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Der Eremit

Die Sonne schien durch die Fenster meiner Hütte und beleuchtete den Staub, der sich festgesetzt hatte. Die wenigen Dinge, die ich besass, lagen wie alte Relikte an ihrem immer selben Platz. Es war ein sonniger Herbstmorgen und meine Augen öffneten sich zaghaft. Ich blinzelte, als das frische Morgenlicht mein Gesicht kitzelte. Die Vögel waren schon lange wach und erzählten sich allerlei Geschichten. Ich schlug die alte schwere Wolldecke zurück und stand in meiner kleinen Hütte. Sie war übersichtlich und zweckmässig. Ich öffnete knarrend die alte Holztür und trat nach draussen. Die Sonne liess die Blätter der Bäume, vor allem Ahornbäume, Ulmen und Birken, in allen Herbstfarben erstrahlen – ein knalliges Gelb, ein tiefes Rot und ein warmes Braun. Die moosigen Steine leuchteten grün zwischen den hohen Bäumen. Dunkle Tannen säumten die Hänge des Plateaus. Ab und zu hörte ich die Rothirsche in den Wäldern röhren – es war Brunftzeit. Ich mochte die Hirsche. Die immer selbe junge Hirschkuh besuchte mich manchmal in meiner Hütte und schnupperte neugierig an meinen Sachen herum. Meistens hörte ich aber einfach die Schritte der Hirsche auf dem Waldboden. Ich atmete die frische Luft ein und spürte die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ich liebte den Wind. Gedankenverloren und schlaftrunken stand ich in der frühen Sonne und kratzte meinen Bart. Ich hatte ihn eben gestutzt, aber ich besass keinen Spiegel und wusste nicht, wie ich damit aussah. Das war hier oben in den Bergen eigentlich auch egal. Ich ging wieder rein und zog mich an. Als erstes würde ich Holz schlagen. Die Nächte wurden immer kühler und hier in den Bergen wurde es schnell finster und kalt. Die letzte Nacht war mondlos und ich lag stundenlang wach, in der vollkommenen Dunkelheit. Neumond ist die Zeit der Veränderung, dachte ich und hielt einen Moment inne. Aber ich vertrieb meine Gedanken wieder und fing mit der Arbeit an. Mein Atem trat wie Rauch aus meinem Mund, als ich das Holz schlug. Nichts war zu hören – nur die Axt, die das Holz entzweite und mein Stöhnen der Anstrengung. Ich liebte diese Arbeit, sie war wie Meditation für mich. Als ich fertig war, stapelte ich das Holz und trug einen Arm voll in mein Haus. Ich feuerte meinen Ofen ein. Das Feuer leuchtete und sprühte Funken. Das Knistern nahm mich in seinen Bann und ich sass regungslos vor meinem Ofen und starrte in das Feuer – hypnotisiert.

Ich legte keinen Wert auf Sauberkeit oder Ordnung, ich hatte meine eigene Ordnung entwickelt. Für jemand anderes war meine Hütte wohl ein chaotischer Ort, für mich war sie mein Lebensinhalt, mein System. Aber es spielte keine Rolle, was jemand anderes denken würde, denn niemand besuchte mich. Ich hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt, seit über 10 Jahren lebte ich zurückgezogen in meiner Holzhütte, meinem archaischen Schloss, in den Bergen von Montana. Ich verliess meine Heimatstadt im Süden des Landes, kurz nachdem ich an der Universität abgeschlossen hatte. Ich studierte Politikwissenschaften und englische Literatur. Was für eine Kombination, nicht wahr? Meine Eltern waren konservative Christen, wie man sie so oft in den USA zu Gesicht bekam. Ich hatte das Gefühl, das ganze Land bestand nur aus solchen Leuten, wie meine Eltern es waren. Selbst in der Universität, die für mich lange Zeit eine fruchtbare Quelle des Wissens bedeutete, wurde ich nicht verstanden. Jeder Student, jede Studentin, träumte von einem erfolgreichen Leben, von viel Geld, von einem schönen Auto. Von Sachen, immer mehr Sachen. Ich hingegen wehrte mich schon früh gegen den Konsumzwang, der überall zelebriert wurde. Meine Eltern wollten mir zu meinem 18. Geburtstag ein neues Auto schenken und ich wurde wütend. Ich sagte, mein altes Auto sei völlig in Ordnung und ich wolle nicht noch mehr neue Sachen. Sie sahen mich völlig verständnislos an und mein Vater schrie mich an, meine Mutter fing an zu weinen. Ich verstand nicht, wie eine solch unwichtige Sache wie ein Auto einen Familienstreit auslösen konnte. Ich glaubte, sie machten sich einfach Sorgen um mich. Ich wollte nun mal nicht zu diesem System gehören, in dem meine Eltern, meine Freunde und meine Kommilitonen lebten. Für mich waren sie blind. Sie folgten dankbar jeder Ablenkung und liessen sich freiwillig beeinflussen und manipulieren. All diese Werte wie Erfolg und Selbstoptimierung bedeuteten mir nichts. Sie lagen wie eine schwere Bürde auf meinen Schultern und ich wollte sie loswerden.

Es war nicht so, als wäre ich ein komischer Kauz gewesen. Ich hatte Freunde und ich war ein sehr guter Student. Ich spielte mit, solange ich konnte. Aber je länger ich studierte, desto missmutiger machte mich der Universitäts-Apparat. Meine politischen Überzeugungen wurden konkreter und spiegelten sich auch in meinen Arbeiten wider. Mein Professor und ich hatten lange, ausgedehnte Diskussionen und ich genoss das. Ich mochte es, wenn mir jemand das Wasser reichen konnte. Aber auch er bemerkte, dass mein Verhalten «auffällig» wurde, wie sie es nannten. Sie machten es sich so leicht, in dem sie mich in eine Schublade steckten. Ich war wütend auf meinen Professor, ich vertraute ihm. Er täuschte mich, in dem er vorgab, keines dieser Rädchen in dem riesigen Zahnrad des Systems zu sein. Er täuschte mich, in dem er so tat, als würde er meine Philosophien verstehen. Ich war wütend, sehr wütend. Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich war nicht psychisch krank oder «auffällig», ich dachte nur anders, als diese ganzen elitären Bildungssklaven. Als ich anfing, Politikwissenschaften zu studieren, hatte ich es mir zum Ziel gemacht, das System von Innen aufzuräumen. Ich wollte etwas verändern. Doch ich merkte schnell, dass dies nicht der richtige Weg war. Die Politik war eine riesengrosse Industrie und ihren Anfang nahm sie in den Bildungsstätten dieses Landes. In den Universitäten, die kleine geschniegelte Politiker formten. Die uns weis machen wollten, dass wir frei seien in unseren Entscheidungen, unserem Handeln und Denken. Doch wir werden gezwungen und manipuliert, seit dem ersten Tag, auf dem wir auf dieser Erde wandeln – das erkannte ich nun endgültig. Also widmete ich mich der Literatur, der Poesie. Ich brachte all meine Gedanken zu Papier. Hunderte Seiten füllte ich mit meinen Philosophien, mit Gedichten, mit meiner Sehnsucht, in die Stille zu flüchten. Oh, wie wütend ich war. Mir wurde schwarz vor Augen, so wütend wurde ich. Aber mein Professor konnte jetzt keinen Schaden mehr anrichten. Ich habe ihn erstochen, in seinem schicken Haus in der ruhigen Vorstadt – zwischen dem Hauptgang und dem Dessert. Und ich war so unendlich stolz auf mich.

Aber ich musste gehen, niemand würde das verstehen. Also ging ich. Direkt nach meinem Abschluss packte ich ein paar Kleider, einige meiner geliebten Bücher und sonstigen Kleinkram und fuhr in meinem alten Auto los. Es war keine Flucht – ich hatte geplant, zu gehen. Die Lügen wurden mir zu bunt, die Unzulänglichkeiten meines vorgeschriebenen Lebens erdrückten mich. Der Mord war eine Art Abschiedsgruss gewesen. Und er führte dazu, dass ich in den Abgrund springen musste. Es gab kein Zurück mehr. Meine Eltern meldeten mich wenige Tage nach meinem Verschwinden als vermisst, mein Auto liess ich in der Wüste stehen. Ich verbrannte meine Identität und mein Geld. Ich änderte meinen Namen – damit begrub ich mein altes Leben und wurde niemand und jeder zugleich. Ich trampte durch das ganze Land und nahm hier und da einen kleinen Job an, lernte Menschen kennen, die auf ihren kleinen Bauernhöfen lebten und so unglaublich zufrieden waren. Ja, wir teilten nicht immer dieselbe politische Überzeugung. Aber wir teilten dieselben Werte. Und das war so unglaublich wichtig für mich. Auf meinen Reisen lernte ich die Menschen lieben und ich war froh darum. Aber das System hasste ich immer mehr. Ich sah, wie tausende arme Menschen auf den Strassen der Grossstädte zurückgelassen wurden. Ich sah, wie hart arbeitende Menschen von ihren Arbeitsplätzen weggedrängt wurden – zum Wohle des technologischen Fortschritts. In meinem Elternhaus hatte ich keinen Kontakt zu dieser dunklen Seite der Gesellschaft. Ich kannte nur das mittelständige konservative Leben meiner Familie und der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. Also war ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang von der Welt abgeschnitten. Man hat alles dafür getan, die Wahrheit vor mir geheim zu halten. Was ich auf meinen Reisen zu Gesicht bekam, bestürzte mich zutiefst und bestätigte meinen Unmut, den ich schon mein ganzes Leben in mir trug.

Sobald ich mich mit den Menschen anfreundete, mit denen ich zusammenlebte oder für jene ich arbeitete, ging ich wieder. Ich wollte nicht sesshaft werden, sondern immer weiterziehen. Ich war niemand, der sich irgendeiner Gruppe anschloss. Dafür war ich zu gern mit mir allein. Und schlussendlich konnte ich auch nur mir selber vertrauen. «Also lass mich leben, ungesehen, unbekannt», schrieb auch Alexander Pope. Ich landete in den Bergen von Montana, völlig unverhofft. Ich sass in einer Kneipe in einem kleinen Städtchen und hörte, wie ein Mann seine Holzhütte in den Bergen loswerden wollte. Da wurde ich hellhörig und fing an, mit ihm zu reden. Ich war charmant und intelligent – ich wusste, wie ich mit Menschen umzugehen hatte, auch wenn ich sie grundsätzlich mied. Aber ich wollte diese Hütte, sie klang einfach perfekt. Ich hatte kein Geld und deswegen mussten die Verhandlungen besonders feinfühlig geführt werden. Wir handelten einen Deal aus – ich würde ein Jahr als Holzfäller für ihn arbeiten, denn er suchte dringend jemanden, der ihm half. Und ich würde die Hütte selbst umbauen. Und so bezog ich meine Hütte in den Bergen. Ich baute ein neues Dach, wechselte die Fenster aus und strich die Hütte neu an. Sie war perfekt. Der Holzfäller wunderte sich, dass ich in so einer kleinen Hütte leben wollte. Dafür war sie eigentlich nicht gedacht, sagte er. Aber ich lachte nur und sagte, dass ich nicht viel zum Leben brauchte. Er reagierte skeptisch, war aber froh, diese Hütte losgeworden zu sein und liess mich dann in Ruhe. Also liess auch ich ihn in Ruhe. Nachbarn hatte ich keine – also hatte ich keinen Grund mehr, wütend zu sein. Ich war die Ruhe selbst. Der Wald gehörte mir, er war mein Königreich. Und die Hütte war mein Schloss.

Das war vor ungefähr 10 Jahren, so genau wusste ich das nicht – ich lebte nach den Jahreszeiten und Mondphasen und hatte nur ein altes Autoradio, welches ich selten benutzte. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu einem anderen Menschen, habe nie länger mit jemandem gesprochen oder gar jemanden berührt. Einsamkeit war das einzig echte Gefühl für mich. Die ursprünglichste aller Empfindungen. «So verändern sich für den, der einsam wird, alle Entfernungen, alle Masse», schrieb mein Lieblingsdichter, Rainer Maria Rilke. Meine Wahrnehmung hatte sich durchaus verändert – die Unendlichkeit hatte mich heimgesucht und befreite mich. Mein einziger Kontakt zur Aussenwelt stellte ich durch meine Manuskripte her. Ab und zu schickte ich sie an Zeitungen und Magazine. Einige meiner Gedichte und Geschichten wurden tatsächlich veröffentlicht und sie liessen mir Schecks zukommen, die ich nicht wollte. Meine politischen Philosophien wurden mir zurückgeschickt – die Welt war anscheinend noch nicht bereit dafür. Romantische und naturalistische Gedichte kamen sehr gut an, auch meine Tagebuchfragmente über meine Reisen veröffentlichten sie. Sie dachten wohl, es seien fiktive Geschichten. Einen Teil des Geldes gab ich für neues Werkzeug aus. Der Rest der Schecks lag irgendwo in meiner Hütte herum. Das waren die einzigen Tage, an denen ich in die kleine Stadt fuhr, die am Fusse des Plateaus lag, auf dem ich wohnte. Ansonsten bekam man mich nicht zu Gesicht – ich hatte meinen eigenen Garten, den ich sorgsam pflegte. Ich tat alles, um nicht Teil der Konsumgesellschaft sein zu müssen. Ich suchte keinen Kontakt zu den Menschen. Meistens hatte ich eine Windjacke an, wenn ich in die Stadt fuhr, die Kapuze tief in mein Gesicht gezogen. Die Leute starrten mich kritisch an, obwohl ich freundlich grüsste. Ich hörte, wie sie mich «den Eremiten» nannten. Ich wusste nicht, ob ich mit diesem Namen zufrieden war. Gewiss, Eremiten gelten als mysteriös Erkunder, als Quell der Weisheit. Ich verfügte über Wissen, welches anderen verborgen war. Aber, war ich deswegen weise? Irgendwie war ich stolz auf diesen doch sehr einfallslosen Namen, den sie mir gaben, zeugt er doch von einem gewissen Interesse an meiner Person. Sollten sie doch von mir denken, was sie wollten. Ich wollte ein Rätsel bleiben, ein Geist des Waldes, bei dem man sich nie sicher sein konnte, ob man ihn wirklich gesehen hatte. Meine Rolle als «Eremit» spielte ich jedenfalls grandios. Und ich musste nicht einmal etwas dafür tun. Ich wollte anonym bleiben und zog doch so grosse Aufmerksamkeit auf mich – darüber musste ich lachen. Aber ich musste aufpassen. Noch wusste niemand, wer ich wirklich war. Dachte ich zumindest.

Da stand ich nun in meiner kleinen Holzhütte und trank einen Kaffee. Es wurde Abend, das Licht veränderte sich. Die langen Schatten der Bäume legten sich über meine Hütte. Mein Blick fiel auf den alten Plattenspieler, der zwischen Papierstapeln und alten staubigen Töpfen lag. Er schimmerte rosa in der Abendsonne. Ich hatte ihn vor einiger Zeit in der Stadt erstanden, denn ich liebte Musik. Wenn ich nicht in meinem Garten oder am Haus arbeitete, an meinen Texten und Gedichten schrieb, dann lag ich still auf meiner Matratze und hörte Musik. Aber ich hatte nur eine einzige Schallplatte – es waren die Gymnopédies auf Klavier, komponiert von Erik Satie. Ich hatte sie aus meinem Elternhaus mitgenommen, keine Ahnung wieso. Ich liebte Erik Satie und als ich diese Platte neben meinen Büchern liegen sah, packte ich sie ein. Dies war der Beweis dafür, dass ich aus freien Stücken abgehauen war. Aber wahrscheinlich war meinen Eltern nicht einmal aufgefallen, dass diese Platte fehlte. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache – meine Zeichen übersahen sie konsequent. Ich legte Erik Satie nun also behutsam in meinen alten Plattenspieler. Zuerst raschelte und quietschte es, denn die Platte war alt. Doch dann erklang das sanfte Klavierspiel Erik Saties’. Ich wiegte hin und her zur Musik und schloss die Augen. Das Klavier mischte sich mit dem Vogelgezwitscher, welches von aussen in meine Hütte drang. Ich summte die Melodie leise in mich hinein, machte ausladende Bewegungen mit den Armen und tanzte in der Abendsonne, deren Licht meine Hütte nun vollkommen einnahm. In diesem Moment ging ich dem flüchtigen Gedanken nach, wie schön es wäre, mit einer Frau zu tanzen. Aber im Grunde vermisste ich die Gesellschaft nicht. Ich vermisste es nicht, mit jemandem zu sprechen. Als ich in meine Hütte zog, sprach ich oft noch mit mir selbst. Nicht mal das tat ich jetzt noch. Ich schwieg die meiste Zeit. Ich glaubte, dass das Schweigen mich mir selbst näherbringen würde. Meiner Meinung nach erforderte es Mut, die Stille auszuhalten. Um eines meiner Idole, Henry David Thoreau, zu zitieren: «Erst wenn wir die Welt verloren haben, fangen wir an, uns selbst zu finden.» Jetzt war ich endlich eins mit der Stille. Meine Gedanken waren aber oft alles andere als still. Sie hielten meinen Verstand wach. Ich sprach die Gedanken nicht aus, ich schrieb sie nieder. Tausende von Gedanken, verteilt in meiner kleinen Hütte. In meinem Universum.

Ein dritter Klang mischte sich mit der Musik und den Geräuschen des Waldes. Es war eine Sirene. Nein, mehrere Sirenen! Zuerst hörte ich sie kaum, doch sie kamen immer näher, bis sich ihr durchdringender Klang in mein Gehirn bohrte und ich meine Ohren zuhielt. Ich öffnete abrupt meine Augen und starrte in den Wald. Zwei oder drei Autos hielten an der kleinen Schotterstrasse, etwa dreihundert Meter von meiner Hütte entfernt. Ich hörte Schritte näherkommen. Ganz langsam versuchten die Fremden, ungehört durch das Laub zu kommen. Aber ich hörte alles. Das Klavier spielte weiter, der weiche Klang beruhigte mich. Ich atmete tief durch und griff zu der Pistole, die neben meinem Bett lag. Ich verkroch mich in die Dunkelheit meiner Hütte und wartete. Es wurde kühl, der Ofen war ausgegangen. Mein Atem rauchte, während ich wartete. Endlose Sekunden verstrichen – die Eindringlinge flüsterten miteinander. Ich wusste nicht, wie viele es waren. Worauf warteten sie? Ich versuchte, keinen Mucks zu machen und kauerte mich immer tiefer in die Ecke meiner Hütte. Der Himmel leuchtete nun in einem tiefen Orange. Die Vögel wurden nervös, ich erkannte das an ihrem Gezwitscher. Sie hatten mich also gefunden. Das hat aber ganz schön lange gedauert, dachte ich. Würde jetzt alles vorbei sein? Ich überlegte, ob ich auf Angriff gehen oder mich ergeben sollte, da erkannte ich einen Schatten an der Tür. Die Dielen knarrten unter dem Gewicht des Eindringlings und plötzlich hörte ich einen Schuss. Ich hatte ihn abgefeuert, wie von Geisterhand geführt drückte mein Finger den Abzug. Meine Ohren pfiffen gewaltig. Die Platte hatte einen Sprung und die immer gleichen Klänge Erik Saties’ verdrängten das laute Pochen meines Herzens, welches den ganzen Raum zu erfüllen schien. Die Vögel verstummten und die lichtgeschwängerte Atmosphäre brennte. Es fiel ein zweiter Schuss. Und ich hörte nur noch ein lautes Rauschen – plötzlich fand ich mich in einem tiefblauen Bergsee wieder. Ganz allein, in der Tiefe. Und ich sank. Die Klänge der Musik wurden dumpf und entfernten sich immer weiter, während ich tiefer und tiefer sank.

Bis die vollkommene Stille mich umarmte, wie es meine Mutter immer tat.

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Susanne Grädel

Autor: Susanne Grädel

Susanne Antoinette Grädel, wurde am 01.08.1990 in Bern geboren und hat einen Abschluss als Fotografin HF von der F+F Schule für Kunst und Design. Susanne schreibt Gedichte und Belletristik, malt, fotografiert und filmt. Seit über zehn Jahren versucht sie, ihre komplexen Gedanken und ausufernden Gefühle mit Lyrik und Belletristik in die Aussenwelt zu tragen. In ihren Texten untersucht Susanne die Melancholie in alltäglichen, ephemeren Situationen und entdeckt das poetische Potential in abgründigen Gedanken.

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