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„Schau aber, dass du nicht fett wirst…“

Wenn man schwanger ist wird man primär auf den Gesundheitszustand angesprochen, sekundär auf das Gewicht. Schon am Tag, an dem ich die freudige Nachricht über den Nachwuchs verkündet hatte, wurde ich konfrontiert mit: „Schau aber, dass du nicht fett wirst und nicht einfach alles in dich reinstopfst.“ und „Du weisst aber, dass du nicht für Zwei essen musst.“ Später dann vermehrt: „Pass auf, dass du nicht noch mehr zunimmst“ und „Wie viel hast du schon zugenommen?“ „Isst du auch gesund?“ „Ich hab Angst davor fett zu werden.“, „Disziplin ist alles.“ „Ich hab mir schon gedacht, dass du schwanger bist, wegen dem aufgedunsenen Gesicht.“

Man müsste eigentlich davon ausgehen, dass eine erwachsene, geistig normal entwickelte Person, gesunde von ungesunder Ernährung zu unterscheiden weiss, im Stande ist die Anzeige auf der Waage zu interpretieren und sich an die Empfehlungen vom Arzt zu halten – demnach also keine Ermahnungen von überall nötig hätte, wenn es um ihre Kalorienaufnahme geht.

Als Schwangere ist man nicht nur Zielscheibe für Mütter, die gerne detailliert über ihre negativen Erfahrungen schwatzen und diese somit gleich verarbeiten – man ist auch Zielscheibe für all diejenigen, die andere gerne degradieren indem sie auf deren „Schwächen“ aufmerksam machen, um sich erhaben zu fühlen oder ihre eigenen Unsicherheiten zu überspielen. Man erwartet von einer Schwangeren „perfekt“ zu sein, schafft es aber selbst nicht aufzuhören mit dem Rauchen, Saufen, Spielen, Medikamenten-Spicken oder Selbstbefriedigen auf der Büro-Toilette und dem danach nicht-Händewaschen. Es war schon immer so: Was äusserlich ersichtlich ist, lässt sich einfacher angreifen.

In einer Zeit, die eine der schönsten und herausforderndsten des Lebens sein sollte, wird man zusätzlich immer wieder mit einer negativen Oberflächlichkeit konfrontiert, die bezeichnend ist für unsere Social Media geprägte, auf die Optik fokussierte Gesellschaft.

Ich sehe mich nicht als besonders unsicheren, sehr körperfixierten Menschen, doch begann auch ich mich in dieser nicht immer einfachen und verwundbaren Phase, nach all den Kommentaren, zu belasten mit obsessiven Gedanken über mein Äusseres. Ob ich zu viel zugenommen habe, ob ich weiter unkontrollierbar zunehmen werde, ob ich jemals wieder meinen alten Körper zurück bekäme, was mit den Schwangerschaftsstreifen zu tun sei oder etwa, was mich erwarten würde, nachdem das ganze Volumen überall weg sei. Völlig unsinnige Fragen, mit denen es sich nicht lohnt seine wertvolle Zeit zu verschwenden und somit der Allgemeinheit nachzugeben, deren Hauptbeschäftigung darin besteht zu urteilen und zu beurteilen. Weshalb stehe ich anderen das Recht zu mich zu kategorisieren und zu verunsichern?

Die Schwangerschaft fordert einen auf unzählige neue Arten heraus. Sie bringt Unsicherheiten, Ängste, Gefühlsschwankungen, Erfahrungen, Wissen, Fakten, Unbekanntes, Unerwartetes, enorme körperliche Veränderungen sowie natürlich auch Freuden und Glücksgefühle mit sich. In einer Phase, die der Frau seelisch und körperlich viel abverlangt und Grosses hervorbringt, ist es doch lächerlich sich auf gedankenloses, einfaches Geschwätz reduzieren zu lassen.

So verschieden wie wir sind, so verschieden reagieren unsere Körper in der Schwangerschaft. Der einen ist so übel, dass sie abnimmt, die Andere kann sich nicht halten vor Gelüsten, Dritte lebt normal weiter und arbeitet bis zum Schluss, die Vierte muss Monatelang liegen bleiben, weil der Körper mit der Veränderung nicht nachkommt, Fünfte ist so aufgequollen von Wassereinlagerungen, dass sie sich selbst nicht mehr erkennt.

Unsere Körper vollbringen Höchstleistungen. Sie schaffen neues Leben und lassen dieses an sich zehren mit der Intention, es möge ein Gesundes werden.

Wir müssen nach der Geburt auf keinen Fall gleich wie vorher aussehen! Weil wir nicht mehr die Gleichen sind! Weil wir Fleisch und Blut und Milliarden von Zellen erschaffen und entwickelt haben, weil wir aus bedingungsloser Liebe alles von uns gegeben haben! Was für ein unglaublicher Kraftakt! Welch Wunder der Natur! Darauf sollten wir nichts anderes als stolz sein.

Beginnen wir unsere wunderbaren Momente zu geniessen, statt uns mit gesellschaftlichen Konstrukten herumzuquälen, die uns und unserem Umfeld nicht gut tun. Tragen wir nicht mehr bei zu diesem Wahnsinn, der uns dieses eine, wundervolle Dasein schwer macht. Falls wir beschliessen an uns herumoptimieren zu wollen, dann ist dies einzig und alleine unsere Entscheidung, die unabhängig von der Meinung Anderer gefällt werden sollte.

Spätestens in der Schwangerschaft ist es an der Zeit, dass wir damit aufhören irgendwelchen Idealen nachzueifern und beginnen unseren Körper richtig zu liebkosen, ihm danke sagen dafür, dass er uns tagtäglich trägt und sogar im Stande ist uns ein Kind zu schenken – die grösste Liebe unseres Lebens.

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Jelena Keller

Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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