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Irgendeine wahre Geschichte aus dem Irgendwo – Teil 4

Irgendwann habe man keine Angst mehr vor dem Tod, sagt Ivo. Ob er nun von einem Kriminellen vor dem Club erschossen wird oder in seinem Mietkeller krepiert. So könne er wenigstens geniessen und auf der Seite der Starken stehen. Derer, die über Achtung, Materialismus, leichte Mädchen und Respekt verfügten. Er beschützte die Bösen beim Feiern, später dann beim Geld Eintreiben. Man vergibt illegal Kredite an gewöhnliche Menschen, mit Zins versteht sich. Zahlen sie nicht pünktlich, macht er ihnen Angst. Wenn es sein muss, schlägt er zu. Hier und da ein paar Kröten mehr sind nützlich, vor allem, wenn man sich unvorhergesehener Weise beim Arzt behandeln lassen muss. Irgendwann schlafe man wieder gut.  „Fressen oder gefressen werden. In unserem korrupten, kaputten System existiert nichts anderes.“

„Wieso denkst du, sind bei uns alle so angepasst und brav im System integriert“, frage ich. –„Weil ihr schon immer das gleiche System hattet, an das ihr euch schon in der Schule anpassen musstet. Der Wohlstand hält die Kriminalität in Grenzen. Wenn ihr Materielles wollt, gibt es immer Möglichkeiten dazuzuverdienen, niedrigere Arbeitslosenrate. Wenn ich mir einen Nebenjob suche, verdiene ich 50 Euro im Monat dazu. Die Preise hier sind aber sind mit denen in Deutschland zu vergleichen. Wir haben seit dem Sozialismus nach Möglichkeiten suchen müssen uns durchzuschlagen. Ein Geschäften hier, ein illegales, kleines Ding da. Jemand der sich durchzuschlagen weiss, wird hier als fähiger Typ angesehen. Genauso wie bei den Arabern, wenn einer der Lügen und verkaufen kann. Deswegen würd ich nie auswandern. Wir sind zu verschieden. Auch wenn viele Qualifizierten ausgewandert sind, solange sie noch konnten. Viele Jungen fühlen sich auch verantwortlich ihre Heimat wieder aufzubauen irgendwie.“ „Ja“, sage ich. Und erinnere mich daran, wie ich bei einem früheren Arbeitgeber, einer Grossbank, Stifte und Blöcke fürs Studium klaute und nie ein schlechtes Gewissen deswegen hatte. Man nimmt anspruchsberechtigt von denen, von denen man denkt sie hätten sowieso im Überfluss.

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Jelena Keller

Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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