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Star Trek: Discovery – Fern der Heimat

Dieser Artikel enthält massive Spoiler zu „Fern der Heimat“, der zweiten Folge der dritten Staffel „Star Trek: Discovery“ und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und andere Folgen bereits gesehen hat.

Dieser Artikel enthält massive Spoiler zu „Fern der Heimat„, der zweiten Folge der dritten StaffelStar Trek: Discovery“ und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und andere Folgen bereits gesehen hat.

Einleitung.
Der Ton innerhalb der Franchise ist rau geworden und allenthalben lassen sich hitzige Auseinandersetzungen über die neueren Serien in Foren, auf Facebookseiten und kleineren Blogs finden.
Dabei hat jede einzelne Star-Trek-Serie ihre ganz eigenen Pluspunkte. In „Star Trek: Discovery“ schätze ich persönlich zum Beispiel die Besatzung des Schiffes und die großartigen Schauspieler, die sie verkörpern. Wer einmal Mary Wiseman getroffen hat, der weiß, was für eine positive Energie auch im wahren Leben von ihr ausgeht. Sonequa Martin-Green ist eine lebensfrohe, freundliche Frau, die sich für Fans Zeit nimmt. Und wer bereits von Doug Jones für ein Foto fest umschlungen wurde, der weiß, wie sehr ihm Star Trek und sein Fantum gleichermaßen am Herzen liegen. Auch für andere Schauspieler denen ich auf Conventions begegnen durfte wie Jason Isaacs, Anthony Rapp oder Wilson Cruz lässt sich durchweg nur Positives berichten.
Sogar optisch gibt es einige Aspekte, die ich absolut gelungen finde. Die Kostümschneider, Designer und Maskenbildner der Serie etwa haben von den verschiedenen Sternenflottenuniformen, über die zeremoniellen klingonischen Rüstungen bis hin zu den Alien-Makeups bislang unbekannter Spezies (z.B. Kelpianer, die Cancri oder Osnullus) einige Ausrufezeichen setzen können.
Oder die serielle, staffelspezifische Erzählweise, die durchaus eine Menge erzählerisches Potential zu bieten hat und in dieser Konsequenz in diesem Science-Fiction-Universum bislang noch nicht zu sehen war. Innerhalb von bislang zwei Seasons konnte man bei mehreren der Charaktere einer Achterbahnfahrt gleich das emotionale Auf und Ab mitverfolgen, bis einem vom Zuschauen ganz schwindlig wurde.
Es gibt also eine ganze Reihe guter Gründe, sich Freitagmorgen gemeinschaftlich zum Frühstück zu treffen und Netflix einzuschalten. Doch die Frage bleibt:
Ist die andauernde Kritik an „Discovery“ gerechtfertigt oder nur Ausdruck eines wachsendes Hasses zunehmend konservativer Star-Trek-Anhänger?

Story.
Die USS Discovery stürzt in freiem Fall auf einen namenlosen Planeten nieder und kommt zu einer unsanften Landung, die den unverletzten Teilen der Crew einiges an schwerwiegenden Reparaturen abverlangt. Diverse Komponenten lassen sich jedoch nicht ohne weiteres flicken, weswegen der amtierende Captain Saru zusammen mit Fähnrich Sylvia Tilly zu einer nahe gelegenen Bergbaukolonie aufbricht, um mit den dortigen Bewohnern Rohstoffe zu tauschen. Bruchstückhaft können sie sich zusammenreimen, was Burnham und die Zuschauer in der letzten Episode bereits erfahren konnten und tatsächlich gelingt es ihnen sogar, das Vertrauen der anfangs skeptischen Eingeborenen zu erringen. Als jedoch der ruchlose Erzbösewicht Zareh auftaucht, zeigt sich, dass in dieser Zukunft ein ungleich aggressiverer Ton herrscht und die Erinnerung an die Föderation entweder mythisch verklärt oder absichtlich verdrängt wurde. Aber sowohl Saru als auch Tilly sind gewillt, den guten Ruf der Weltraum-Union wiederherzustellen und sie erhalten Gelegenheit von einer Person, die sich in dieser Epoche sichtlich wohl fühlt…

Lobenswerte Aspekte.

Aufbruch ins Unbekannte.
Olatunde Osunsanmi untermauert sein in „Discovery“ bereits mehrfach unter Beweis gestelltes Regiegeschick abermals durch schöne Kamerafahrten und Einstellungen, die ihresgleichen suchen. Gepaart mit den noch immer atemberaubenden Aufnahmen der beeindruckenden isländischen Wildnis bleibt auch diese Folge ein optischer Hochgenuss. Allerdings wirkt der identische Drehort am Ende auch, als wäre die USS Discovery auf dem selben Planeten (Hima) abgestürzt wie Burnham ein Jahr zuvor. Das ist ein wenig schade, denn es hätte sicherlich auch im kühlen Kanada karge, fremd anmutende Landschaften in Polarkreisnähe gegeben und in den Vororten des für amerikanische Verhältnisse nahe gelegen Detroits hätte eine gescheiterte, in Ruinen liegende Industriesiedlung gar eine viel glaubwürdigere Inszenierung gefunden.
Doch selbst wenn es Parallelen in Regisseur und Drehort gibt, ist „Fern der Heimat“ doch kein zweiter Teil im klassischen Sinne, vor allem, weil es sich um einen völlig eigenständigen Plot und eine ebenso eigenständige Entwicklungen handelt, die erst in den Schlusssekunden mit den Geschehnissen der vorangegangenen Folge in eine lose Verbindung gebracht wird. Dass sich die Wege Burnhams und der Discovery so zügig wieder kreuzen ist in diesem Zusammenhang sogar fast ein bisschen schade, denn eine länger andauernde Suche der beiden Parteien in einer unsicheren Zukunft voller Gefahren hätte durchaus ihren ganz eigenen Reiz gehabt.
Es bleibt dieser Episode maßgeblich zugutezuhalten, dass sie weit weniger Dystopie-geladen wirkt, als noch ihr unmittelbarer Vorgänger. Die generelle Marschrichtung wird an Bord der USS Discovery aber auch auf deutlich viel mehr Schultern getragen als zuvor von Burnham allein: Es geht wohl an den kommenden Freitagen vermehrt darum, die gute alte Föderation und ihre freiheitlich-demokratischen Werte wiederherzustellen. Ein klarer Aufwärtstrend bleibt im Zuge dieser Einblicke trotz einiger Momente des leeren Pathos‘ (inhaltlich der Schlussszene von „Ein Zeichen der Hoffnung, Teil I“ erschreckend ähnlich) durchgängig bemerkbar und es erweckt den Anschein, als hätte Christopher Pikes Dienstzeit auf der Discovery ihre tiefen Spuren hinterlassen und der traumatisierten Mannschaft einen Sternenflottengeist eingeimpft, den sich die Crew ganz offensichtlich beim Übergang in eine weit entfernte Zukunft bewahren konnte. Vor allem aber bleibt dieses Motiv nicht auf die letzten paar Sekunden vor dem Abspann beschränkt, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Folge.
Dem entgegen steht die Härte der gescheiterten Zukunft, die ihrerseits mit einer (hoffentlich ironischen und auf diese Episode begrenzten) Westernatmosphäre dagegenhält. Mit Schwingtüren, einem Saloon und klingenden Reitersporen grüßt sie keck in Richtung „Firefly„, „Saber Rider“ oder die Enterprise-Episode „Faustrecht“ und sorgten dafür, dass sich die Lensflares mal etwas besser ins Gesamtbild einfügten als dies sonst der Fall ist.
Auch mit dem Konzept der programmierbaren Materie, die hier erstmals beim Namen genannt wird, wird endgültig der neue technische Standard etabliert, der diese Zukunft dominiert. Spätestens, wenn wir den Minenarbeitern beim fröhlichen Materiehäkeln zusehen, schwingt aufs Neue ein wenig Wehmut ob der verpassten Gelegenheit mit, ein wirklich innovatives Science-Fiction-Konzept für die neunhundert Jahre entfernte Zukunft zu entwerfen, aber in diesem vergleichsweise trüben Umfeld wirkt es immerhin weniger deplatziert.
Obwohl Osunsanmi die Folge (abgesehen von wenigen Abstrichen) gekonnt umsetzen konnte, heißt das noch lange nicht, dass die Folge ohne Längen oder kleinere Makel wäre. So wird der geneigte Zuschauer Zeuge des dramatischsten Öffnens eines Kommunikationskanals der Star-Trek-Geschichte, auch wenn den meisten aufmerksamen Fernseheulen wohl schon längst klar gewesen sein dürfte, dass Burnham geduldig am Ende der anderen Leitung wartet. Andere Momente wirkten hingegen zu überhastet, wie zum Beispiel die Rettung des Außenteams durch Georgiou, die in ihrer Vorhersehbarkeit Parallelen zum Auftritt Burnhams bot.
Schließlich bleibt der Vollständigkeit halber noch zu erwähnen, dass es sich abermals um eine recht ungehemmte Darstellung von Gewalt handelte. Die blutbefleckten Stiefel Georgious, die Fleischfetzen in der Sporenkammer und der Tod Kals fielen jedenfalls nur knapp oberhalb jener Gürtellinie, die mit Ichebs Tod in der Picard-Episode „Keine Gnade“ unterschritten wurde.

Besetzung.
Nach einem Einzelabenteuer für Michael Burnham steht nun die Mannschaft der Discovery im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und gibt dabei besten Anlass zur Hoffnung, dass sie von nun an mehr als nur die bloße Kulisse für die Einblicke in das Leben ausgewählter Hauptfiguren bieten wird.
Allen voran ist der von Doug Jones verkörperte Saru zu nennen, der nach zwei Jahren endlich zum  Captain erwächst. Nahezu staatsmännisch und väterlich erscheint er im Umgang mit seiner Besatzung, den Minenarbeitern der ‚Kolonie‚ und vor allem seinem Außenteam-Protegé Sylvia Tilly. Dass er auch selbst Faust anlegt, als es darum geht, die Ehre der Sternenflotte in einer Kneipenschlägerei zu verteidigen, verleiht der Figur zusätzliche Bandbreite.
Gleiches lässt sich über Mary Wiseman als Tilly sagen. Dieses Mal glückt nämlich die Gratwanderung zwischen Flapsigkeit und Albernheit einigermaßen (so schlittert sie im englischsprachigen Original nur knapp an einer F-Bombe vorbei) und im Verlaufe der Mission entpuppt sie sich tatsächlich als ausgezeichnete Wahl für die Mitgliedschaft in diesem elitären Außenteam – auch wenn sie sich bei der großen Prügelei hinter der Theke verstecken musste.
An Philippa Georgiou hingegen scheiden sich abermals die Geister. Michelle Yeohs Anwesenheit scheint hauptsächlich durch aufwändige Kampfchoreografien definiert zu werden, obwohl sie in einer derlei verrohten Umgebung sicherlich die Art von Ass im Ärmel darstellen dürfte, derer es zur Rettung der Föderation bedarf. Andererseits legen gleich mehrere ihrer Bemerkungen nahe, dass ihr Aufenthalt in dieser Zukunft zeitlich begrenzt sein dürfte und die kommende, aber noch immer titellose Sektion-31-Serie mit ihr in der Hauptrolle schon bald Realität werden dürfte. Dennoch wirkt sie nicht „zwischengeparkt„, sondern rettet antithetisch zum Sternenflottengebaren den Tag.
Anthony Rapp lernt als Paul Stamets in bester Star-Trek-Manier den Wert von Selbstüberwindung zum Wohle vieler, bleibt aber als Ingenieur weit hinter den Erwartungen zurück. Hat er  als Ingenieur denn wirklich für die Öffnung eines Panels, der Entnahme eines kaputten Teils, dem Einsetzen eines Ersatzes und dessen Anschluss an das System die Anleitung Renos benötigt?
Immerhin stimmt die Chemie zwischen beiden.
Tig Notaro nimmt als Jett Reno die Rolle des Ersatz-Counselors an und auch, wenn ihre Methodik etwas fragwürdig ist, gibt ihr er Erfolg am Ende wohl recht. Allerdings scheint ihre spezielle Beziehung zu Stamets ein wenig zu Lasten Hugh Culbers zu gehen. Der hat nach seinen Wiederbelebungsschmerzen der vergangenen Staffel wieder zu sich selbst gefunden, aber es bleibt ein wenig das Gefühl zurück, dass Wilson Cruz im Vergleich zu Nataro etwas weniger im Fokus stand.
Die beste Nachricht für Rachael Ancheril bleibt, dass sie  durch Nennung im Vorspann endlich zu einem Teil der Hauptdarstellerriege aufsteigen konnte. In diesem Zusammenhang gilt jedoch zu hoffen, dass dadurch ein wenig mehr von ihr zu sehen sein wird als noch in dieser Episode. Ihr einzig nennenswerter Dialog mit Georgiou war jedenfalls mit einer nicht sonderlich vielschichtigen Motivation zum Verbleib an Bord der Discovery verbunden.

Zudem kann der Zuschauer ein Wiedersehen mit den vielen anderen Crewmitgliedern feiern, die man im Verlauf der Serie schätzen gelernt hat. Dabei ist auffällig, dass die Schauspieler von Figuren wie Rhys (Patrick Kwok-Choon), Bryce (Ronnie Rowe Jr.), Owasekun (Oyin Oladejo), Linus (David Benjamin Tomlinson), Nilsson (die erste Airiam-Darstellerin Sara Mitich), Dr. Pollard (Raven Dauda) und allen voran Detmer (Emily Coutts) mehr Text als in der gesamten Staffel zuvor auswendig lernen mussten. Mit dem Namen Keyla Detmers verbunden ist mit dieser Episode zudem eine mysteriöse Spätfolge des Absturzes, die in kommenden Folgen noch näher beleuchtet werden dürfte. Hoffen wir an dieser Stelle einmal, dass der laut David Mack gebürtigen Düsseldorferin ein ähnliches Schicksal wie ihrer verblichenen Kameradin Airiam erspart bleibt.
Abseits dieses Personenkreises gibt es noch einige Charaktere, die bestenfalls der Vollständigkeit Erwähnung finden sollten.
Der von Jonathan Koensgen verkörperte Coridaner Kal bleibt ein verklärtes Bauernopfer und auch sein von Lindsey Owen Pierre gespielter Kollege Os’ir wandelt sich ein wenig plötzlich vom Saulus zum Paulus.
Das alles ist aber nichts gegen Zareh, der einmal mehr unter Beweis stellt, wie wenig Bösewichte und Star Trek unter einen gemeinsamen Hut passen. Zwar gaben sich die Drehbuchautoren ein wenig Mühe, ihm Attribute wie Cleverness anzueignen, aber am Ende des Tages blieb er trotz der sichtlich engagierten Darstellung durch Jake Weber so flach und eindimensional, dass man sich echt fragen muss, wie er überhaupt die Macht auf dieser Welt an sich reißen konnte. Spätestens ab dem Moment, in dem er eine sexistische Bemerkung über Georgiou zum Besten gibt, scheint sein Schicksal besiegelt. Immerhin bleibt seine Rückkehr dank des Gnadenerlasses in bester Sternenflottentradition nicht ausgeschlossen, so dass er eventuell in zukünftigen Folgen diesen ersten Eindruck revidieren kann.
Den Schlussakkord dieser Folge beschert uns Michael Burnham, die zwar endlich nach einem Jahr wieder mit ihren Freunden vereint ist, aber deren Ankunft vor allem wegen ihrer Extensions in Erinnerung blieb (die sicherlich aus Materie programmiert wurden). Ansonsten erscheint ihr Auftritt in seinem Umfang eigentlich zu gering, um ihn zu bewerten. Dennoch sei an dieser Stelle ausdrücklich betont, dass ihr Auftauchen auch ein Zeichen der Hoffnung ist: Es weckt dank der hier zur Schau gestellten Teamleistung nämlich Spannung darauf, was alle Mannschaftsmitglieder erst erreichen können, wenn sie zusammen arbeiten.

Kritikwürdiger Aspekt.

Kanonbrüche und Logiklöcher.
Bevor an dieser Stelle das große Schimpfen beginnt, gilt es zunächst einmal einige Punkte explizit zu loben.
Mit dem Gastauftritt von Coridanern wird nach Auftauchen eines Betelgeusianers in der vorherigen Folge eine weitere traditionsreiche Star-Trek-Spezies aus ihrem Schattendasein befreit. Wie in „Ein Zeichen der Hoffnung, Teil I“ zuvor ist die Generalüberholung der Maske auch in diesem Fall überaus gelungen, zumal es im Bezug auf die auch als „Coridaniten“ bekannten Wesen, die in  den Enterprise-Folgen „Im Schatten von P’Jem“ und „Dämonen“ recht unterschiedlich dargestellt wurden, einigen Klärungsbedarf gab.
Besondere Erwähnung muss an dieser Stelle auch das Zitieren der Sternenflottenvorschrift 256.15 finden (vgl. Denkwürdige Zitate), denn sie stammt im Original aus dem nie auf Deutsch erschienenen Star-Trek-Roman „Vulcan’s Forge„.
In anderen Bereichen bleibt die Grundidee zwar recht gut, wurde aber zu oft nicht konsequent zu Ende gedacht.
So ist die Kommunikation ein vergleichsweise unwichtiges System, auf das ein wenig zu viel Aufmerksamkeit gelegt wird. Schließlich wäre ein Besuch der ‚Kolonie‚ auch noch mit Shuttle oder Transportern möglich und Renos Kommunikation mit Stamets über PADD und Drohne beweist, dass es alternative Kommunikationsmöglichkeiten gibt, die man so lange schiffsintern nutzen könnte.
Der Gedanke, dass zellulare Regeneration in der TOS-Ära fast einen eigenen Raum benötigt, während ein Geweberegenerator zu TNG-Zeiten bequem in eine Hand passt, ist gleichermaßen lobenswert, aber wenn man wenige Einstellungen später sieht, wie zur Beseitigung von Kadaverresten Schaufeln verwendet werden, obwohl selbst ein Phaser bessere Arbeit geleistet hätte, wirkt dieser Fortschritt ein wenig bemüht.
Auch die Idee, den Begriff „V’draysh“ für die „Föderation“ aus dem Short Trek „Calypso“ zu übernehmen und ihn in eine Verbindung mit einer Pidgin-Sprache zu stellen ist schlichtweg genial. Schließlich wäre es extrem unglaubwürdig gewesen, wenn sich die Sprache in neunhundert Jahren und im Hinblick auf die Isolation nicht maßgeblich weiterentwickelt hätte. Aber dass eine so sehr mit dem eigenen Vokabular verwandte Variation vom Universalübersetzer scheinbar nicht erkannt wird, straft die Bezeichnung des Gerätes lügen (obwohl man mit viel Augenzudrücken natürlich auch behaupten kann, dass das System mit dem Ausfall der Kommunikation ebenfalls nicht mehr funktionierte).

Ebenso schön ist im Grunde, dass Rubindium in einen schlüssigen Kontext zur Wahl des zentralen Rohstoffes dieser Folge gemacht wurde, denn das bereits bei TOS etablierte Material stand schon damals mit der Kommunikation in Verbindung. Aber der Transtator, in dem das Element (zu welchem Zweck auch immer) verbaut ist, zählt zu den typischen Teilen, die ein gut sortiertes Ersatzteillager eines jeden Sternenflottenschiffes in mehrfacher Ausführung vorrätig haben sollte – vor allem, wenn es so leicht beschädigt werden kann.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Absturz der Discovery auf der vereisten Oberfläche, der in seiner Gestalt an den siebenten Kinofilm und – noch ein wenig mehr – an die Voyager-Episode „Temporale Paradoxie“ erinnert. Im Gegensatz zu Discovery zeichnete die anderen beiden Fälle allerdings aus, dass es zu stärkeren Beschädigungen kam, denn es mutet zumindest etwas verwunderlich an, dass die Discovery diese Bruchlandung so glimpflich überstehen konnte, während ihre modernen Geschwister nicht mehr aus eigener Kraft starten konnten. Am peinlichsten blieb hinsichtlich dieses Ereignisses allerdings, dass im Anschluss sämtliche Brückenoffiziere wie ältere deutsche Passagiere eines Ryan-Air-Mallorca-Fluges nach dessen erfolgreichen Landung fröhlich Beifall klatschten.
Daneben gab es schließlich auch ein paar erzählerische Abkürzungen, die einfach überhaupt keinen Sinn ergeben.
So bemüht der erschreckend harmlose Absturz auch war; der Umstand, dass die Discovery zuvor durch einen derart großen Gesteinsbrocken hindurchfliegt als wäre es Zuckerglas, wäre schon bei voller Schildstärke absolut unsinnig gewesen.
Zudem propagiert man schon wieder die haltlose Behauptung, dass Dilithium ein exklusiver Bestandteil von Warpfähigkeit sei.
Und dann ist da noch die auffällig beiläufige Aussage, dass das Sehspektrum der Saurianer etwa hundert Mal weitreichender als das von Menschen sei (die maximal 740 Nanometer abdecken können). Nachdem schon Saru in den letzten beiden Staffeln zu einem Sammelbecken von außergewöhnlichen Fähigkeiten (Gefahrenganglien, Dartpfeile, erhöhte Laufgeschwindigkeit, besseres Sehvermögen) geformt wurde, ist nun der Staffelstab scheinbar an Linus übergegangen.
Die mit Abstand diskussionswürdigste Idee bleibt jedoch das Konzept des parasitäres Eises.
Auf welche Weise war es parasitär?
Es hat keine Energie aus dem Schiff gesaugt, keine Mineralien geraubt und die Discovery in keinem Moment dem eigenen Vorteil zuliebe ausgenutzt. Es wird nicht einmal spezifiziert, wie das Eis in der Lage ist, dem größtenteils auch noch nach Sonnenuntergang freiliegende Schiff so zuzusetzen.
Die Erklärung scheint einfach: Es war schlichtweg ein schlecht ausgedachtes Handlungselement mit dem einzigen Zweck, dass Michael Burnham wie die Kavallerie herbeieilen konnte, um ihre alte Mannschaft zu retten, die trotz guter Ansätze ansonsten verloren gewesen wäre. Ein ärgerlicher Schachzug, denn er reduziert den eigentlichen Reiz der Folge abermals auf ein altbekanntes Muster: Das Universum, die Föderation und vor allem die Discovery stehen allesamt im Schatten Michael Burnhams.

Synchronisation.
Schon wieder gibt es ein sinnvolles Siezen und Duzen! Während etwa Owosekun und Detmer sich auf der Brücke problemlos auf sehr persönliche Weise ansprechen, bleibt Saru als Führungsoffizier verständlicherweise bei der Höflichkeitsform. Und während Zareh seine coridanischen Opfer mit ‚Du‚ anspricht, herrscht zwischen den Minenarbeitern und den Sternenflottenoffizieren ein ungleich respektvollerer Ton.
Nur in jenen Momenten, in denen der Bösewicht dieser Episode Saru oder Tilly anspricht, wechselt er aus irgendeinem Grund zwischen beiden Formen hin und her. Mit viel Mühe kann man das allerdings auch als Mittel zum Zweck ansehen, denn in diesen Interaktionen versucht er an die Kooperationsbereitschaft der beiden zu appellieren.
Ansonsten duzen sich natürlich Stamets und Culber gegenseitig, während Georgiou sich dies scheinbar vor allem für Personen aufhebt, die sie im Verlauf der weiteren Handlung umzubringen gedenkt. Auf jeden Fall gelangt auf diese Weise ein wenig mehr Vertrautheit in die deutsche Synchronisation, was ebenfalls entscheidend dazu beiträgt, die Besatzung nahbarer erscheinen zu lassen.
Davon ab gibt es ein paar Kosenamen aus dem Munde Renos, die sich nur schwer ins Deutsche übertragen lassen. Aber dass aus „Mr. Hazmat“ hier „Mr. Biotonne“ und aus „cranky pants“ ein „Miesepeter“ wird, geht völlig in Ordnung. Einzig und allein bei „bobcat„, das im Deutschen (wohl nach dem Rapper aus den Neunzigern) „Papa Bär“ umgewandelt wird, bleibt gewöhnungsbedürftig.
Eine Erwähnung ehrenhalber gilt auch dieses Mal dem Besitzer des kleinsten Star-Trek-Museums, David-Hurst-Preisträger und Synchronsprecher Benjamin Stöwe, der Hugh Culber seine Stimme leiht.

Fazit.
Nach dem Staffelstart greift nun auch endlich die USS Discovery ins Geschehen ein. Und das auf beeindruckende Weise: Mit einem spektakulären – wenn auch nicht sehr glaubwürdigen – Absturz zwingt sie die Crew zur Zusammenarbeit, während es Saru und Tilly in Rekordzeit gelingt, erste Verbündete zu finden. Der Star der Folge ist die Mannschaft des Schiffes, die sich aufmacht, mit guten schauspielerischen Leistungen, Teamarbeit und einem ungetrübten Sternenflottengeist das Gesicht der Zukunft zu verändern.
Getrübt wird dieses Bild allerdings von vielen Ideen, die nicht zu Ende gedacht wurden, einem unnötigen Hang zur Brutalität und einem Folgenende, dass den mühsam erarbeiteten Fortschritt der Schiffsbesatzung durch den Rückfall in alte Erzählmuster innerhalb der letzten paar Sekunden völlig ad absurdum führt.

Bewertung.

Unnötiges Eigentor Sekunden vor dem Abpfiff.

Schluss.

Der größte Pluspunkt von „Star Trek: Discovery“ ist, dass es – allen Unkenrufen zum Trotz – eine Star-Trek-Serie mit einer unbestreitbaren Existenzberechtigung ist. Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, dass die Serie wichtig ist für den Kanon, auch wenn sie ihn hin und wieder durch ‚friendly fire‚ torpedieren mag.
Ihr Wert liegt z.B. auch darin, dass es die erste Star-Trek-Serie ist, in der ein homosexuelles Paar zur Hauptdarstellerriege zählt. Es ist die erste Serie mit einem Außerirdischen als Captain eines Sternenflottenschiffes. Und Michael Burnham ist nach einem schwarzen männlichen Stationskommandanten und einer weiblichen Kapitänin eine durchaus logische Wahl für den Platz direkt im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Vor allem aber gibt es zahlreiche Personen, für die „Star Trek: Discovery“ das ist, was für andere TNG, DS9 oder Voyager war: Die erste Star-Trek-Serie, mit der sie in Berührung gekommen sind. Oder zumindest die erste Serie, in der sie sich selbst repräsentiert finden; egal ob es farbige, weibliche Sternenflottenoffiziere wie Burnham betrifft, homosexuelle Charaktere wie Reno und Stamets oder intelligente Frauen, die nicht hundertprozentig dem übertriebenen Idealbild magersüchtiger Topmodels entsprechen wie Tilly.
Insofern ist es natürlich in Ordnung, wie bei allen anderen Star-Trek-Ablegern inhaltliche Kritik zu üben. Oder einige der Designentscheidungen zu kritisieren. Oder ihre Fehler den Kanon oder die generelle Glaubwürdigkeit betreffend zu bemängeln. Dass „Discovery“ aber ein wichtiger, zeitgenössischer Beitrag zu Star Trek ist, steht außer Frage und auch wenn sich der eine oder andere nicht immer an das erinnert fühlen mag, was er einst mit der Franchise verbunden hat, gilt es zu bedenken, dass für andere das Gegenteil der Fall ist. Und gerade im Hinblick auf die beständig wachsende Anzahl von Star-Trek-Serien bleibt für jeden Fan auch stets mindestens eine Produktion übrig, die seinen eigenen Ansprüchen genügt. Wenn wir das gleiche Recht auch allen anderen respektvoll eingestehen, sind wir tatsächlich ein Stückweit näher an jener Gesellschaftsutopie, die Gene Roddenberry dereinst für eine weiterentwickelte Menschheit vor Augen hatte.

Denkwürdige Zitate.

Ja, wir sind zur Zeit vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, aber wir sind zusammen und noch am Leben.“
Saru

Ähm, da kleben noch Reste von Leland an ihren Schuhen…“
Sylvia TIlly

T-Shirt wird mit Bindestrich geschrieben…“
Hugh Culber

Holen wir das Kommandotrainingshandbuch oder kommen Sie auch so irgendwann auf den Punkt?
Philippa Georgiou

Wir werden unsere Glaubenssätze nicht über Bord werfen!
Saru

Saru will das wir in Teams arbeiten und offenbar gilt ‚wer atmen kann, kann auch arbeiten‘. Falls Ihnen also nicht Mr. Biotonne hier helfen soll, der nach der Sporenkammer noch Gang ünf reinigen muss…“
M-Mein Name ist Gene…“
Das vergesse ich ja sowieso wieder…“
Jett Reno und Gene

Tut mir leid, Sir, wenn ich Angst habe rede ich immer viel.
Ich weiß.
Tilly und Saru

Bürokratie ist der Tod von allem Spaß.
Georgiou

Sterneflottenvorschrift zwo fünf sechs Punkt eins fünf: Offiziere sollen sich jederzeit so verhalten wie es sich für einen Offizier geziemt. Deshalb flippen wir auch gerade nicht aus, obwohl uns Fremde einen Phaser vor die Nase halten. Aber das macht mir total Angst, also könnten Sie bitte die Waffen runternehmen und – keine Ahnung Sie uns ihren Namen sagen, damit Sie keine Fremden mehr sind?
Tilly

Was Du Schmerz nennst, nenne ich Vorspiel.“
Georgiou

Hugh? Danke! Jett? Danke für garnichts!
Immer wieder gern, Papa Bär!
Papa Bär?
Keine Ahnung, ich bin auf Drogen.
Paul Stamets, Reno und Culber

Willkommen in der Zukunft!
Os’ir

Season 2

Besprechung Episode 16
Besprechung Episode 17
Besprechung Episode 18
Besprechung Episode 19
Besprechung Episode 20
Besprechung Episode 21
Besprechung Episode 22
Besprechung Episode 23
Besprechung Episode 24
Besprechung Episode 25
Besprechung Episode 26
Besprechung Episode 27
Besprechung Episode 28
Besprechung Episode 29

Season 3

Besprechung Episode 30

Sebastian Blasek (auch als Turon47 bekannt) ist in selbst seinen späten Dreißigern noch immer ein großer Star-Trek-Fan, nachdem er 1988 das erste Mal “Raumschiff Enterprise” im Westfernsehen sehen durfte. Aufgewachsen in einem Staat den es nicht mehr gibt, wohnt er heute in Potsdam, wo er Deutsch und Geschichte studiert hat. Der anglophile Fußballfan schreibt in seiner spärlichen Freizeit Artikel für die Star-Trek-Tafelrunde “Hermann Darnell” und schläft am Wochenende gern aus.

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