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Nie dagewesen

Wenn die Stadt dunkel ist, überhaupt kein Licht mehr in den Fenstern brennt, die Strassen dunkel und verdreckt sind und wir doch noch unterwegs sind, taumelnd wie verirrte Riesen, die nicht wissen, wohin sie gehören, verzweifelt nach einer offenen Türe suchend, orientierungslos in der sternenlosen Nacht. An den Kreuzungen blinken die Ampeln so sinnlos wie gestern, irgendwo laufen dauernd die Maschinen und irgendwo versucht ein Besoffener noch immer die Welt zu erklären, alles, wie es immer war. Bleiern hat sich der Schlaf über die Stadt gelegt, in der wir einst hatten Königinnen sein wollen.

Ein torkelnder Besoffener meint: «Gott hat auch keinen Lebenslauf hinterlassen» und wir wissen nur, wir waren einmal da, genau hier und doch wissen wir nicht, wo genau wir sind. Wir sind verschwunden in den Strassen, genauso wie unsere Trauer und und unser Glück. In diesen Strassen, in diesen engen Gassen hätten wir singen wollen, auf diesen Dächern hätten wir getanzt und wir hätten so gerne gesagt: «Wir waren hier». In der Hoffnung die Stadt würde uns nicht um unsere Erinnerungen bescheissen.

«Hier waren wir doch», aber nur die Nacht hatte uns verschluckt und in uns hatten sich die Empfindungen aufgebäumt, uns die Strasse runtergejagt und jetzt hatten wir nichts mehr, was wir gegen die Angst tun könnten, denn der Stadt sind wir egal. Das Gelächter verhallt, die «To-Do-Listen» überflüssig.

Andere sind gekommen haben getanzt, gelacht und besser gesungen, als wir es je konnten. Während die Tauben noch immer auf die Dächer scheissen, die Ampeln an leeren Kreuzungen blinken und der Besoffene noch immer nicht weiss, was er eigentlich erklären will, die Maschine weiter und weiter läuft und irgendwo das Klingeln eines Telefons ungehört verhallt, hocken wir pleite ausgebrannt an einer Station, der es egal ist, dass wir hier sind und unsere heisse Haut krabbelt als wären wir mit Ameisen überschüttet worden.

Das Nicken des Busfahrers ist vergeblich. Die Stadt wird nicht nachgeben.Wird nicht wissen, dass wir je da waren. Wir haben zurückgeblickt, aber wir haben keine Spuren hinterlassen. Und dann, als die Sonne in den Vororten aufging, wussten wir, war klar, sie hat ihre Träume aufgegeben, die Stadt und es war klar, es würde alles sein wie immer. So, als seien wir nie dagewesen.

Foto Fabio Alves/unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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