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Checkpoint Alexander-Zero-Zero-Five

«Du hättest zuhören sollen, wenn jemand Afghanistan sagt, es könne ja sein, er meint Afghanistan!» Mike war sauer. Er hatte sich noch immer nicht abgeregt, obwohl wir New York vor sechs Stunden verlassen hatten und noch immer über dem Nordatlantik schwebten. Ich hätte auch zuhören sollen, als Tom «Donald Trump» gesagt hatte, denn so toll war das auch nicht gewesen. Während Don für die Welt ein lustiger Kasper war und den Webseiten Clicks brachte, war er in den Carolinas ein Trottel, der kaum eine Frage beantworten konnte und in Oklahoma und in Minnesota war er immer noch ein Idiot geblieben.

Mike drehte einen doppelten Wodka zwischen den Handflächen und würde mir wohl bald Vorwürfe wegen Russland machen. Stimmt, ich hätte auch zuhören sollen, als jemand «Moskau» sagte, auch das Wort «Putin» hätte ein Fingerzeig sein können. Die Nichtraucher-Scheisse am Flughafen half unserer Moral auch nicht. Aber das Qualmen würde in Afghanistan dann kein Problem mehr sein. Während in Kabul sonst fast nichts ging, ging rauchen dort immer. Egal was.

Die Sache mit Trump war nicht mein Fehler gewesen. «Du hättest ihn einfach nicht diese Dinge fragen sollen», meinte Mike. Während er als Produzent weit wichtiger war als eine niedrige Reporterin wie ich, so hätte er eigentlich wissen müssen, dass wir nichts anderes tun konnten als nach der Steuererklärung fragen oder danach, warum der gute alte Don immer noch behauptete, Obama sei kein Amerikaner.

 «Lügenpresse»

Jetzt flogen wir als «Lügenpresse» auf dem Weg nach Afghanistan ein, um dort bei einem Erfolg unserer Truppen dabeizusein Nicht, dass wir besonders optimistisch gewesen wären, schliesslich hatte die Army Osama bin Laden im Gebirge nicht geschnappt, als er sich buchstäblich hinter einer Stämmen mit Pferden und alten russischen Gewehren verschanzte. Diesmal wollten sie den «Scheich» erwischen, um damit nicht zuletzt die Bewaffnung unserer guten alten Freunde, der Taliban, zu rechtfertigen.

Hätte ich nicht wirklich so dringend eine Zigarette gebraucht, so hätte ich schon auf dem Rollfeld von Hamid Harzaij angefangen zu weinen. Kabul. Wenn hier nicht alle wahnsinnig wären, so wäre es eine der schönsten Städte überhaupt. Im Tal gelegen von rauhen, schroffen Bergen umgeben, trieb einen diese vergebliche Schönheit Kabuls die Tränen in die Augen. Im Interconti wimmelte es schon von Kindersoldaten, I-Phone-Journalisten, die nicht den leisesten Schimmer hatten, was sie eigentlich taten, sich aber dafür umso mehr darauf einbildeten.

Mike hing etwas durch, kein Wunder, nach all dem Wodka. Tatsächlich hatte ich selbst auch gute Lust, endlich einen hinter die Binde zu giessen. «Natalie», brüllte es hinter einer Marmor-Säule hervor. Gute Güte, heilige Scheisse. Sie hatten wieder die wahnsinnige Lesbe von der BBC losgelassen. Mein Produzent war weg. Nach oben. Hatte sich wohl hingelegt. Zu recht, schliesslich war es anstrengend sich über sechzehn Stunden lang zu beklagen. «Luisa!» heuchelte ich, auf den Aufprall der gesamten BBC auf meinem Brustkorb gefasst. «Ist es nicht aaaauuuufffffregend?»

«Das erste Mal hier?», murmelte ich nicht besonders interessiert. Ich hätte wirklich zuhören sollen, als sie «Afghanistan» gesagt hatten.

Filmriss 

Normalerweise ist es nicht das schlechteste eine Reportage mit einem Filmriss zu beginnen. Seltsam nur, dass sich die Laken in meinem Bett bewegten. Seltsam nur, dass die Polterei an der Türe nicht aufhörte. Warum konnte er mich nicht auf leisen Sohlen holen, der Tod. Nein, er tat es nicht. Im Gegenteil er sprach neben mir und war eine Frau. Mir schwante schlimmes, sie bewegte sich noch ein zwei Mal und robbte unter der Decke hervor. Ich packte ein Kissen, legte es mir aufs Gesicht. Aber da ging die BBC schon auf Sendung. «Wow», sagte die BBC, es sei aufregend. Sie war jung, sah mit offenen, wirren Haaren eigentlich ganz toll aus. Aber eben. Ich nahm das Kissen weg und murmelte irgendetwas. Luisa offenbar schon gut zu Fuss, hüpfte aus dem Bett und riss die Zimmertüre auf.

Mikes blöder Blick auf die nackte BBC, die ihn wahrscheinlich mit einem «aaaauuufffrrrreeegend» anlächelte, verpasste ich nur ungern, aber ich hatte einfach nicht die Kraft. Was für eine Scheisse hatte ich da wieder angerichet? «Das ist die Army. Die warten nicht!», sagte er von der Tür. Wodka war kein langes Wort, aber ich brachte es nicht hinaus. Luisa dagegen hüpfte in ihrer ganzen nackten Pracht durchs Zimmer. Wie zum Teufel waren wir in meinem Bett gelandet?

Unterdessen war Mike dabei die Mini-Bar zu suchen. Er hatte verstanden. Vielleicht hatte er vergessen, wem unsere Truppen in ihrer grenzenlosen Weisheit die Macht übergeben hatten. Es waren Typen mit Bärten. Typen, die keine Freude an Alkohol hatten. An Frauen auch nicht so recht. Und an besoffenen Weibern, die es miteinander im Interconti trieben, schon gar nicht.

«Was macht ihr eigentlich, hier Natalie?», fragte er hilflos als er bemerkte, dass nur Softdrinks im Kühlschrank waren. Keine Ahnung nach was es für ihn aussah. Aber nicht jeder Fernsehproduzent konnte der hellste Produzent sein. Auch wenn sie es alle meinten. Alle.

Die BBC störte das alles nicht. Sie hüpfte weiter im Zimmer herum und kümmerte sich auch nicht weiter um mich. Einen kurzen Moment lang erlaubte ich mir die Illusion, dass wir nichts gemacht hatten, die Idee, dass wir zwei Mädels gewesen waren, die einfach etwas unschuldige Wärme gesucht hatten. Niemals sollte man solche Gedanken denken. Die BBC wäre nicht die BBC, wäre sie nicht sendungsbewusst. Und Luisa ging drauf, voll drauf: «Duschen, ich kann doch duschen gehen, das brauche ich jetzt, nach allem, was wir gemacht haben.»

Geile Nacht

Mike rüttelte am Kühlschrank, in dem wahrscheinlich seit Jahren kein Alkohol mehr dringewesen war. Er sagte mit langem Gesicht: «Nach allem, was ihr gemacht habt? Nach allem?» Mike musste das «allem» nicht einmal betonen. Es war alles gesagt. Die BBC dagegen erklärte und dafür war sie ja schliesslich da: «Das war jetzt einmal eine geile Nacht, das war jetzt heiss …» Mir fehlte die Kraft, sie zu erschiessen. Luisa sagte es nicht zu mir. Sie sagte es zum Zimmer, zum Interconti, sie sagte es den verdammten Taliban, die das ganze verdammte Afghanistan mit Madrassas überzogen, den Mädchen natürlich fast keine Bildung gaben, und die jetzt wirklich nicht die allerbeste Meinung von notgeilen Weibern hatten, die einfach mal aus Lust und Laune zusammen aufs Zimmer gingen.

Die Kindersoldaten hatten das I-Phone schon im Anschlag, als wir alle zusammen vor dem Interconti in die Jeeps gepfercht wurden. Sie dokumentierten den Hangar am Flughafen, filmten das Toilettenpapier auf dem Millitärklo. Sie waren «heiss», sie waren «live», sie waren «on» und ehrlich gesagt völlig weggetreten. Unser Kamerateam und der Übersetzer waren in Ordnung. Nur Luisa hatte ein ähnlich grosses Team dabei und Roberta Robin, die offensichtlich das Geld brauchte und die jetzt für das Deutsche Fernsehen arbeitete.

Die Army ist die Army. Darum hatte sie drei ihrer ältesten Frachtmaschinen aus dem Hangar gerollt und war bereit, uns mit diesen an einen Ort der Checkpoint Alexander-Zero-Zero- Five hiess auszufliegen. Spielte keine Rolle wie der Ort hiess, er würde sich nicht von anderen steinigen Gebieten im Hinterland Afghanistans unterscheiden. Keine Superpumas, sondern irgendwelche fliegenden Antiquitäten. Es würde richtig rumpelig werden. Die Army mochte, was sie mochte. Und sie mochte kotzende Reporter.

Zusammengesunken

Wir ruckelten durch die Lüfte. Ich war eingeklemmt zwischen Roberta Robin, die immer wieder einen Schluck aus dem Flachmann nahm und Luisa, die etwas grünlich um die Nase geworden war. Der Moment schien gerade etwas weniger aufregend. Kein Problem, in der Rüttelmaschine konnte man sich höchstens anbrüllen. Die Information war schon besser gewesen. Wir hatten keine Ahnung wie lange es bis Alexander-Zero-Zero-Five oder was dauern würde. Zusammengesunken wünschte ich mir erneut einen schnellen Tod. Aber ein zäher Faden hielt mich am Leben.

«Wie sehe ich aus?», brüllte die BBC.

«Was?», brüllte Roberta Robin.

«Sie fragt, wie Sie aussieht», brüllte ich zu Robin.

«Hat sie eine Ahnung, wo wir hinfliegen», brüllte mich Robin an. Ich verlor mich einen Moment. Im Grunde sah Luisa aus wie ein Engel. Sie hatte dunkelbraune Haare, ihre Haut war glatt und ihr Körper war, so weit ich mich erinnerte, schnittig und weich gewesen. Heilige Mutter Gottes, ich war mit der BBC im Bett gelandet.

«Soll ich ihr erklären, dass wir in Kriegsgebiet fliegen und es keine Rolle spielt, wie sie aussieht?», brüllte mich Robin an.

Lippenbewegungen

Unsere Kamerateams und Übersetzer hatten angefangen zu beten. Auf jeden Fall wiederholten sie alle die gleichen Lippenbewegungen. Auf den Bänken im Frachtraum sah man nicht hinaus, dafür wurden wir alle fleissig hin- und hergeworfen. Plötzlich lag ein Zischen in der Luft, es ging ziemlich nahe an unserer Maschine vorbei. Jäh drehte der Pilot ab. Ein Soldat kam aus dem vorderen Teil herbeigerannt. Es zischte wieder, Roberta sprang auf und versuchte zum Fenster zu kommen. Mit dem zweiten Manöver taumelte das Flugzeug auf die andere Seite und sie krachte würdelos auf ihren Hintern.

Ich beugte mich über Luisa, robbte etwas über ihre Oberschenkel, versuchte mit ausgestreckten Händen Roberta zu uns hin zu ziehen. Unterdessen bewegten sich die Lippen der einheimischen Teams nicht mehr. Erstarrt glotzten sie uns an. Sie ahnten, was gerade losging. Roberta rutschte weg, auf die andere Seite, wo Mike, der sie als gealterte Legende verachtete, versuchte sich vor dem Aufprall der Reporterin zu schützen.

Während meine Hände ins Leere griffen, Roberta viel zu schnell weiterrutschte nutzte die BBC die Gelegenheit, um kurz meine Brüste gründlich zu erforschen.

«Raketen, verdammte Boden-Luft-Raketen», fluchte Roberta.

«Die erledigen uns wie im Mittelalter.» Sie wusste, eine Frachtmaschine hat keine Abwehrmassnahmen. Der Pilot konnte nur verzweifelt versuchen auszuweichen. Die Army hätte Hubschrauber und diese Kriegsmaschinen wären nicht weit. Aber selbst das Mittelalter landet mal einen Treffer. Meine Augen trafen Mike: Es war klar. Ich hätte zuhören sollen, als jemand am Sitzungstisch «Afghanistan» gesagt hatte.

«Hochgebirge», brüllte Roberta. «Lass meine Titten los und hilf mir, die Frau rüberzuziehen», brüllte ich. Aber die Reporterin war schon auf einem Soldaten gelandet, der sie auch nicht halten konnte, als wir ein weiteres Mal heftig abschmierten.

Kaum ein Fingernagel

Die Einschläge schwerer Geschütze waren zu hören. Das Donnern eines rachsüchtigen Gottes, bereit in seiner Wut Berge zu versetzen. Von den Typen mit den Rohren und Raketen würde am Ende kaum ein Fingernagel übrig bleiben. Die Army bombardierte sie in die Hölle und wieder zurück. Darin waren wir gut.

Die Soldaten schleppten Roberta raus. Mike und die Kindersoldaten kotzten sich auf der Landebahn vor dem Hangar die Seele aus dem Leib. Die Luft war klar und die Sonne schien hell, als ginge sie das alles nichts an.Die Würgegeräusche klangen extrem widerlich und extrem herzzerbrechend. Die BBC sass einfach nur da und klammerte sich an meine Brüste. In Ordnung. Roberta Robin hatte nur den Arm gebrochen. Ich sollte mich nie erinnern, ob die Nacht mit Luisa «aaufrreeegggeeend» gewesen war. Zwei Jahre später hatte ich dann auch keine Angst vor dem Fliegen mehr. Den Scheich hat die Army bis jetzt nicht erwischt.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Neuer Bundes-Präsident*inx in Berlin gewählt (sowie alle weiteren Wahl- und Abstimmungsresultate der Woche 6/2017).

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