie gerade so elegant vor ihm kniete, auf dem schrecklichen Spannteppich, in weissen, hüfthohen Stiefeln mit polierten silbernen Absätzen.

Er hatte allerdings nicht gewusst, dass Sodasi einst mit der Frau seines Vetters im Welschlandjahr gewesen war, wo die beiden Ladies eine innige Beziehung pflegten. Sie klärte die Freundin alsbald über ihren sündigen Maschinisten auf. Dies trieb die brave Ehefrau über den Rand. Sie erschoss ihre ganze Familie mit jenem Sturmgewehr, das sie von der Frauenmiliz mit nachhause bekommen hatte. Und am Ende sich selbst.

Er war nimmermehr der Jüngste und rauchte in den Tag hinein. „Retrospektiv betrachtet sind alle Geschichten schön“, dachte er zufrieden. Dann erschrak er für einen Moment. Kurz darauf spürte er nichts mehr. Der Komet Calhoun war nämlich unvermittelt mit der Erde zusammengestossen. Niemand hatte ihn kommen sehen, niemand hätte es geahnt. Die Apokalypsenmanufaktur hatte den Himmelskörper angefertigt und geschickt. Unter höchster Geheimhaltung.

Und so ging an jenem Tag – ganz prosaisch – die Welt unter. Eigentlich war das übrigens gar nicht so schlimm, denn jedes einzelne Menschenkind, das im Rahmen dieses Eschaton starb, erlebte seinen Tod nur einmal, ganz und gar individuell. Wie es halt sowieso irgendwann gekommen wäre. Dass alle anderen Menschen gleichzeitig auch starben, bekamen die sterbenden Einzelnen nicht einmal mit.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

Facebook Profil

Star Trek: Discovery – Besprechung zu “Licht und Schatten” (S2E7)

6 Feten fürs Züri-Wochenende