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Für Anina

Ich finde es richtig scheisse, wie von Menschen propagiert wird, «scheibe» anstelle von «scheisse» zu sagen. Meist befinden sich diese Menschen in der selben Schnittmenge derer, die das Ehrlichsein als eine der grössten Tugenden halten. Das ist scheisse. Richtig scheisse und nicht «scheibe». Und wenn man nicht sagen darf, wie etwas ist, wie sich etwas anfühlt, wenn man die treffendste Übersetzung dessen nicht aussprechen darf, dann ist das nicht nur scheisse, sondern eine richtig scheiss fette Lüge. Eine Lüge des Anstandswillens, eine Lüge, darauf bedacht, ja keine Komfortzone aufzurütteln.

Statt der «scheibe Propaganda», könnte man z.B. dafür einstehen, Menschen Kommunikationsfertigkeiten beizubringen, die es erlauben, treffendere – meinetwegen eloquentere – Formulierungen für «scheisse» zu benutzen. Scheisse nochmal, ja, gründet eine Bildungslobby, damit wir alle nur noch «fäzes» schreien. Aber scheisse nochmal, nein, werbt nicht für einen lächerlichen Platzhalter und den archaischen Gedanken, dass das wiederum kein Fluchen sei.  Der fluchende Mensch denkt «scheisse», der hörende Mensch denkt «aha, scheisse». Freilich, machen wir uns stark dafür, «scheisse» nicht nur zu sagen, sondern ein «scheisse» auch ertragen zu können.  Verbreiten wir, dass das Empfinden, von «scheisse» beleidigt zu sein, dem Empfinden, «scheisse» beschreibenderweise sagen zu wollen, nicht erhaben ist. Die Welt und wir Menschen sind anstössig, lasset es uns akkurat beschreiben und – wichtiger noch – darüber reden.

Ich schreibe diesen Text in Solidarität mit dem Mädchen, welches heute klagte: «Bapi, ich ha no kei Ufzgi gmacht und hüt Abig spielt doch d Schwiiz, scheisse!», und von ihrem Vater belehrt wurde: «Scheibe, Anina ich ha s dir scho hundert Mal gseit, mär seit scheibe!»

P.s.: Ufzgi sind wüki scheisse. Aber d WM halt au. #StayStrongAnina #SolidarityWithAnina

(Foto: Unsplash)

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Autor: Kenza Nessaf

Die 24-jährige Kenza Nessaf, alias Waltraud Glocke, alias Trudi G, verdient ihre Brötchen – vor Allem aber ihren Alkohol – als Regieassistentin am Theater. Ihr mütterliches Italien und ihr väterliches Marokko und ihr momentaner Wohnsitz in Deutschland halten sie nicht davon ab, sich als waschechte Winterthurerin zu verkaufen. Um ihrem Ruf als Gutmensch gerecht zu werden, lädt sie nur ganze Alben illegal im Internet runter und keine Singles. Ihren Geburtstag feiert sie mit Woody Allen, weil Pablo Escobar nicht mehr kann und fröhliche Menschen vor dem Kaffee bezeichnet sie als „ein bisschen schwieriger“.

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