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Baby, Let’s Play House!

Feministische Dystopien haben gerade Hochkonjunktur. Karen Duve, Deutschlands superalternative Retterin aller von der Ungnade der niederen Geburt und den Schicksalsschlägen des bösen Systems Getroffenen, hat wieder zugeschlagen. In „Macht“ beschreibt sie ein häusliches Horrorszenario, bei dessen Lektüre uns der Keks im Halse stecken bleibt, wenn uns nicht vorher schon vor gähnender Langeweile die Augen zugefallen sind. Der schmählich unterdrückte Sebastian Bürger hält Frau Dr. Semmelrogge, seine Gattin und ehemalige Umweltministerin, bereits seit zwei Jahren im Keller gefangen. Im Pin-up-Outfit und mit frisch lackierten Nägeln muss sie ihm Kekse backen und für seine fleischlichen Gelüste zur Verfügung stehen. Nein, das ist jetzt kein Teaser für ein süßes, kleines Roleplay! Karen Duve ist bierernst und stellt alle Männer als sadistische Volltrottel dar, die nur an der Unterdrückung der Frau interessiert sind.

„Entspann dich, chérie!“, möchte man ihr zurufen, „ein bisschen Spaß und Ironie kann dir nicht schaden!“ Allerdings würde dieser Appell in Duves Anti-Maskulo-Club ungehört verhallen und ich wahrscheinlich zur Strafe zwei Jahre als Verräterin der feministischen Ideale mit Alice Schwarzer-Lektüre in einen Kerker gesperrt werden.

Gnade! Bitte ohne Alice! Ansonsten: Why not! Ganz freiwillig natürlich (kleiner Einschub für Juristen und Psychiater, denen jetzt schon aus Vorfreude auf eine künftige Mandantin und Patientin) ein Schauer über den Rücken läuft. Im rumänischen murmurstore gibt es ganz entzückende Fifties-Housewife-Outfits, deren Anblick mir allein die Finger vor Bügellust zucken lässt. Ein Petticoat mit weißem Seidenschürzchen und das transparente Neckholder-Top genügen, um mich in ein adrettes Hausluder zu verwandeln und Karen Duves Szenarien in die feministische Mottenkiste zu packen. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass ich ab jetzt geladener Gast im „Salon der Spießigkeit“ der Berliner Universität der Künste werde und Häuschen, Ehe und Wollsocken ganz oben auf meiner Prioritätenliste stehen.

Dem Social Media- und Veggie-Club-Kontrollkollektiv jedoch einen Kick in the Ass zu geben, macht Spaß und lenkt den Blick zudem noch auf die tatsächlichen (Macht-)Verhältnisse. Während auf der einen Seite die Sozialkritiker prüder und rigider sind, als es die Polizei erlaubt (meuh, kleiner Obrigkeits-Twink-Twink), gibt es einen klaren Gegentrend zum enthemmten Machtmissbrauch. Allerdings gibt es dazwischen ganz viele Schattierungen, die uns durchaus Vergnügen bereiten können. Nein, Karen! Männer können uns nicht nur wunderbar hart durchficken, sondern sich verzehren vor Liebe, uns auf Händen tragen und sogar Songs mit Hausfrauen-Semantik schreiben, die unsere Herzen schmelzen lassen. Staubsauger und Kaffeetassen kommen bei den Arctic Monkeys zu ganz neuen Ehren:

„I wanna be your vacuum cleaner/Breathing in your dust/I wanna be your Ford Cortina/I will never rust/If you like your coffee hot/Let me be your coffee pot“

„Yeah! Yeah!“, sing ich da: „I wanna be yours! I wanna be yours!“

Das ist eine Liebeserklärung, die sich des verpönten Hausfrauen-Vokabulars bedient und doch ist sie ebenso romantisch wie trunkene Verrückung und Verzückung. Anyway: «Was die Wange röthet, kann nicht übel seyn» (Hölderlin). Wenn man erst einmal das magische Wort „Zweckentfremdung“ wiederentdeckt, kommt man in den Genuss ganz unerwarteter häuslicher Wonnen. Kochlöffel und Wäscheklammern möchte ich in meinem Private-Pleasure-Dom(e) jedenfalls nicht missen.

Allen feministischen Hardcore-Hausfrauen-Kritikerinnen sei zudem gesagt: Die Wirklichkeit ändert man genauso wenig durch sprachliche Sperenzien wie mit Sinn und Geist ermüdender Männerkritik, wie uns die Historie lehrt. Im 19. Jahrhundert waren freie Liebe und Kritik an Religion einer privilegierten Oberschicht vorbehalten. Der liberalen Eleganz folgte die konservative Normenwende, die jedoch nicht zu einer Verhaltensänderung führte. Mätressen, Geliebte et al. überdauerten frisch aufgetischte Prüderie. Einzig der Graben zwischen Wirklichkeit und Sprache vertiefte sich so weit, dass die Lüge wie bei Stendhal zum gesellschaftlichen Standard avancierte.

Diese neue feministische Salonkultur der Lüge kotzt mich an, mit Verlaub gesprochen, meine Damen! Ich hab’ keine Lust, meine neo-weibliche Pflicht zu erfüllen und nur noch Dinge in literarischen Salons von mir zu geben, von denen alle wissen, dass sie nicht stimmen!

Und wenn ich Lust habe „Haus zu spielen“, dann tu ich das! Im Spiel, im Ernst, that’s none of your business, Karen! Ja, genau, chéri, hol den Kochlöffel raus und versohl mir den Arsch!

 

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Autor: Theresa S Grunwald

Ekstatische Verzückung, Devotion, deutsche Romantik – Theresa S. Grunwald, das Pseudonym dient als sprachliche Verhüllung, lebt nicht nur in einer pornographischen, von einem leisen Hauch Katholizismus durchwehten Welt. Der Durchbruch ins Animalische gelingt nicht immer, Hölderlins Liebe greift sie manchmal hart am Schopfe. Masken sind aber durchaus ein probates Hilfsmittel, um extreme Widersprüche, Sex und Liebe ist nur einer davon, in Genuss umzuwandeln.

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