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Giftiges Kraut wird wachsen auf meinem Grab

Nein, Mutter, lass mich noch ein wenig liegen, lass mich noch ein bisschen schlafen. Und wohlig Träumen. Vom Palast der Winde, über den Fasane fliegen. Meine Seele jagt den Vögeln nach.

Denn sie führen mich zu Frau Namah C. Nahma. Sie schält sich aus ihrer Seidenwolke. Für mich, nur für mich. Jetzt trägt sie bloss noch den Slave Body von Obsessive, kniehohe weisse Schnürstiefel von Funtasma plus einen Kartonzylinderhut aus jenem Scherzartikelladen, den wir als Kinder so gerne besucht haben, um Furzkissen, Knallzigaretten sowie Plastik-Scheisshaufen zu erstehen, das hat uns Freude bereitet, Heisse-Backen-Freude.

Und genau diese Art von Freude steigt nun in mir hoch, wie ein Sonnenaufgang über Mandalay aufsteigt – im Sommer. Sie fährt mir in die Wangen, in die Lenden, diese kitzlige Art von Freude, nur erwachsener.

Unter die Erde bringen

Nun beginnt sie mit dem Zaubern. Als würde der Zauber ihrer blossen Gegenwart nicht schon ausreichen, um einen Mann unter die Erde zu bringen – Was sage ich? – um eine Herde von Männern unter die Erde zu bringen.

Unter der schwarze Erde, fern der Heimat, haben sie mich zur Ruhe gelegt, nachdem ich mir die Pulsadern aufgeschlitzt hatte, tiefe Schnitte, mit einer Damszenerklinge, die ich einst einem Fürsten gestohlen habe, der sie für teures Geld erworben, inmitten der Karpaten.

Ich habe sie entwendet, infolge einer saftigen Episode, in deren Rahmen ich mit der Frau des Fürsten alle unanständigen Dinge ausgeführt hatte, die der Weihnachtskatalog des Instituts für gehobene Wollust (Ausgabe 1907) hergibt – und, glauben Sie mir, das sind so einige.

Die mystischen Spiele

Ich hatte die Fürstengattin eines Nachmittags mit einem Zauberwort dazu überredet, mir gefügig zu sein. Dafür verwendete ich eine magische Formel aus den Abgründen der Zeit, mit der die Priester jenes ersten Tempels einst die jungen Mädchen betörten und für mystische Spiele vorbereiteten, gegen die alle Filme der Pornogeschichte zusammengenommen wie protestantische Bibellektionen aussehen.

Der Fürst hatte von dem fröhlichen Nachmittag Wind bekommen, an dem ich ihm die Hörner aufsetzen konnte. Also lieferte er zunächst seine Gattin dem braven Folterdoktor Mürgelmoos aus, der unter anderem auf die Bestrafung ehelicher Untreue spezialisiert war. Danach suchte der Fürst mich überall, mit einem Bengel in der Hand, wollte mir den Schädel zertrümmern.

Reichverzierte Scheide

Doch ich schlich mich von hinten an den Fürsten heran. Zog ihm flink die Damaszenerklinge aus jener reichverzierten Scheide, die von seinem Gürtel hing – und schnitt ihm flugs die Kehle durch. Das war gut. Seither hat mich die Klinge begleitet, auf all’ meinen Wegen und Abwegen.

Bis ich mir mit ebendieser Klinge selbst eine Ende bereiten durfte. Die ganze Geschichte hatte sich also gelohnt. Zufrieden bin ich mit den Händen, die jene schwarze Erde auf meinen Sperrholzsarg schaufeln, fern der Heimat. Endlich kann ich ruhen.

Ich weiss es. Eines Tages wirst Du an meinem Grab stehen. Nichts als den Slave Body von Obsessive am Leib. Deine Tränen werden die schwarze Erde tränken und jene Samen, die im Erdreich warten, zur Blüte treiben.

Giftiges Kraut wird wachsen auf meinem Grab.

Zur Arbeit schreiten

Lass mich, Mutter, lass mich noch eine Weile schlafen. Und träumen, vom Palast der Winde, über den Fasane fliegen.

«Nein, mein Sohn, Du musst Dich jetzt erheben und zur Arbeit begeben. Dein Priesteramt wartet. Du musst doch heute die junge Witwe Rabenmeier peinlich befragen, wegen ihrer Ketzerei. Der brave Folterdoktor Mürgelmoos wartet schon auf Deine Anweisungen und Gebete. Er hat das Luder bereits entkleidet und fest angebunden, in der Raummitte, um Dir allseitig unbehinderten Zugang zu gewähren.»

So stehe ich endlich auf. Frohen Mutes schreite ich den Folterräumen im Keller meiner Kirche entgegen. Ich freue mich, dass es heute jener Keller ist, an dessen Tür die Aufschrift «Damen» prangt. Herrenseelen zu retten, ja das ist wirklich weitaus weniger angenehm.

Und zum Glück bin ich kein Protestant!

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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