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Als Dresden im Februar 1945 brannte

Auszug aus dem Roman «Die Meysers» von unserem geschätzten Gastautor Heiko HESH Schramm, Musiker, Produzent, Autor, Lebemann, Stadtindianer aus Dresden. Ein knallharter Text über die Bombardierung Dresdens! 

1.

Gegen Ende des tausendjährigen Reiches brannte in Dresden, was als unbrennbar galt –  die Häuserfassaden aus Sandstein und der Asphalt in den Straßen. Alles andere ließ sich bedeutend leichter entzünden: Ob die Ballkleider betuchter Dresdnerinnen, oder der braune Lederriemen einer geflüchteten Mutter aus Breslau, an den diese ihre 6 Kinder auf dem Frostbeulenmarsch über vereiste Felder, sowie der anschließenden Fahrt im Viehwaggon nach Dresden Hauptbahnhof festgebunden hatte, damit sie nicht verloren gehen. Einerlei ob ortsansässiger, in seiner eigenen Stadt quasi zu allem berechtigter Dresdner, oder ein Flüchtling, ohne Recht auf irgendwas: Dresden am 13. Februar 1945 war anders als Auschwitz, und anders als das Dresden von Heute: Wer die schutzbietende Stadt rechtzeitig erreichte, zum goßen Feuerwerk, wurde von diesem auch gerecht behandelt. Alles und jeder kam dran. Nur Juden gab es keine mehr, es war nicht zu ändern, wieder einmal sahen sie sich ausgeschlossen von den Feierlichkeiten, allesamt waren sie längst vergast. Selbst einen Juden konnte man ja schließlich nur einmal töten.

Schöne, hässliche, junge und alte Frauen waren die Zierde der Veranstaltung. Sie brannten vereint, wie zu den besten Zeiten der Inquisition. Die meist alten oder kränklichen, nicht einmal für Hitlers letztes Aufgebot als wehrtauglich eingestuften Männer schlossen sich an, gleich ob in Uniform oder Unterhose. Denn was war das Leben schon ohne die Weiber, erst Recht nach 5 paradiesischen Jahren an Frauenüberschuss.

Auch die unzähligen Kinder in Dresden verstanden trotz ihres jugendlichen Alters schon das eine oder andere vom Leben. An diesem Tag verstanden sie recht schnell, dass sie gerade für immer verlassen wurden. Futsch war er, der Schoß der Familie, das traute Heim, samt dem warmen Federbettchen, niemals nicht wieder ein Renftel von frischem, noch warmen Malfabrot, oder ein Wiener beim Fleischer am Schillerplatz, als Belohnung für ewiges, endloses, unaushaltbares Anstehen. Ohne Mama, ohne Papa, ohne jeden Schutz irrten sie umher, und erst Recht ohne die Chance, jemals in der Schule lernen zu können, dass die Flammen, welche sie gerade so übermütig durch die Luft wirbelten, als wöllten sie mit ihnen spielen bevor sie sie fraßen, an die 800° Celsius heiß waren. Lediglich den Neugeborenen blieb die Tortur erspart, diese, sozusagen, überaus brenzliche Situation reflekieren zu müssen. Auch damals galt, was bis heute Ehrensache ist: Bitteschön immer nur das Beste für unsere Kleinsten der Kleinen. Ein Baby verdampfte im Zeitraum eines Wimpernschlags. Bevor auf ewig zur Ruhe gezwungen, schwoll sein Geschrei ein letztes Mal grausig an, das Recht auf Leben einzufordern, ein Leben, was ihm niemals vergönnt sein würde. Holy hell on earth – Immerhin, die Erfahrung, wie es sich anfühlt unvorstellbare Schmerzen zu erleiden – ohne etwas zu verstehen oder jemanden um Hilfe bitten zu können – war im Unterhaltungsprogramm des Kurzurlaubs auf Erden enthalten gewesen. Und für Grenzerfahrungen im Leben sollte man auch ein wenig dankbar sein.

Wenn die Menschen auch größtenteils ziemlich schnell verschwunden waren, mit ihren Überresten war es wie verhext.

Entkernen Sie mal ein lange bewohntes Apartment geliebter oder Ihnen verwandter Menschen, dann bekommen Sie eine leise Ahnung, wie hartnäckig längst Verstorbene ihre letzten Spuren verteidigen: An den Wänden lauern die Umrisse von auf dem Sperrmüll gelandeten Bildern, Deal: Zu Lebzeiten erhielten die der Tapete einen Rest Jungfräulichgkeit, indem sie Zigarettenrauch und andere menschlichen Ausdünstungen fernhielten, also erinnerten diese rauhen Fasern nun störrisch, an die gmeinsame Vergangenheit. Gut, runter mit der Tapete. Aber wie stehts mit dem Linoliumboden in der Küche und was du darunter finden könntest? Bist du darauf gefasst, auf den Einkaufszettel? In Omas schrägangesetzter Handschrift?

Die Alliierten vertrauten am 13. Februar ganz auf die Wirkung ihrer Vier-Pfund-Thermit-Bomben. Sie verzichteten, vor allem aus Mangel an Know-How vor Ort, auf die viel fortschrittlichere Technologie der Nazis: Deren sich lange in der Praxis bewährte, und für äußerst sauber befundene industrielle Massentötung, in der Hauptsache ein perfektes Zusammenspiel aus Vergasung und anschließender Entsorgung in riesigen Ofenanlagen, war ja auch nicht wirklich so einfach nachzuahmen. Das waren schon echte Füchse, diese Deutschen!  Also nahm es nicht Wunder, dass die in Dresden, sozusagen, im Freien ausgeführte Auslöschung tausender und abertausender menschlicher Existenzen, ein paar signifikante Spuren hinterließ: Wer die Muse hatte, ein wenig in die Ecken zu schauen, fand verschiendenartig geformte Knochen – für den Moment durchaus mit einer ärcheologischen Sensation verwechselbar -, seltsam nutzlos erscheinendes Knorpelgewebe bedeckte den Boden von so manchem Luftschutzbunker, aber vor allem, gab es unfassbare Mengen an rumpfartigen Gebilden aus verkohltem Menschenfleisch zu bestaunen. Es mussten Tausende und Abertausende sein. Baumstammartige Klumpen, schwelend, als könnten sie sich noch ein letzes Mal mitteilen, obwohl aufgrund aller gerade dahingegangener Lebenserfahrung doch nun wirklich hätte klar sein müssen, dass sich kein Mensch je anhören will, was die Geschichte lehrt.

Gebraten wirkte Menschenfleisch erstaunlich knusprig, ganz ähnlich dem von Rehen oder gar Wildschweinen. Nur dass es nicht annähernd so gut roch und bedeutend eher zu Kohlenstaub zerfiel. Vereinzelt, zum Beispiel in der Nähe vom alten Schlachthof, gingen auch Ölbomben nieder, dort sahen die menschlichen Überreste wie frisch gekochtes Rindfleisch aus.

Verdampfendes Blut mit kleinen Fettaugen darin bildete riesige Lachen.  Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sie für Überreste menschlichen Angstschweißes im Angesicht des Todes gehalten haben. Ohne jede Eile, mit dem gesunden Selbstbewusstsein frisch ausgestoßener Lava, – wenn auch nicht ganz so stückig -, floss die zähflüssig-blutende Pampe auf die von den Bomben säuberlich offengelegten Keller hinzu. Dummerweise hatten die wenigen noch Lebenden dort bereits mit, oder treffender, in ihrem eigenen Blut alle Hände voll zu tun. Fleisch, Blut und Knochen, waren jedoch noch lange nicht alles, was einen Menschen ausmachte. Nun, die lebenslange Übung zahlte sich aus: Die für immer zum Schweigen gebrachten Seelen verhielten sich erstaunlich ruhig. Das seltsame Heulen in der Stadt konnte man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Nein, dieses, nennen wir es ruhig Freudengeheul, kam doch tatsächlich von der Hitze der Flammen, welche sich in zu kurzer Zeit über zu viel Sauerstoff hermachen durften.

Eine Sache darf man, bei aller gebotenen Pietät, allerdings nicht unerwähnt lassen: Die brennenden, menschlichen Haare waren ein echtes Ärgernis: Sicher, sie rundeten das Bild dieser Hölle akustisch ab, mit ihrem geheimnisvollen Geknister, aber sie ließen es sich auch nicht nehmen, ihr Verglühen in Form eines gräßlichen Gestanks zu vergelten, den keine Nase je vergessen würde. Sofern deren Besitzer noch über zwei heile Beine verfügte, um weiterhin am spannenden Rennen um eine gelungene Flucht aus diesem Inferno teilnehmen zu können.

Dabei sein war alles für die Dresdner, und meistens war’s das dann auch. Ein erfolgreicher Abschluss, dieses Vorläufers der ultimativen Reality-Show um alles oder nichts, war nur wenigen vergönnt. Das war durchaus so gewollt. Neben einigen anderen Kleinigkeiten, wie z.B. der Unterbeweisstellung der Schlagkraft der britischen Royal Air Force, ging es hierbei immerhin um Bestrafung. Diese hatte sich Deutschland nach Meinung der Allierten redlich verdient. Der Trick bei dieser besonderen Art von Strafaktion war, die Brandbomben so über dem dichtbesiedelten Stadtzentrum abzuwerfen, dass sie einen sogenannten Feuersturm entfachen würden. In gewisser Weise war diese Form von Kriegsführung, zumindest was die Menge der abgeworfenen Bomben, sowie der an der Operation beteiligten Bomberverbände anging, eine Art Strategietest. Ganz ähnlich, wie ein paar Monate später, im Sommer dieses ereignisreichen Jahres, der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Aber die Aufregung war umsonst gewesen, alles ging so glatt über die Bühne, wie die schnurrenden, gut geölten Leinen am Bombenschacht einer B17 oder eines der in der Abendsonne glitzernden Lancaster-Bombers:

Alles und jeder brannte, verglühte und schwelte dahin – im schönen Elbtal. Die Dresdner nahmen mit sich in den Tod, was sie ausgemacht hatte: Hoffnung und Hunger, Harndrang und Hass, Heldenverehrung und verschmandeten Hosenlatz. Heil war hier nichts mehr. Hinab ging es, in die Hölle für alle, und klein Helmut flog noch hinterher  – Heil dir, Heil Hitler!

 

Heiko Hesh Schramm
Heiko Hesh Schramm
 
Heiko HESH Schramm, Jahrgang ’71, Stahlwerker, Altenpfleger und Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg … oder war das Charles Willeford?
Am Bass für Chris Whitley on tour durch Amerika, Paris war aufregender. Seit Whitley’s Tod schreibt er Songs, bringt seine Alben raus und scheißt drauf, für 50 Euro in Hamburg spielen zu «dürfen».
Privat hat er eine Schwäche für gebratenes Fleisch; ist mit der Frau die er liebt, auch befreundet, und steht auf dem Standpunkt, dass Israel seine Angelegenheiten ganz gut allein regeln kann.
In seiner Preisklasse, ist er der bestangezogenste Mann des Universums.
Und, wie jeder andere Mensch in Westeuropa auch, schreibt er an einem Roman. Mehr zu HESH’s Biografie auf Wikipedia.

Fotos: René Gaens

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Autor: Gastautor

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