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Sunrise Avenue: Thank you for everything – ein Erklärungsversuch zur Bandliebe

von Jacqueline Wiesner

Nach 17 Jahren ist Schluss. Die Bekanntgabe der Auflösung der Band Sunrise Avenue ging medial etwas unter.

Nicht für mich als langjährigen Fan der finnischen Band mit unterschiedlichen Abstufungen- ein Erklärungsversuch zum Thema Bandliebe.

Es begann im November 2007. Meine Cousine schleppte mich (damals beide noch im Teenageralter) nach Pratteln ins Z7 ans Konzert „dieser neuen Band aus Finnland“.

Ich hörte mich kurz ins Debutalbum On the way to wonderland und fand neben den Radiohits die Songs ganz anhörbar. Wir beide wussten nicht, dass sich unser Leben ab diesem 17. November für das nächste Jahrzehnt musikalisch total verändern würde.

Nach diesem Konzert gingen wir völlig überwältigt nach Hause. Aber warum? Für mich persönlich war die Musik natürlich der Hauptgrund: Live war die Musik um einiges rockiger als auf dem Album, was mir sehr zusagte. Zudem die unendliche Sympathie, welche die Band auf der Bühne ausströmte. Es wurde mit dem Publikum Kontakt aufgenommen, gescherzt und es passierten Fehler auf der Bühne. Diese Natürlichkeit als Selbstverständlichkeit brachte den Finnen nicht nur von mir eine grosse Sympathie ein. Es wirkte mehr wie ein Familientreffen als ein Konzert einer aufsteigenden Band.

Zu diesem Zeitpunkt war mir die Nähe der Band zum Publikum bereits aufgefallen, aber es war mir nicht bewusst, dass die Band akribisch nach jedem Konzert zu ihren Fans geht und sich unterhält und Fotos machen lässt.

Diese Nähe aller Bandmitglieder zur Fanbase führte auch bei mir zu einer Art Fanbeziehung zur Band, welche auf eine persönliche Ebene gelangte. Nicht vergleichbar mit anderen Bands oder Stars.

Dazu gehörte im Jahr 2010 auch natürlicherweise, dass alle mit Samu Haber (Sänger der Band) und weiteren Bandmitgliedern sowohl auf Myspace und Facebook befreundet sein konnten.

Das Privatleben gehörte dazu- sei es auf dem Social Media-Profil oder in den damals sehr persönlichen Blogs, welche mehrmals wöchentlich geschrieben wurden und jede Party und jeden Absturz genauestens dokumentieren. Wir waren eine grosse Familie, die fast alles miteinander teilte, oder um es auf die Beziehungsebene zu bringen, es gab definitiv eine gut funktionierende Beziehung zwischen Fans und Samu / der Band. Private Nachrichten wurden zumindest von Samu immer gelesen, während man mit viel Glück eine Antwort darauf bekam.

Weiter förderlich für diese Beziehung waren Konzerte in kleinem Rahmen, die bewusst so kleingehalten wurden und auch ein Jahrzehnt später für mich zu den emotional wertvollsten Erinnerungen an Sunrise Avenue gehören, da sie einfach persönlich waren.

Ein Indiz dafür sind auch meine Konzertbesuche in dieser Zeit (19 Konzerte zwischen 2007 und 2015). Man kam nach Hause.

 

Und dann kam der Bruch.

 

Mit zunehmendem Erfolg der Band (ca. ab Album 3) und der Teilnahme von Samu als Juror bei The Voice of Germany brach die Beziehung der Fanbase zur Band auseinander. Man spielte nicht mehr im Kofmehl in Solothurn, im Z7 in Pratteln oder in der Schüür in Luzern, nein, von nun an hiess es, das Hallenstadion zu füllen. Die Aufmerksamkeit der Bandmitglieder musste von langjährigen Fans während Konzerten plötzlich mit blauen Ballonen gefordert werden.

Für mich als Fan der (beinahe) ersten Stunde brach eine Welt zusammen. Es war plötzlich alles so riesig, so unpersönlich, so Star-like. Das war nicht mehr „meine Band“ Sunrise Avenue.

Der Erfolg der Band blieb stabil, während der Hype um die Person Samu Haber stetig zunahm. Genau dieser Hype führte verständlicherweise zur kompletten Abkapslung der Band. Das Privatleben wird nun privat gehalten, Blogs sind inzwischen oberflächlich und auf die Band bezogen (und die alten Blogs schon längst gelöscht). Das alles ist verständlicherweise nachzuvollziehen, nur fühlt es sich wie ein Bruch auf einer Beziehungsebene an, da man sich vor einigen Jahren anderes gewohnt war. Zudem die musikalisch Ebene: Auch hier ist eine durch den Erfolg gegebene Kommerzialisierung erkennbar (Pop statt (Pop-)Rock), die einfach nicht mehr dem entspricht, wie ich „meine Band“ kennengelernt habe.

Und nun ist Schluss. Ganz so scheinbar ist das auch an mir nicht vorbeigegangen und ein Abschluss von der Band muss mit einem letzten Konzert noch sein.

Doch was bleibt? Nebst vielen unglaublichen Momenten und Erinnerungen auch Freundschaften, welche nur durch die gemeinsame Liebe zur Band entstanden sind. Und die im Hinterkopf gebliebene Hoffnung, dass doch kleine Bands bitte auch mal klein bleiben sollen.

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