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High mit Carla

Ihre hellbraunen, fast blonden Locken glänzten noch etwas feucht, Carla rückte ihre dunkelgestreifte Lieblingsbluse zu recht, obwohl es nicht nötig war und grinste, während sie meine schon auf Halbmast gerutschte Krawatte richtete und erklärte, sie habe sich krass beeilen müssen, der Tag im Krankenhaus sei die die Hölle gewesen, sie sei aber froh, dass sie es rechtzeitig geschafft habe. Keine Ahnung, wie sie es schaffte, aber sie roch nach frischen Äpfeln und sah nach einer Doppelschicht noch immer aus wie der Frühling.

«Du hättest nicht kommen müssen, ich hätte es verstanden, du hast so viel geschuftet, du hättest schlafen gehen sollen.»

«Ach, komm, ich bin so stolz und will dir nicht allen Ruhm überlassen und die zwei Stunden schaffe ich es noch auf den Beinen zu bleiben.»

War es die Erwähnung ihrer Beine, ich wusste es nicht, ich küsste sie kurz auf den Mund und grinste sie an. Wir drängten uns an einen Tisch auf dem die Getränke aufgestellt waren. Wie immer bei diesen Preisverleihungen herrschte kurz bevor die Sache losging erwartungsfrohes Gemurmel, obwohl keine Überraschungen zu erwarten waren. Mit dem Champagner zogen wir uns aus dem Gewühl etwas zurück und ich sah Carla an und freute mich mehr sie zu sehen, als später diesen Preis zu bekommen und über mein Buch sprechen zu müssen.

Es war ein kurzer Moment gewesen, lange her, aber er war perfekt, damals schien uns nichts trennen zu können, es reichte nur nebeneinanderzustehen, zusammenzusein. Perfekt. Wieder würgte mich die Krawatte ein bisschen, Literaturpreis-Verleihungen kannte ich besser, als ich es zuzugeben bereit war, allerdings nie als Schreiberling, der ausgezeichnet wurde, sondern als der Typ, der einen erfolgreicheren Typen begleitete.

Die Verleihung fand im Hauptquartier einer Stiftung in der kleinen Stadt statt, das Catering stellte das bei diesen Anlässen zwangsverordnete Fingerfood zur Verfügung, Bier hatte es immer zu wenig, dafür war viel vom billigen Weisswein da. Ein ungelöstes Rätsel war, warum der Preis «Der hölzerne Hippo» genannt wurde, was besser zu einem Reitstall als zur Schreiberei passte. Grund für den hölzernen Gaul war die Pferdeliebe des Stifters, der sich erst der Kunst und Literatur zugewandt hatte, nachdem man ihn hatte überzeugen können, dass es kein Raumfahrtprogramm für Pferde brauchte und es ziemliche Schwierigkeiten geben könnte, für die Vierbeiner Raumanzüge herzustellen und ihnen das Atmen im luftleeren Raum beizubringen.

Der Raum wirkte für die sechzig, siebzig Leute viel zu gross und Tische und Stühle schien die Stiftung sich von einer Schule ausgeliehen zu haben, womöglich um stark an eine Amateurtheateraufführung in den Achtzigern zu erinnern. Damals als Kreativität noch kreativ war und viele Menschen glaubten, die Grunge-Rocker von Nirvana seien eine Mischung aus Rebellen und Philosophen und in der Lage, der Postmoderne Vitalität und Hoffnung einzuhauchen.

Eine Gemeinsamkeit dieser Veranstaltungsräume war stets, dass sie nach ein, zwei Getränken das Gefühl vermittelten, man sässe in einem U-Boot fest, dass halb abgetaucht sei, was an den Fenstern lag, die sich zweieinhalb Meter über dem Boden öffneten und als schmale Öffnungen dafür sorgten, dass man sich je länger die Veranstaltung dauerte, danach sehnte endlich wieder in die richtige Welt, die Realität, zurückzukehren. Die Organisatoren empfanden die gesichtlose Atmosphäre jedoch nie als Widerspruch zum kulturellen Thema des Anlasses.

Der Endgegner bei allen Lesungen oder literarischen Preisverleihungen war der erste Redner, also jener Mensch, der sich etwas Gescheites hatte ausdenken müssen, um der Sache die angemessene Wichtigkeit zu verleihen. In diesem Fall hatte die Stiftung einen Gymnasiallehrer auserkoren, der sich im Literaturhaus der kleinen Stadt engagierte, stolz einen fleckigen, rötlichen Bart zur Schau stellte und mit unstetem Blick sein Publikum musterte. Wahrscheinlich war er ganz in Ordnung, bei mir jedoch hatte es nicht viel gebraucht, um all die seltsamen Typen zu verachten, die etwas von Literatur «verstanden» und über die Schreiberei redeten, als sei sie ein goldenes Kalb, das von den «richtigen» Leuten mit sanften Schlägen auf den riesigen Hintern in die «richtige» Richtung geprügelt werden musste.

Mochte sein, ich war einfach zu dumm: Doch ich verstand die Hüter der «echten» Literatur nicht. Sicher, da war etwa Hemingway gewesen, der eine Legende kultivierte, die fressen und saufen mit Schreiben in Verbindung brachte und seine Texte mal mit Stieren verglich, die man bei den Hörnern packen musste oder dann mit Bergen, die es zu erklimmen galt oder mit Boxern, die man verprügeln sollte. Gutes Marketing kann ich da nur sagen, aber, ob diese Dinge seine Bücher besser machten, glaubte ich nicht.

Hätte ich mit dem Gymnasiallehrer diskutiert, hätte er mich mit Argumenten, Legenden rund um die Schriftstellerei erschlagen, mir Beispiele erzählt, bis mein Glas oder gar die Flasche leer war. Mir schienen diese Leute Zombies zu sein, die sich gerne Geschichten erzählten über Leute, die Dinge schrieben. James Joyce, Charles Bukowski, Beat-Poet Jack Kerouac oder eben William Burroughs, Meere aus Worten, schiefe Witze aus der Folklore, zupackende Neuigkeiten aus dem Keller des Lebens oder ein nicht endender Bewusstseinstrom und bei Burroughs abfahrene Fragmente aus einem verladenen Hirn.

Der Gymnasiallehrer würde auch die Schwerarbeiter Thomas Mann, Charles Dickens und die edle, aber langweilige Stilistin Jane Austen anführen, er würde von den Bronte-Schwestern labern und irgendwann kämen wir auf Fitzgerald, der für Geld schrieb und dessen Legende den Mythos von Verschwendung, Sucht und Scheitern enthielt, das alles würde ein Gymnasiallehrer aus einem Vorort der kleinen Stadt mit fester, mit einer von Gewissheit und Wissen getränkter Stimme vortragen, während ich mir entweder eine Linie Koks oder einen schnellen Tod wünschen würde. Das sich die beiden Dinge – Tod und Koks – für einen Typen meines Alters mehr ähnelten, als mir recht sein konnte, wäre dann eine kleine Ironie, die mir am nächsten Tag einfallen würde, wenn ich mich mich – meist mit schlechtem Gewissen – zu erinnern versuchen würde, ob ich mit jemandem Streit angefangen hatte.

«Es ist doch nicht so, dass du etwas gegen literarische Diskussionen hast, du hockst nächtelang in unserer verrauchten Küche und faselst irgendwelchen Quatsch und manchmal wisst ihr dann nicht einmal, wer welche Theorie rausgelassen hat», Carla grinste fies und meinte: «Und ich muss dann den Aschenbecher leeren und einmal sogar ein Taxi rufen für den grossen Autor, der auf dem Treppe vor unserer Wohnung eingepennt ist.» Sie lächelte, weil sie die Verrücktheit mochte, gleichzeitig war ich froh, dass sie das Gekotze nicht erwähnte. Ein missglückter Abend, an dem ich meine Theorie der «gebrochenen Poesie» gegen das «doppelte Narrativ» verteidigt hatte, während Schrifstellerkumpel Martin immer wieder auf die Struktur des Plots und die Notwendigkeit der «Auflösung der Struktur im Satzbau» zu sprechen kam. Solche Spitzfindigkeiten können schon einen Würgereiz auslösen.

Gerne würde ich sagen, ich sei nur jung gewesen und hätte es nicht ernst gemeint, leider kann ich das nicht ohne weiteres, denn irgendwie hatte ich diesen Mist damals tatsächlich geglaubt. Obwohl ich bestenfalls mit meinem Buch am Anfang stand, meinte ich, es helfe, sich theoretische Gedanken zu machen, viel darüber zu reden und dazu möglichst viel zu trinken und zu rauchen. Dass etwa die Existentialisten und deren Theorien eine Weile um die Ecke waren, störte mich dabei nicht.

Unterdessen rang sich der Gymnasiallehrer zu seiner letzten Pointe durch, die – hüstel, hüstel – darauf hinauslief, dass an diesem Abend und auch in Zukunft «das letzte Wort» noch lange nicht gesprochen sei. Tragisch, aber wahr, es war eine Preisverleihung, es würde noch eine Ewigkeit dauern, bis das letzte Wort gesprochen war. Bei einer literarischen Preisverliehung folgte auf den Einführungsredner zwangsläufig der Kommentar der Jury. Der Stiftungschef trug einen makellosen Anzug, der seine aalglatte Wirkung und Charakterlosigkeit noch unterstrich. Erwartungsgemäss sprach er von einem «guten Jahrgang», davon, dass sich die Jury die Wahl nicht leicht gemacht habe und man den «Auswahlprozess» sehr ernst genommen habe.

Zeit für halbes Dutzend Leute in der ersten Reihe mehrfach gewichtig mit dem Kopf zu nicken, egal, ob Frau oder Mann, sie waren alle geschmacklos, dafür teuer gekleidet und mochten es Dinge zu beurteilen, die man eigentlich so nicht beurteilen konnte. Es waren ältere Leute, die so von ihrer Wichtigkeit überzeugt waren, dass sie nicht merkten, dass es keine Kriterien geben konnte mit der irgendjemand Kunst bewerten konnte.

Carla sprach mit einem anderen Preisträger, der sich ebenfalls in einer Ecke des Raumes rumdrückte, bereit auf die Bühne zu stürmen, einige Hände zu schütteln, kurz sein preisgekröntes Werk zu präsentieren, um dann den hölzernen Hippo in Richtung des Raumes zu schwenken und dabei allen zu danken, die ihm geholfen hatten bis zu diesem triumphalen, hellen Moment zu gelangen, sie lächelte mir zu und schien wirklich stolz zu sein. Wieder würden sie in der ersten Reihe nicken und sich innerlich auf die Schultern klopfen, ein solch relevantes Werk von einem so vielversprechenden Typen ausgezeichnet zu haben.

Auf dem Podium, dass auch so aussah, als hätte man es entweder in den achtziger Jahren geklaut oder seit damals einfach stehen lassen, waren die hölzernen Hippos aufgereiht, sie sahen aus wie seltsame Holzstücke, bei denen jemand versucht hatte, sie in eine noch seltsamere Form eines Tierkopfes zu fräsen. Die Dinger sahen verstörend aus, hässliche Staubfänger, die einen gleichzeitig ein bisschen Angst einjagten. Seltsamerweise fand ich das passend für den ersten und – wie sich herausstellen sollte – letzten literarischen Preis, den ich je bekam.

Die Jury nickte wieder, ein weiterer Hippo wurde in Richtung des Raumes geschwenkt. Eine vielversprechende junge Poetin bekam den Holz- und Geldbrocken für pornografisch angehauchte Gedichte, die Sprachbilder aus der Flora und Fauna mit Sex verbanden, was von den Juroren als originell und gewagt beurteilt worden war, aber nicht gerade heiss rüberkam. Wäre die Erotik gelungen, hätten uns Blumen und Pflanzen wirklich scharf gemacht, hätte sie wohl den Preis nie bekommen, denn das wäre zu gewagt und für jede Jury ein zu grosses Risiko gewesen.

Und da ist die Sache: Carla mochte Prince. Nicht etwa «1999» sondern «Purple Rain», sie mochte auch Bushido und verstand nicht, warum ich jedes Mal ausziehen wollte, wenn sie den deutschen Rapper laufen liess. Klar, es ist unfair mit Avo Pärt oder Messiäen zu kommen, obwohl offensichtlich Meister (und ja Prince war auch cool) taugten die Vergleiche einfach nicht.

Kriterien für Kunst zu finden, ist so vergeblich wie zu versuchen, Matisse gegen Picasso auszuspielen oder sagen zu wollen, dass Rothko gegen diese Typen keine Chance hätte. Schreibt Ali Smith zu kompliziert, für manche ja, aber müssen wir Siri Hustvedt (eine Meisterin) beurteilen und können wir ihre wortgewandte, kunstaffine und anspielungsreiche Literatur mit den Mysteries von Sara Paretsky vergleichen, die zupackend und direkt geschrieben sind?

Richtig, da helfen rhetorische Fragen auch nicht weiter, doch hatte ich mich immer gefragt, wie die Leute einer Jury darauf kamen, sie könnten den Zeitgeist spüren, Werke einordnen, Projekte abschiessen und andere auszeichnen, waren es die Klamotten? Die Krawatten, die teuren Blusen oder war es nur der Wunsch über etwas zu richten, über das man nicht richten konnte.

Um nicht nur Metaphern oder rhetorische Phrasen zu dreschen, je länger umso mehr und je mehr sich Bedeutung und Zeit in einer immer schnelleren Welt auflösten, war die Künstlerin, ein Mensch, der bereit war, sein eigenes Grab auszuheben. Denn wenn es ihr gelingt, die Grenzen zu pushen, ein Körnchen zu finden, das Bedeutung oder Gültigkeit besitzt, so hat sie schon einen grossen Erdhaufen angehäuft und sich eine tiefe Grube gegraben, über die sie nur schwer hinweg sehen kann und wenn dieses Körnchen dann noch Erfolg hat oder Erfolg verspricht, entsteht die Erwartung. Erwartung, die der Logik des Geldes folgt und die Grube wird noch tiefer, denn nun ist eine Marke entstanden und ein Markt, der bedient werden will.

Der Tag, an dem Carla und ich uns kennengelernt hatten, war ein kitschiger Frühlingstag gewesen, in der Luft der kleinen Stadt lag ein Hauch von Sommer und die Vögel zirpten, zwitscherten irrsinnig vor Optimismus, überall schienen Leute und es war eine schlechte Idee im Gedränge auf der Brücke Nachrichten auf dem Handy zu lesen, unabsichtlich rempelte ich eine alte Dame an, entschuldigte mich und schaffte es knapp ihrem zum Kampf erhobenen Schirm auszuweichen.

Erneut hob die weisshaarige Dame ihren Todesschirm und liess ihn auf meinen Arm krachen, dazu fluchte sie, dass die Leute einfach nicht mehr wüssten, wie man richtig gehe und überhaupt sei «schlechtes Benehmen» viel zu sehr verbreitet. Carla packte die Dame sanft am Arm, bat sie, sich zu beruhigen und erinnerte sie daran, dass sie etwas anderes vorhatte, als sich auf dieser Brücke hier mit dem Schirm zu prügeln.

«Du hast mich gerettet, danke, die hätte mich voll erwischt.»

«Ja, das hätte sie wohl, wirst du oft von alten Damen verprügelt?», fragte Carla grinsend.

«Nein, eigentlich nur wenn ich aus dem Haus gehe.» Ich lud sie zu einem Kaffee ein, hatte aber keine Ahnung gehabt, dass sie im Spital eine Doppelschicht hinter sich gebracht hatte.

Obwohl ich die alte Dame gerammt hatte, um auf dem Telefon in den Mails nachzusehen, ob ich einen Termin hatte, vergass ich diesen in einem dieser modernen, italienischen Cafés sofort wieder. Italiener würden es nie tun, dennoch bestellten wir am späteren Nachmittag noch Cappucino und sprachen über allerlei Kram. Nachdem ich den Job bei der Werbeagentur geschmissen hatte, den ich angenommen hatte, nachdem ich das Studium geschmissen hatte, ging ich durch eine eher einsame Phase und sprach drum viel von meiner Entdeckung des belgischen Komponisten Messiaen und viel von Literatur, weil ich gerade versuchte ein Buch zu schreiben.

«Bist du so etwas wie ein Nerd?», fragte Carla unschuldig und biss in ein staubtrockenes Biscotti, während ich rot wurde und mir auffiel, dass sie immerhin über Persönliches gesprochen hatte, etwa, dass sie sich als Krankenschwester gerade weiterbildete und schlimm viel arbeiten musste, so dass sie glaubte, sie würde immer langweiliger, klar, sie hatte mir auch erzählt, dass sie auf die Meters und auf Prince stand und gerne Krimis las. Schliesslich drohten ihr die Augen endgültig zuzufallen und ich brachte sie den kurzen Weg nach Hause.

Die Sache zwischen uns war nicht gerade eine Explosion: Ich fühlte mich wirklich etwas als Nerd und hatte mich lange nicht getraut, sie anzurufen. Während die Welt mit Schmetterlingen, einer unzählbaren Masse an Velofahrern und erblühenden Vorgärten das Erwachen des Frühlings feierte, kam ich mir als arbeitsloser Penner vor, der zu nichts taugte, seinen Job wegen eines Werbespots über Eier hingeschmissen hatte und jetzt erfolglos versuchte über Fleisch zu schreiben und es nicht wirklich auf die Reihe brachte.

Unterdessen waren bei der Preisverleihung wie bei jeder Oper, die drei üblichen Verdächtigen trotz der unbequemen Stühle eingenickt und wieder war ein hölzerner Hippo geschwenkt worden, doch diesmal hatte sich der Preisträger bemüssigt gefühlt, seine Redezeit zu überziehen und dem mittlerweile unter Sauerstoffmangel und Alkoholentzug leidenden Publikum noch eine kleine Predigt mitzugeben, welch wichtige literarische Zitate er doch in seinen «Mittelalterroman» eingeflochten hatte. Cervantes war ein Dreck dagegen, da musste schon Ovid her, mehr und mehr wünschte ich mir einen Esel und eine Windmühle um Kopf voran dagegen anzurennen.

Carla hatte sich auf einen Tisch in der Ecke gesetzt, ihre Wangen leuchteten rötlich, ihre Haare leuchteten lebendig und ich spürte ihre Erschöpfung, die von ehrlicher, sinnvoller Arbeit in einem Krankenhaus herrührte, ihre braunen Augen leuchteten erwartungsfroh, dennoch sah ihr grosser dünner Körper müde aus, sie hielt ihre Arme verschränkt und war leicht nach vorne gebeugt, während der Scheisser vorne auf dem Podium bei Tolstoi und der russischen Literatur angelangt war und meinte, seine Arbeit enthielte durchaus auch Echos dieser Werke.

Der arme Kerl: Er hatte sich hoffnungslos verloren und tausend Seiten und zwei Jahre später, würde er immer noch an seinem grossen Epos schreiben. Gerne hätte ich auf die andere Seite des Raumes gewechselt, doch die Stimmung war zu lähmend und jede Bewegung im Raum hätte das lähmende Koma gestört, so dass ich mich nicht getraute in Carlas Ecke zu wechseln, sie in die Arme zu nehmen und ihr ins Ohr zu flüstern, dass ich sie bewunderte, für das, was sie den ganzen Tag tat.

Der Gang der Dinge: Wir haben Einsichten, sehen einen kurzen Augenblick lang ganz klar und vergessen es dann sofort wieder, wenn es auch nur ist, weil einer einen hölzernen Hippo schwenkt, was mit einem unförmigen Holzklotz gar nicht so einfach ist, wie ich einige Zeit später bemerken sollte. Ich hatte Carla gesehen, gespürt, wie es ihr ging und den Augenblick der Wahrheit nicht genutzt, weil ich einen Holzklotz vor Unbekannten schwenken musste, an die ich vorher Worte über ein Buch gerichtet hatte, für das sie nicht wirklich interessierten.

Das mein Werk über Fleisch niemanden interessierte war nicht weiter schlimm, so liefen diese Dinge eben, am Ende war die Geschichte erzählt, ein Produkt gedruckt und Geld verdient, auch wenn es nicht viel war, verglich man es mit den Geschäften der Gegenwart und Renditen, die in anderen Bereichen erwartet werden durften. Das hier war Literatur, nicht Fussball oder Aktiengeschäfte oder überhaupt Geschäfte. War das Zeug geschrieben, war es geschrieben, mehr als bei Musik, bildender Kunst oder Film weckte die Schreiberei Bilder, die ein eigenes Leben annahmen. Eine Sinfonie kann lauter werden, ein Gemälde, eine Skulptur kann abstrakt und gross sein, im Film kann man – einfach gesagt – die Bilder einfach schneller zusammenschneiden und wenn man nichts zu sagen hat, eine Grossaufnahme eines heissen Fegers einblenden.

Als ich Carla nach unserer ersten Begegnung endlich angerufen hatte, hatte ich keine Ahnung von diesen Dingen gehabt, zu sehr war ich vage überzeugt von meinem Talent und meiner Fähigkeit gewesen, etwas zu sagen, was noch niemand vor mir gesagt hatte, es glich einer Art Selbsthypnose, eine Art Theraphie vielleicht auch, da hockst du vor deinem überteuerten Laptop rum und suchst nach Worten und Einsichten in dir selbst und manchmal gelingt das sogar und manchmal gelingt es dir nicht einmal einen Taubenschiss auf dem Bürgersteig zu beschreiben.

Da war die Sache mit den «Eiern», dem Werbespot, ich hatte meinen Job an den Nagel gehängt, weil ich dachte, es musste doch kreativer möglich sein. Die Wahrheit war, dass ich trotz Jugend, Bildung und grosser Hybris, was eben Kreativität angeht, es nicht schaffte, einen Vorwand zu erfinden, um Carla anzurufen, obwohl ich es gerne getan hätte. Schliesslich liessen mich Einfalls- und Sexlosigkeit weise werden, so dass ich eine «Funky Meters»-CD-Box bestellte und es dann nach drei Tagen und einem Sixpack Bier schaffte, Carla anzurufen.

Als ich mich endlich aufraffte, um sie am Telefon vollzustottern, war sie mit einem attraktiveren und wahrscheinlich auch psychisch ausgewogeneren Krankenpflegerkollegen unterwegs, der sie kurzentschlossen einfach zum Essen eingeladen hatte, sie willigte dennoch ein, mich nochmals zu einen Kaffee zu treffen, so dass ich bald entdecken durfte, dass die Funky Meters auch ganz super spielen konnten und nicht nur alles von Avo Pärt abhing.

Plötzlich hörre ich weniger klassische Musik, schrieb dafür etwas mehr und Carla liess mich sogar das Eier-Debakel vergessen. Eigentlich ist es keine harte Arbeit Werbespots zu schreiben, auf jeden Fall ist es weniger hart als in der Ravioli-Fabrik Büchsen zu stapeln oder Lastwagen auszuladen, erschwert wurde der Job, wie jeder Job heutzutage, durch die Kunden und all die kreativen Direktoren, die eine Werbeagentur erst so richtig kreativ machen. Mein Auftrag war nicht komplex gewesen, ich sollte ein Drehbuch für einen lustigen Spot schreiben, bei dem ein Schauspieler als Huhn verkleidet ein Ei legte. So schrieb ich um die Miete zu verdienen Sprüche wie «unsere Eier sind überraschend natürlich».

Der Widerspruch, dass an dem Skript nichts «natürlich» war, störte meine kreativen Superbosse wenig, ich dagegen bekam Probleme mit der Hybris, hatte ich doch vor wenigen Wochen erst einen Spot geschrieben in dem zwei als Kuh verkleidete Schauspieler dem Publikum erklärten, dass die Milch nicht aus dem Supermarkt, sondern vom Bauernhof kam.

«Zu solchen Ideen gratulierten sich diese Leute wirklich», versuchte ich Carla zu erklären.

Sie zögerte einen Augenblick legte die Gabel und den Löffel mit den aufgerollten Spaghetti hin und sagte: «Es ist doch nur Werbung, das nimmt niemand ernst.»

«Das stimmt natürlich», sagte ich mit vollem Mund und versuchte ihr nachher als wir den Rest des Rotweins auf dem Sofa tranken zu erklären, dass mein nächster Job gewesen, einen Spot zu schreiben in dem eine als Schwein verkleidete Bachelorette hätte erklären müssen, warum es für ein Schwein ganz «natürlich» sei, geschlachtet zu werden.

«Es war die Idee eines freiwilligen Tierselbstmordes um als Sonntagsbraten oder irgendwas zu enden.»

«Wir essen doch auch dauernd Fleisch.»

«Schon, wir tun es aber nicht auf zynische Weise, wir essen es einfach.»

«Wir denken uns einfach nicht viel dabei, meinst du das.»

Tatsächlich wir dachten uns nicht viel dabei und wir mochten Spaghetti Bolognese. Und doch war die Idee natürlicher, glücklicher Schweine, die fröhlich in den Schlachthof marschierten zuviel für mich gewesen.

Für mich war es keine moralische Frage gewesen, vielmehr hatte mich der Bullshit-Faktor in den Abgrund der Arbeitslosigkeit getrieben. Ich sah einfach nicht ein, warum Werbung schwachsinnig sein musste und sagte es ein paar Mal zu viel zu meinen Bossen und legte der verkleideten Bachelorette in den Mund, dass Schweine es einfach geil fänden, wenn ihr Körper der Länge nach geteilt und dann in zwei Hälften in einem Kühlraum aufgehängt würde. Leider hatte der Art Direktor sich auf mich verlassen, die Firma verlor zwei Drehtage und ich wurde gefeuert, da ich mich unprofessionell verhalten hatte.

Seltsamerweise gaben mir diese Dinge, über die ich eigentlich nie nachgedacht hatte, die Idee für mein erstes Buch. Dabei trugen Carla, meine Chefs bei der Agentur und die Spaghetti alle eine gewisse Mitschuld. Denn vorher hatte ich mir über all dieses Zeug keine Gedanken gemacht. Mir war es egal, wenn die Milch aus dem Supermarkt kam. Naja, nicht nur die Milch, das Brot, das Fleisch, das Gemüse, für mich kam mehr oder weniger alles aus dem Supermarkt und andere Dinge brachte vielleicht noch ein Kurier. Klar, die Pizza wuchs nicht auf Bäumen, doch wenn sie es getan hätte, hätte es mich nicht gestört, so lange es der Kurier in unter einer Dreiviertelstunde lieferte.

Unsere Liebe war keine grosse, tragische, sie war eher eine stille, schöne. Sie war gemütlich, wie eine alte etwas abgenutzte Schlabberhose, sie war kein lautes Lachen, kein Gekicher, sondern ein Lächeln, das sich langsam auf dem Gesicht ausbreitete, ein Lächeln das wir gegenseitig immer erkannten und immer erwiderten. Auch wenn so ein Lächeln nichts Spektakuläres ist, auch wenn du es kaum siehst, oder bemerkst, ist es toll, wenn es dich erwartet und dir Sicherheit gibt.

Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte den hölzernen Hippo fallengelassen, als sechster und letzter Preisträger profitierte ich von der gehobenen Stimmung des bald erlösten Publikums, die Jury nickte vor sich hin, anstelle von irgendwelchen Reden verbrachte ich die mir zugeteilten fünf Minuten auf der Bühne damit die ersten zwei Seiten meines Romans zu lesen und dann endlich das unförmige Ding in Richtung des Saales zu schwenken und eiligst gehemmt und erleichtert von der Bühne zu stürmen.

Einsicht hilft nicht immer. Einsicht hilft leider nicht immer weit. Ich wusste genau, dass Carla nach einer Doppelschicht müde war, hatte gar einen kurzen und seltenen Moment erlebt, in dem ich genau erkannte, wer sie war, wie es ihr ging und wusste, sie musste schlafen, ich hätte meinen Holzbrocken nehmen, ein Taxi bestellen und ihr zuhause ein Bad einlaufen lassen sollen. Stattdessen trank ich zwei Gläser billigen Weissweins, rauchte vor der Halle einen Joint, führte sinnlose Gespräche über Literatur und riss dumme Witze über die anderen Preisträger. Geblendet von einer kurzen Sekunde komplett unwichtigen Ruhmes, liess ich meine Geliebte im Stich und zog mit anderen seltsamen Literaten los, um mich bis zum Morgengrauen zu besaufen.

Carla war nicht richtig ausgeschlafen, aber wirkte schon viel fitter und sie freute sich, weil sie den Tag frei hatte. Ich machte uns Kaffee, hatte Mühe den Krug der French Press mit dem Pulver zu treffen, als sie in die Küche kam, mich auf die Wange küsste und fragte, wo denn der «Hippo» sei.

«Verdammt, ich habe das Teil vergessen, wenn ich nur wüsste, wo?»

Zwei Tassen später fiel mir ein, ich hätte den Holzblock auf einer Bank stehen gelassen hatte.

«Wart‘ hier, ich ziehe mich an, wir gehen den Hippo holen.»

Ich schwankte ein wenig, doch immerhin trug ich noch Jacke und Schuhe und war so immerhin schnell bereit. In der Strassenbahn fanden wir frühmorgens schnell einen Platz und ganz offensichtlich hatte nicht einmal der belesene Gauner den Holzklotz für einen begehrenswerten literarischen Preis gehalten, so dass der Hippo von Morgentau schief und hässlich  noch immer auf der Bank stand.

«Tut mir leid, dass ich nicht mit dir nachhause gekommen bin, die Feierei war überflüssig», sagte ich auf dem Rückweg, Übermüdung und Kater liessen mich die Zerbrechlichkeit des Lebens mit solch strahlender Klarheit erkennen, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, um nicht vom Tageslicht geblendet zu werden.

«Ist nicht schlimm, du hast einen Preis gewonnen, dann soll man feiern und du kannst ja nichts für meinen Arbeitsplan. Eigentlich tut es mir leid, dass ich es nicht schaffte, noch mitzukommen, aber ich war KO.»

«Was du tust ist wichtiger als mein Geschreibsel. Ich hätte dich unterstützen müssen.»

Naja, manchmal hallen gewisse Einsichten nach. Mies nur, dass man sich manchmal so schlecht erinnern kann.

Carla hatte sich den Holzklotz unter den Arm geklemmt, wir schlenderten über einen noch verlassenen Platz in der Nähe unserer Wohnung, unter den Bäumen wischte eine Serviertochter die Tische ab und würde wohl bald das Café aufmachen. Carla atmete tief durch, um dann zu sagen: «Weisst du, du wirst zuhause sofort wegknacken und ich habe noch eine Verabredung, aber ich fände es gut, wennn wir uns versprechen könnten, dass wir nicht vergessen, das wir auf uns achtgeben, selbst dann, wenn wir unachtsam sind.»

Jahre später hatte ich bewiesen, dass ich so unachtsam sein konnte, dass ich die Unachtsamkeit gar nicht mehr bemerkte, darum spielte ich sinnlose Spiele an der Playstation und hatte seit einer langen Weile keinen sinnvollen Satz mehr geschrieben. Nicht einmal einen Geldjob für eine erotische Anthologie hatte ich hinbekommen, ausser der Erkenntnis, dass sich selbst auf einem Handrücken Schweiss bilden konnte. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Spitzfindig und unsexy zugleich.

Wie die Dinge lagen, musste ich mir durch Monate, wenn nicht Jahre der Sexlosigkeit Weise geworden, eingestehen, dass ich vor all den Jahren optimistisch und bedenkenlos ein Versprechen abgegeben hatte, das ich nicht eingehalten hatte, wie die Dinge lagen, war ich gleichgültig geworden, hatte Liebe und das Lächeln für selbstverständlich angenommen und hatte Carla eine unbeschreiblich lange Zeit damit genervt, dass es schwierig sei, einen gültigen Satz zu schreiben, geschweige denn eine ganze «gültige» Passage.

Wie die Dinge lagen, hatte ich damals einen schiefen Holzklotz bekommen, den ich im Suff auf einer Parkbank stehen liess, einen seltsamen Pferdekopf, den wir als Paar dann wieder holen gegangen waren und der ein Symbol dafür hätte sein können, dass wir uns nicht verlieren sollten und dennoch, wie die Dinge lagen, verlor ich dich trotzdem und ich konnte nicht einmal sagen, dass ich nicht gewusst hatte, was dir wichtig gewesen wäre.

In einer Geschichte, einer Erzählung braucht es eine Pointe, eine Moral, selbst wenn es im richtigen Leben manchmal keine gibt, ausser, dass man sich im Nachhinhein fragt, ob es nicht besser gewesen wäre, man wäre rechtzeitig zum Psychiater gegangen oder vielleicht hätte ich nur rechtzeitig versuchen sollen, den Schweiss von deinem Handrücken zu wischen, selbst wenn der nicht von erotischen Aktivitäten stammte.

 Foto: Olaia Irigoien/Unsplash

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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