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SCHWEINEMILCH MIT SCHOKO-WODKA

Keuchend vor Anstrengung erhebt sich Arndt vom Sofa. Er trägt einen himmelblauen Trainer, der auch schon bessere Tage gesehen hat: Flecken überall, Schlagsahne, Butter, Wein, Nasenhonig – und weiss der Teufel, was sonst noch.

In der kleinen Stube riecht es nach frischem und kaltem Zigarettenrauch, altem und neuem Schweiss, ungewaschenen Füssen, arg verdorbenen Charcuterie-Produkten. Ja, es ist hier schon lange nicht mehr gelüftet worden. Auf dem Fernsehtischchen stehen mindestens sechs randvolle Aschenbecher.

Zudem gammeln ebendort allerlei Speisereste vor sich hin, farbenprächtigste Schimmelkulturen, alles Fast Food, Mikrowelle und Take Away. Doch dieser Zustand stört die beiden Bewohner des Logis, wie sie ihre kleine Eigentumswohnung nennen, nicht die Bohne.

„Willst Du auch eine eisgekühlte Schweinemilch mit Schoko-Wodka“, fragt Arndt seine Alte, die eigentlich Schimach heisst.

Im fadenscheinigen geblümten Nachthemd hockt sie auf ihrem Fernsehsessel. Das Sofa gehört nämlich Arndt allein. Das Nachthemd der Alten glänzt und riecht unfrisch. Als wäre es mit viel Speisefett und Öl getränkt worden, Sardinenbüchsenöl vielleicht, was gewissermassen auch der Fall ist.

„Ja, aber beeil Dich ein bisschen, Du Volltrottel“, so Schimachs Antwort.

Arndt und Schimach sind keineswegs Leichtgewichte, wie sie zu sagen pflegen. Mit einer gewissen Befriedigung. Sie bewegen sich nicht viel. Sie müssen nicht arbeiten. Sie haben es gerne gemütlich.

Sie leben von den regelmässig eintreffenden Checks, die aus dem Erbteil eines Onkels von Arndt generiert werden, der in Argentinien Rinderbaron geworden war. Nachdem er – wegen einiger Unregelmässigkeiten, die wirklich vielen Leuten das Leben gekostet haben – aus Europa fliehen musste.

Die beiden sind dem Erbonkel keineswegs dankbar für diese zuverlässige Rente, sie sagen immer, oft im Chor: „Gottseidank, dass dieser alte Trottel endlich unter der Erde ist.”

Unser Ehepaar, sie wohnen an der Nauppenstrasse 24, ist stinkfaul. Wie die meisten Leute dieser Epoche. Ausser jenen natürlich, die am Fernsehen auftreten.

Nachdem man mit der Armut – oder mit „den Armen“, wie manche sagen, aber denen begegnet man ja bald kaum mehr, im Café, sonntags, unter den Gummibäumen – aufgeräumt hatte, erhielten alle übrig gebliebenen Leute so mehr oder weniger genug Geld zum Leben. Ohne viel – oder überhaupt – dafür arbeiten zu müssen.

Also sitzen sie unter der Woche zumeist vor ihren Fernsehapparaten, essen, möglichst ohne vorher richtig kochen zu müssen, trinken, rauchen. Und sind fortwährend mässiger Laune, nicht schlecht, nicht gut, so mittel halt, mit einigen Tropfen Feindseligkeit gegen alles und jeden gespickt. Und am Sonntag treffen sie dann „die Anderen“, im Café mit den wunderbaren Gummibäumen.

Dort gibt es einen noch grösseren Fernsehapparat als zuhause, der auch besonders laut läuft. Und das ist gut so.

Arndt und Schimach, der und die Alte eben, leben in einer liberalen, freizügigen Zeit, sagen sie. Dies leiten sie davon ab, dass man am Fernseher alles zeigen darf. Und dieses Alles ist inzwischen ausschliesslich Sex. Kinderprogramm braucht es nicht mehr. Denn die Menschen dieser Epoche sind zu faul für das Kindermachen. – Und die Leute, die am Fernsehen auftreten, werden vorher alle operiert.

Vor einigen Jahren kamen am Fernseher noch Sport und Sex und Reklame. Aber dann hat man den Sport mit dem Sex fusioniert – und die Reklame war ja sowieso ebenfalls hochpornographisch, also konnte sie organisch ins Programm eingeflochten werden.

Dergestalt waren alle so mittel zufrieden und die konzeptionelle Kontinuität ward gegeben.

Sex zu machen, aktiv, das ist für Arndt und Schimach komplett undenkbar, obwohl sie sogar verheiratet sind. Sie spüren, wie sie nicht ohne Stolz sagen, „dort unten nichts“. Fürze zu lassen mache ihnen noch ein bisschen Spass, wie sie hinzuzufügen pflegen, bedeutsam lächelnd.

Doch für den Sexsport am Fernsehen sind sie Experten. Für all die Meisterschaften, lokal, national, international, in all diesen vielfältigen Disziplinen. Darüber können sie stundenlang diskutieren und furchtbar streiten. Da fiebern sie mit!

Und gerade heute ist ein grosser Fernsehabend angesagt. Die Weltmeisterschaft der Damen im Blasen, die Königsdisziplin, bei der auch das Schlucken streng bewertet wird. Unser Ehepaar kennt alle Bewerberinnen um die Krone und deren Techniken aus dem Effeff. Schliesslich haben sie die ganzen Aufbaumeisterschaften gesehen, die zu diesem internationalen Höhepunkt führen. Schimach sieht diese Disziplin am allerliebsten. Arndt sagt hingegen immer: “Von hinten sehe ich lieber.“ Was Schimach mit einem freundlichen „Halte Du nur Deine blöde Fresse, alter Idiot!“ zu quittieren pflegt.

Die diesjährige Weltmeisterschaft der Damen im Blasen steht unter dem Motto „Eine Nacht in Silber“. Tatsächlich, alles funkelt, alles glänzt, alles ist blitzblank. Auch Blotto und Blotti, das Moderatorenpaar, treten in silbernen Overalls an, die an den – wie man sagt – richtigen Stellen ausgeschnitten sind. Vor den Nationalhymnen bläst Blotti Blotto kurz an, so ein bisschen absichtlich und komödiantisch ungeschickt, auf dass die Profis nachher umso glorreicher Wirken können.

„Ich möchte wetten, dass die es eigentlich besser kann“, kommentiert Arndt geifernd. „Halte Du nur Deine dämliche Fresse, Du geistiges Geiseltierchen“, weist ihn Schimach zurecht. Dann singt die beliebte Stripperin und Schlagersägerin MoiMoi ihr neues Lied, es wurde extra für den Anlass komponiert: „Silver Tongue, Silver Wine.“

„Singen und sich gleichzeitig ausziehen, das kann nicht jede“, kommentiert Schimach auftrumpfend.

„Du verpasst den Punkt, Alte“, mault Arndt, „das ist nicht einfach nur ein Strip. Die Dramaturgie ist das Wesentliche. Sie macht zunächst ein sexy Tänzchen, zieht sich sodann auf höchst spannende Art und Weise aus, um mit einer echt harten Fleischschau abzuschliessen. Dabei sind die Übergänge äusserst subtil gestaltet. Das ist ihre grosse Kunst.“

„Halte Deine Schnauze, Du Null“, antwortet Schimach.

Nun geht es ans Eingemachte. Die Profibläserinnen, alle sind sie bereits Meisterinnen ihrer jeweiligen stolzen Heimatnationen, schreiten zum Wettstreit.

Die strenge Jury hat ihre Plätze eingenommen.

Der berühmte Mister Blister, er gibt bei dieser Meisterschaft seit Jahren das unparteiische Objekt, das Publikum liebt ihn, denn er macht niemals schlapp und hat immer noch etwas übrig, nimmt seine Wettbewerbsposition auf einem silbernen Thron ein. Ihm zu Füssen die High-Tech-Kniekissen für die Sportlerinnen. Auf seinem silbernen Sportanzug, an der goldrichtigen Stelle ausgeschnitten, prangt eine Werbung für die beliebte Schweinemilch, die heutzutage in aller Munde ist.

Die erste Kandidatin wird ausgelost: Høgla Sømstrøm aus dem Hohen Norden, blond, Aussenseiterin. Sie trägt einen silbernen String Tanga, tritt oben ohne an, was die wahren Könnerinnen niemals tun, diese tragen nämlich immer einen knappen Push Up. Um ihre Hüften hat Høgla einen silbernen Gurt geschlungen, der eine Werbebotschaft für den beliebten Schoko-Wodka verbreitet. Schon kniet sie nieder, schon ertönt die Glocke, schon geht es los…

„Ganz müde, dieses Mädchen, keine Technik, schau nur diese hundserbärmliche Unterlippenarbeit. Sie bringt auch keine rechte Tiefe ins Spiel. Und mit den Augen macht sie ja gar nichts“, sagt Schimach hämisch und schürzt verächtlich die Lippen, „warte nur bis Giulia Pomponi kommt. Die bläst alle anderen an die Wand.“ Arndt widerspricht: „Die Szneiderzan-Landjäger wird das Rennen machen. Gaaaanz sicher…“

„Halte endlich Deine doofe Fresse, Du Superhirn. Und hol mir gefälligst noch eine eisgekühlte Schweinemilch mit Schoko-Wodka aus der Küche. Und eine Wurstrolle will ich auch.“

Nun nimmt ein herrlicher Fernsehabend seinen Lauf. In einem liberalen Zeitalter, das vor freizügiger Gemütlichkeit nur so strotzt und spritzt.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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