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Comicreview: KATANGA (Teil 1 bis 3)

Von Nando Rohner

Endlich Komplett

Am 22. Juni 2008 veröffentlichte der Splitter-Verlag das erste Band von KATANGA, der neuen Serie des französischen Starautors Fabien Nury, dem wir u.a. die sechsteilige Reihe ES WAR EINMAL IN FRANKREICH zu verdanken haben. Am 12. Dezember 2018 folgte dann der zweite Teil und am 18. Juni 2019 wurde die Serie zum Abschluss gebracht. Man kann sich somit die blutige Kriegsmär in einem Atemzug durchlesen, was auch gut so ist. Denn so viel sei verraten, KATANGA lässt einen wahrlich atemlos zurück.

Amoralische Welt

Wir schreiben den 30. Juni 1960. Der Kongo sagt sich nach 80 Jahren Kolonialherrschaft von Belgien los, was wiederum zu chaotischen Zuständen führt. Ein Umstand, den die kleine Provinz Katanga dazu nutzt, ihre Unabhängigkeit zu erklären. Eine delikate Situation, da Katanga über diverse gewinnbringende Minen verfügt. Der blutige Konflikt ist somit vorprogrammiert, wobei ein jeder seine eigene Agenda zu verfolgen scheint. Der nach innen gerichtete Blick offenbart dabei Figuren wie Armand Orsini, ein skrupelloser Strickenzieher hinter den Kulissen, Felix Cantor, ein abgebrühter Söldner, Charlie, ein nach außen hin einfacher Minenarbeiter, und dessen Schwester Alicia, die ihr Bett und ihren Körper mit diversen Liebhabern teilt. Die Wege all dieser Figuren und noch einiger mehr kreuzen sich, wenn es um Macht, Verrat und Diamanten geht. Dabei verzichtet Fabien Nury in seiner Geschichte bewusst darauf, dem Leser eine makellose Figur zur Identifikation bereitzustellen. Soll heißen, ein jeder hat mit seinem Tun moralische und/oder menschliche Kollateralschäden zu verantworten. Dies alles geschieht dabei in einem halb historischen, halb fiktiven narrativen Rahmen, der sich irgendwo zwischen Politthriller, Söldneraction und Drama bewegt. Als Leser bekommt man somit ein Wechselbad der Gefühle geboten, wenn sich ruhige und wilde Momente fließend die Klinge in die Hand geben.

Überspitze Klischees

Über KATANGA zu schreiben, bedeutet auch, die Zeichnungen von Sylvain Vallée zum Thema zu machen. Der französische Künstler verzichtet auf eine visuell realistische Umsetzung der Geschichte, sondern lässt sie stattdessen stets comichaft wirken. Gerade in den harschen Momenten, wenn der Schrecken des Krieges in den Fokus rückt, sorgt dies für einen willkommenen Puffer, wodurch der Comic weiterhin goutierbar bleibt. Durchaus streitbar ist jedoch die Entscheidung, die afrikanischen Figuren der Geschichte allesamt so darzustellen, als ob sie einer Karikatur der 40er Jahre entsprungen sind. Dabei wird ganz tief in die Klischeekiste gegriffen, indem z. B. alle Schwarzen mit dicken Lippen dargestellt werden. Hinter diesem Stilmittel könnte man jedoch auch den Ansatz sehen, aufzeigen zu wollen, dass der Schein oftmals trügen mag. So wird man sich anfangs dabei erwischen, den bereits erwähnten Charlie aufgrund seines äußeren als einen dumpfen und einfach gestrickten Schwarzen zu sehen. Ein Vorurteil, welches sich später dahingehend auflöst, wenn Charlie als mehrschichtige und geradezu tragische Figur dargestellt wird. Und auch die anderen Figuren sind oftmals nicht das, was der Schein kommuniziert. Eine Aussage, die auch auf KATANGA selbst bezogen werden kann. Statt nun, wie gewisse Kritikerstimmen „Rassimus“ zu schreien, gilt es hinter den Schein zu schauen und die Wahrheit zu entdecken. Denn KATANGA mag vieles sein, nur nicht rassistisch.

Atemlose Unterhaltung

KATANGA ist von der ersten bis zur letzten Seite gekonnt erzählt und nicht minder gekonnt gezeichnet. Dabei sollte man tunlichst darauf achten, die Trilogie an einem Stück zu lesen. Schließlich erzeugen die drei Teile „Diamanten“, „Diplomatie“ und „Dispersion“ einen atemberaubenden Sog, dem man sich nicht entziehen möchte. Zumindest nicht so lange, bis man weiß, wie die kompromisslos erzähle Geschichte enden wird.

Über Nando Rohner: Fühlt sich in keiner Weise so alt, wie er ist. Arbeitstier, dessen Hobby die Arbeit ist. Journalist und Autor aus Berufung und Leidenschaft. Lebenslanger Film-, Comic- und Musikfan. Geboren, um famos zu sein, – am Leben, um hier zu sein. Zynischer Menschenfreund – sozialer Misanthrop. 

 

 

Bilder: Splitter Verlag

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