in ,

Ein Herz für Lügner

Eine Welt, in der alle nur die Wahrheit sagen: Das ist die Parallelwelt, in der die Filmkomödie «Lügen macht erfinderisch» aus dem Jahr 2009 spielt. Es ist das Regiedebüt des britischen Komödianten Ricky Gervais, der durch seinen sarkastischen und oft zynischen Humor besticht. Er gilt nicht gerade als Menschenfreund – sein Regiedebüt verdeutlicht dies einmal mehr. Es war ein verregneter Sonntagnachmittag, als Netflix mir freundlicherweise diesen Film vorschlug.

Er beginnt mit einer Nahaufnahme von Ricky Gervais als Mark Bellison. Dieser ist ein erfolgloser Drehbuchautor. Langweilige Frisur, gequältes Lächeln, ein Gesicht wie ein trauriger Hund – das ist Mark Bellison. Er begegnet seinem Nachbarn auf dem Flur, der sich mal wieder umbringen wollte, es aber nicht schaffte. In unserer Welt würden wir so etwas für uns behalten – aber nicht in der Welt von Mark Bellison. Diese Welt kennt nämlich weder das Lügen noch die Fiktion. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Drehbücher, die Mark und seine Kollegen und Kolleginnen schreiben, keine abenteuerliche Fiktion beinhalten, sondern schlicht Ereignisse aus der Menschheitsgeschichte wiedergeben. In dieser Welt existieren auch keine Hollywoodstars – die Geschichten der Drehbuchautoren enden als historische Dokumentarfilme. In einer Welt, in der niemand lügt, ist auch die Werbung gnadenlos ehrlich. Diese Welt mutet ein wenig trist und zynisch an. Tatsächlich kann ich jetzt schon verraten, dass ich das Konzept des Filmes in diesen Momenten besonders gut umgesetzt finde. Denn ist es nicht so, dass gerade die Werbung vom Lügen lebt? Oder zumindest reizt sie die Wahrheit gnadenlos aus. Wenn also ein schlecht gekleideter, motivationsloser Bürogummi neben einer Dose Cola steht und dem Publikum erzählt, dass er das Getränk eigentlich viel zu süss findet, dann trifft das die Gesellschaftskritik, die der Film transportieren will, am genauesten. Was das Zwischenmenschliche betrifft, wirft das Konzept des Filmes jedoch einige Fragen auf.

So sagt die Sekretärin in Marks Büro diesem auch gerade heraus, dass sie ihn als einen Verlierer ansieht, als dieser gefeuert werden soll. Frauen auf der Strasse teilen ihm mit, dass sie ihn unattraktiv finden. Und als Mark sein Date zum Essen abholt, sagt diese unverhohlen, dass sie noch schnell fertig masturbieren muss und eigentlich auch gar keine Lust auf das Essen mit ihm hat. Er reagiert verständnisvoll auf ihre Unlust – ihm sei klar, dass er auch gar nicht ihre Kragenweite sei und sie sich nach diesem Abend wahrscheinlich nie wieder bei ihm melden würde. Er habe zudem ein eher schäbiges Restaurant ausgewählt – mehr könne er sich nicht leisten. Noch bevor sie ihre Bestellung aufgeben können, gibt auch der Kellner zu, dass er sich schäme, hier zu arbeiten. Marks Date eröffnet ihm, dass sie sich erfolgreiche und attraktive Gene für ihre Kinder wünscht – sie wolle schliesslich keine kleinen, fetten Kinder mit Stupsnasen. Er sei zwar nett und sie hätte eine gute Zeit mit ihm gehabt, aber er erfülle dieses Kriterium nicht.

Die Definition von Ehrlichkeit scheint laut diesem Film folgende zu sein: Ich sage alles, was ich gerade denke. Ich frage mich: Wären wir emotional tot, wenn wir immer ehrlich zueinander wären? Würden wir uns wirklich immer offen ins Gesicht sagen, was wir gerade denken? Auch, wenn diese Gedanken völlig unreflektiert sind?

Diese Fragen lassen mich während des gesamten Filmes nicht los. Dann kommt die Wendung: Mark Bellison erfindet das Lügen. Und dies, als er die Miete für seine Wohnung nicht mehr aufbringen kann (wir erinnern uns: Er ist grundsätzlich ein Verlierer und hat seinen Job auch noch verloren) und zur Bank geht. Es gibt eine Störung im System und die Bankangestellte fragt ihn, wie viel Geld denn auf seinem Konto liegt. Sie kann nicht auf sein Konto zugreifen und verlässt sich auf seine wahren Worte. Da dämmert es ihm: Er kann ja einfach lügen! Die merken das ja eh nicht, weil hier nie jemand lügt. Also gibt er den Betrag seiner fälligen Miete an und dieses Problem wäre damit gelöst. Er hat gerade etwas gesagt, das nicht so ist. Es existiert in seiner Welt aber kein Wort für das, was er gerade getan hat.

Als er nun also anfängt zu lügen, wird er vom zynischen Menschenfeind plötzlich zum emphatischen Sympathieträger. Er macht Dinge, die er eigentlich nicht machen will – aus reinster Nächstenliebe. So verbringt er einen Abend mit seinem suizidalen Nachbarn, scheffelt eine Menge Geld im Casino und bekommt seinen Job zurück, in dem er eine wahnwitzige Geschichte über Aliens im 14. Jahrhundert erfindet. Die Leute glauben ihm – wieso auch nicht? Die Menschen um ihn herum fangen an, ihn zu mögen. Er bezieht eine prunkvolle Villa und wird erfolgreich.

Der Gipfel der Absurdität erreicht seine emphatische Lügerei, als seine Mutter im Sterben liegt. Der Arzt sagt in einem emotionslosen Ton (wie übrigens alle der Protagonisten und Protagonistinnen in diesem Film), sie werde diese Nacht sterben. Die Mutter bekommt Angst und sagt ihrem Sohn, sie wolle nicht für immer im schwarzen Nichts versauern. Er erzählt ihr daraufhin, dass sie in einer Villa im Himmel wohnen wird, wenn sie stirbt. Und dass sie alle ihre verstorbenen Lieben wieder sehen wird. Das macht die Mutter glücklich – und sie schläft friedlich ein. Der Arzt ist von dem scheinbaren Wissen derart angetan, dass er dieses an die Presse weitergibt. Tausende Menschen und die Presse versammeln sich daraufhin in Mark Bellisons Garten und wollen mehr darüber erfahren, was nach dem Tod geschehen wird. So wird er zum Messias gekürt. Auf Pizzaschachteln kritzelt er also irgendeine erfundene Geschichte über einen Mann im Himmel, der die Menschen kontrolliert und für Leid und Glück auf Erden sorgt. Wir kennen die Geschichte – deswegen führe ich sie jetzt nicht genauer aus.

Mark Bellison wird also zu dem Mann, der mit dem Mann im Himmel sprechen kann. Und das alles nur, weil er seiner sterbenden Mutter etwas Trost schenken wollte. Der Film driftet zu diesem Zeitpunkt etwas in die Religions-Satire ab. Ich fragte mich, ob die Menschen in dieser Parallelwelt deshalb so rational und oft auch herzlos miteinander umgehen, weil sie keinen Glauben kannten. Aber dieser Gedanke schien mir dann doch zu weit hergeholt. Fakt ist, dass die Religion unsere Gesellschaft grundlegend geprägt hat. Und in der Welt dieses Filmes gab es nie eine Religion. Müsste sich dann diese Welt nicht grundlegend von unserer unterscheiden? Wäre das fehlende Konzept der Lüge wirklich der einzige Unterschied zu unserer Welt?

Schlussendlich bekommt Mark Bellison die Frau seiner Träume übrigens doch. Diese entscheidet sich nämlich gegen eine Heirat mit einem herzlosen, narzisstischen, jedoch sehr erfolgreichen und konventionell attraktiven Idioten, um mit Mark Bellison kleine, fette Kinder mit Stupsnasen zu bekommen. Und da überschlagen sich meine Gedanken erneut: Die angebetete Dame hegte die ganze Zeit über tiefe Gefühle für Mark Bellison (also seit dieser erfolgreich wurde natürlich. Eine Stupsnase hatte er aber leider immer noch). Die Gesellschaft erwartete aber von ihr, dass sie sich für die attraktiven Gene entscheidet. Diese Leute denken da wirklich so – also unterscheiden sie sich nicht sonderlich von uns, wie ich finde. Aber, bedeutet denn ehrlich sein nicht auch, zu sich selbst ehrlich zu sein? Spielen Gefühle nicht eine immense Rolle im Konzept der Ehrlichkeit? Also hat sie sich eigentlich die ganze Zeit selbst belogen, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.

Ich gab an diesem verregneten Sonntagnachmittag ein lautes «HÄ?» von mir. Dieser Film liess mich mit einer Menge ungeklärter Fragen zurück. Sind all die Menschen in dieser Parallelwelt also unreflektierte, herzlose Idioten? Ich konnte nicht umhin, erneut den direkten Vergleich zu unserer Gesellschaft zu ziehen. Ich glaube, dass die Ehrlichkeit, wie sie in dem Film definiert wird, nicht wirkliche Ehrlichkeit ist. Es ist Frust, vielleicht auch Menschenhass gepaart mit Selbsthass. Ja ich weiss, es ist nur ein Film. Und dazu noch Satire. Und doch finde ich es bedenklich, dass Lüge mit Fiktion gleichgesetzt wird. Und Wahrheit mit Emotionslosigkeit. Wir brauchen keinen Film, um uns die ernste Frage zu stellen: Wie ehrlich wollen wir zu unseren Mitmenschen sein? Ehrlichkeit erfordert Mut, sie erfordert Verantwortung und Reflektion. Und sie erfordert Empathie. Ehrlich sein bedeutet nicht, herzlos zu sein und dem Mann im Bus ungefragt mitzuteilen, wie unattraktiv wir ihn finden.

Das verdeutlicht das Konzept «Radical Honesty», eine Lebensphilosophie aus den USA. Das Ziel dabei ist aber nicht «brutale Ehrlichkeit», sondern eben «radikale». Und das «radikal» steht hier für «von der Wurzel aus». Diese Ehrlichkeit fängt bei uns selbst an. Wie fühle ich mich? Was interpretiere ich in die Aussage meines Gegenübers hinein, die mich gerade so wütend macht? Die meisten von uns würden sich dann lieber in diesem Gefühl suhlen, als dem Gegenüber ehrlich zu sagen, was sie gerade fühlen. Weil wir uns nicht blöd oder ignorant vorkommen wollen, weil wir unser Gegenüber nicht verletzen wollen. Aber damit bevormunden wir unser Gegenüber – wie dieses dann mit den geäusserten Gedanken umgeht, können wir nicht beeinflussen. Es kann wütend werden und davonlaufen – das wäre zwar destruktiv, aber es wäre seine Entscheidung. Wenn wir ehrlich zueinander sind, laden wir nicht einfach Ballast oder Beleidigungen ab. Wir setzen uns mit unseren Beziehungen auseinander und schweigen nicht, nur weil wir um die Harmonie fürchten. Klingt nach Arbeit? Lügen macht eben nicht nur erfinderisch, sondern auch faul.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Susanne Grädel

Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

Täuschung, Irland

DSDS: Ein Depp weniger. (Die Woche 41/2020)